An den Ufern der Lieder

von Gerhard Zahner

Konstanz, 4. Juli 2010. Jetzt also Albers. Hans Albers. Zuvor die Callas-Revue, die Knef, Piaf natürlich, Juhnke wäre offen, man sollte Belafonte, vielleicht sogar Jagger anschreiben, sie sollen sich beeilen. Das Publikum ist wie ein trivialer Orpheus, der in die Unterwelt steigt, und sich nach jedem Schatten umwendet, der schwerer als Erdenluft scheint. Es ist die neue Form von Totentanzreise. So auch in Konstanz.

Oh, süßes Wehen der Erinnerung

Diese Revue, mit ihrer ewigen Fasnachtsstimmung, bringt das Publikum zum Toben. Konstanz spielt "Hoppla, jetzt komm ich!", Tatjana Rese hat es inszeniert und auch geschrieben, was man halt so schreiben nennt. Es sind einzelne kleine Sätze oder Szenen, die wie Brücken das Publikum hinüberführen an die Ufer des nächsten Liedes. Was in der Erinnerung weht, ja, das wird nachgesungen. Albers' Klang ist es nicht, aber unsere Stimmung, die wir damit verbinden, Regenfilme an einem Sonntag, Fasnachtsdauerbrenner, "das kann doch einen Seemann ...", man kennt es, "auf der Reeperbahn nachts um halb eins".

Jedoch, ein Kind, das von schlechten Träumen erwacht, in die dunkle Küche stapft und den Kühlschrank öffnet, begreift mehr vom Leben – es wird zwar Licht, aber auch die Kälte strömt heraus – als der Zuschauer dieses Albers-Abends. Tatjana Rese hat ihn auf viele Rollen verteilt, vom kleinen Metzgersohn spielt er sich hinauf, wird größer und groß. Die Bühne ein Halbrund, fast wie ein Schiffsbug, die Holzgalerien vor großen Kitschbildern, Seedampfer mit schwarzem Rauch, von der Decke hängen weiße Tauben, in einer Nische spielt eine Kappelle. Alles ist wunderschön. Aus der ersten Reihe beginnen die Zuschauer mit Blitzlicht zu fotografieren, hinter mir singt ein älterer Mann – falsch dazu – die Refrains.

Schablone der Ruhmsucht

Albers hat sicher mehr verdient. Das Publikum nicht. Es ist so, als blättere man im Wartezimmer in der "Neuen Post". Der Artikel macht es sich einfach. Macht alles leicht. Die Inszenierung spielt Schlager, spricht Schlager und hat Schlagerschauspieler. Klaus Redlin ist wirklich gut. Er dreht sich, singt, klingt nach einer Sehnsucht, die Albers nah sein könnte, es aber nicht ist. Nur von der Schablone der Ruhmsucht das Profil von Hans Albers abzuzeichnen, ist zu wenig. Die Begegnung mit Hitler peinlich. Die Tragödie seines Lebens, die Liebe, wird nicht erzählt.

Durch diese Inszenierung sind wir vermählt mit unserer eigenen trivialen Erinnerung. Die Regisseurin besitzt das Talent, diese Stimmung über fast zwei Stunden zu halten. Ich prophezeihe einen großen Erfolg. Ja, den wird sie haben. Weil nichts darin vorkommt, was einen Feierabend trübt. Ein Abend, der paradoxerweise gelungen ist. Unter Verzicht, die Lust an der Trivialität zu ändern.

 

Hoppla, jetzt komm ich! Eine Hans-Albers-Revue
von Tatjana Rese
Regie: Tatjana Rese, Ausstattung: Pia Wessels, Musikalische Leitung: Günter Lehr, Choreografie: Ana Mondini, Dramaturgie: Cornelia Steinwachs.
Mit: Gislén Engelmann, Jessica Rust, Thomas Fritz Jung, Johannes Merz, Klaus Redlin; Musiker: Stefan Gansewig, Rudolf Hartmann, Arpi Ketterl sowie Mitgliedern des Konstanzer Shantychors.

www.theaterkonstanz.de

 

Mehr Hans Albers gefällig? Lesen Sie auch, welche Form Luk Perceval im April 2010 bei seinem Albers-Abend Große Freiheit Nr. 7 am Hamburger Thalia Theater für die Sehnsucht fand.

 

Kritikenrundschau

Bei der Begeisterung in der Spiegelhalle des Konstanzer Stadttheater sei das Durchschnittsalter der Zuschauer nicht unerheblich und "mit Sicherheit der Erinnerungsbonus mit im Spiel" gewesen, schreibt Maria Schorpp im Südkurier (7.7.2010). Interessanterweise sei es "der älteste der fünf Spielenden, der das größte Potenzial beweist, über verblasste Erinnerungen und bekannte Ohrwürmer hinaus Interesse zu binden". Klaus Redlin lege einen Humor an den Tag, "der sich von Rollenmustern freigespielt hat. Sein nuschelnder Hans im Glück braucht außer Schauspielkunst nicht viel mehr, um die Leute hinzureißen". Tatjana Rese eigens für Konstanz geschriebene Revue belasse es nicht bei dem einen Hans Albers, sondern zeige eine "multiple Persönlichkeit" also. Auch werde hier nicht "ein Vorkriegsschlager nach dem anderen runtergenudelt", sondern gespielt. "Ob Hans Albers ein Held war oder ihn nur gespielt hat, heißt eine der Fragestellungen." Die Revue führe einen "gespaltenen Menschen vor, ohne sich jedoch im Seeleninneren zu verlieren". Überdies sorgten Verfremdungsmomente für "neue Hörerlebnisse, wobei sich der Schlager doch durchsetzt". Letztlich gehe es "vor allem um Spaß, auch wenn es ernst wird". Das habe mitunter "großes Spaßpozential", sei "nicht so richtig neu sein, aber überzeugend".

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