Fuck the Township

von Kerstin Edinger

Mülheim an der Ruhr, 5. Juli 2010. Wie kuschelig und harmlos geht es doch in deutschen Theatern zu, gegen das was Mpumelelo Paul Grootboom und sein südafrikanisches Township-Ensemble hier präsentieren. Der gerade aus der Haft entlassene Kaya versucht in der harten Welt der Townships von Johannesburg integer zu bleiben und seine gerade entflammte Liebe zu Palesa zu bewahren. Doch er scheitert an der realen Härte seiner Umgebung. Es ist laut, es kracht, es wird geschrieen, gekämpft und geschossen. Die Sprache ist vulgär und einfach, unzählige "Fuck you" unterstreichen das Milieu, in dem die Geschichte spielt.

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© Mpumelelo Paul Grootboom

Zwischen korrupten Cops und geldgierigen Kriminellen

Grootboom serviert den Zuschauern kein mundgerechtes Sozialdrama, sondern die Darbietung ist genauso unbequem und direkt wie die Realität sie vorgibt. Wenn Huren mit Polizisten übers Ficken sprechen, Töchter von ihren alkoholisierten Vätern geschlagen werden, die Polizei Gefangene mit Elektrostössen foltert, wirken die Darsteller real und lebensecht.

Doch versucht Grootboom keinen Moment uns etwas vorzugaukeln. Maschinengewehrsalven werden als Ölfässer-Getrommel zelebriert, Einkaufswagen mit zwei montierten Scheinwerfern und Motorengeräuschen vom Band fungieren als Autos. Die kahle Bühne mit Brettern und Bierkästen, Fässern und Garderobenständern strahlt Probencharakter aus.

Kultcomic als theatrale Township-Romanze
Die Vorlage von "Welcome to Rocksburg" ist ein südafrikanischer Comic, der in den Townships Kultstatus geniesst und den Grootboom gemeinsam mit seiner Truppe, die überwiegend aus Laiendarstellern besteht, in Improvisationen erarbeitet hat. An erster Stelle steht die Emotion, das Gefühl, dann erst folgt der Text. Dank seiner vor Spielfreude und Dynamik strotzenden Truppe geht das Konzept auf.

Die Herangehensweise der Schauspieler ist keine psychologisierende, sondern sehr intuitiv.
Doch obgleich Grootboom die Charaktere stilisiert, zeichnen er und seine Schauspieler Figuren mit Brüchen, Hin- und Hergerissene zwischen Moral und purer Not. Die Handlung mit korrupten Cops, geldgierigen Kleinkriminellen und einem sich nach Liebe sehnendes Paar mittendrin wirkt gar nicht platt und packt die Zuschauer emotional. Wem kann man trauen, wer sind die Verräter in den eigenen Reihen?

Geschickt wechselt Grootboom die Perspektiven, greift tief in die Kiste filmischer Tricks und zieht die Zuschauer durch ein Wechselspiel von Distanz und Nähe immer tiefer in das Geschehen hinein. Er lässt Kämpfe in Zeitlupe ausfechten und wie Denkblasen in einem Comic vermitteln innere Monologe ein Bild von der Verfassung der Figuren.

Um die Dramatik der Handlung zusätzlich zu unterstreichen setzt er reichlich Musik ein, ob vom Band oder als Live-Percussion. Wenn die Unprofessionalität seiner Darsteller in leisen und emotional schwierigen Szenen aufzufallen droht, biegt er im rechten dramaturgischen Moment ab in eine überzogene Dramatik oder bewusst eingesetzte Körperlichkeit.

Frisch und authentisch
Zwischen harter Realität und kitschiger Übertreibung präsentiert Grootboom sein Stück formal streng unterteilt in sieben Kapiteln, die alle mit Nummerngirl angekündigt werden und so pathetische Titel tragen wie "Guter Bulle, böser Bulle" oder "Der Kuss des Todes". Erst am Ende weist die schnell erzählte Aufführung Längen auf wenn sich der plakativ mit Pappschild angekündigte Showdown mit seinen Kämpfen immer weiter ausdehnt.

Dessen ungeachtet überzeugt Mpumelelo Paul Grootboom, der aus dem Bauch heraus Theater macht, mit einer Frische, die im deutschen Stadttheaterbetrieb oft verloren geht. Ein Stück südafrikanische Direktheit, die auf den ersten Blick klischeehaft scheint, aber eine gehörige Portion Authentizität ausstrahlt.

 

Welcome to Rocksburg
von Mpumelelo Paul Grootboom
Text und Regie: Mpumelelo Paul Grootboom, Bühne: Tlhapang Petsu, Kostüme: Kedibone Tholo.
Mit: Sello Zikalala, Segomotso Modise, Lucky Mathenyane, Fumani Shilubana, Mandlenkosi Gaduka, Boitumelo Matlape, Refilwe Cwaile, Ntshepiseng Montshiwa, Tshegofatso Dibetso.
Percussion: Joseph Kgomo, Velaphi Mahlaola.

www.theaterderwelt.de

 

Mehr zu Theater der Welt 2010: Esther Boldt schrieb über William Kentridges Nasen-Lecture und über die Verwirrung der orthographischen Kategorien. Guido Rademachers sah den Live-Stream einer Kirschgarten-Aufführung von Kristian Smeds in Vilnius.

