Gegenwart statt Ohrensessel

1. Juli 2010. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geißelt Gerhard Stadelmaier bei seinem traditionellen Ausblick auf die Spielpläne der kommenden Saison die