 

Kritikenrundschau

Regisseur und Autor Mpumelelo Paul Grootboom sei "sichtlich geprägt vom Hollywoodkino", meint Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (12.7.2010). "Melodramatische Musik umspült die Szenen, die Dialoge sind platt und die vielen Schlägereien von brutaler Blockbuster-Wucht. Theater als Township-Comic? Das soll so sein, und das hat man schnell kapiert. Und dann? Bleibt bloß das enthusiastische Spiel des Ensembles, entwaffnend sympathisch. Der Abend ist voraussetzungslos konsumierbar und wohl auch deshalb ein Publikumsrenner – aber ohne größere künstlerische Impulse."

Grootboom mag es nicht, als "Township-Tarantino" bezeichnet zu werden, so Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (8.7.2010). "Aber das trifft ziemlich genau, was er tut." Der Abend sei ein knallharter und romantischer Gangsterfilm mit Theatermitteln. Melodramatisch brüllen die Akteure ihre Texte, während sie sich wie in Zeitlupe bewegen. Ein korrupter Polizist philosophiert über Reinkarnation, der Gangsterboss hat philosophische Anwandlungen. "Über das heutige Südafrika sagt die wilde Show wenig aus, mehr über die Begeisterung ihrer Macher für cooles Trashkino und die Lust an Primärreizen." Aber die Theatermacher sollen gar nicht als Botschafter ihres Landes auftreten, sondern einfach Künstler sein. "Künstler, die das Publikum mit ihren Fantasien, Träumen und Gedanken konfrontieren. Ohne definierbaren Nutzwert."

Regisseur Mpumelelo Paul Grootboom beziehe "alle gängigen Muster und Klischees aus Hollywood" mit in seine "Geschichte vom grundehrlichen schwarzen Jungen" ein, so Karin Fischer vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 6.7.2010). Dabei zeige er u.a. "etliche toll choreografierte, hochenergetische Kampfszenen wie aus einem Hongkong-Movie". Vom Polizeithriller wechsele er bruchlos zur Seifenoper und zum Varieté. Das Grundprinzip des Stücks sei allerdings "zu schnell zu durchschauen". Die südafrikanische Realität spiele hier keine große Rolle mehr, stattdessen lade der Regisseur der Geschichte "unverdrossen ein Klischee nach dem anderen auf". Dabei warte seine "aggressive Truppe" mit "extrem körperlichem Spiel" auf. "Für das europäische Publikum ist diese andere Energie, die hier über die Rampe kommt, das eigentliche Ereignis." Grootboom thematisiere die "Westprägungen, mit denen jeder alphabetisierte Mensch auf dieser Welt täglich lebt", und ironisiere geschickt die Vorurteile gegenüber schwarzer Gewalt. Wie er "seine Themen Gewalt, Vorurteile, Rassismus in eine neue Umlaufbahn schießt und Banden-Kriminalität als Hollywood-Thriller auf die Bühne bringt", sei "ganz sicher ein gelungener Versuch des kulturellen Cross-over".

"Einen der gefragtesten und umstrittensten Theatermacher Afrikas" habe sich das Festival mit Grootboom eingeladen, meint Dorothee Krings in der Rheinischen Post (7.7.2010). In "Welcome to Rocksburg" begegne der Zuschauer "fortwährend tragischen Figuren, die manchmal durchaus Gutes im Sinn haben, doch an den Verhältnissen scheitern". Dass hieraus "kein müdes Zeigefingertheater" wird, liege an Grootbooms schneller und packender Inszenierungsweise, dem Film nahe, "inklusive Zeitlupen. Immer wenn die Figuren reflektieren und wieder die Gewalt losbricht, bewegen sie sich hyperlangsam, überzogen wie im Comic." Diese "gedehnten Schlägereien" seien "einerseits perfekt choreografierte, artistische Kunststücke, fast schön anzusehen, andererseits ziehen sie die Grausamkeit derart in die Länge", um etwas auszustellen und damit die Probleme der südafrikanischen Gesellschaft – "Gewalt, Korruption, Alkoholismus" – "anzuklagen. Das sei "wenig tiefschürfend, aber eindrücklich und – ja, auch unterhaltsam", dank Grootbooms "Gespür für Timing". Er lasse "Szenen mit minimalen Mitteln lebendig werden", seine Spieler stürzten sich "mit ganzem Körper in ihre Rollen". Ein Theater, das nicht analysieren, sondern aufklären will, "indem es Realität vor Augen führt. Das funktioniert auch in Europa."

 

 
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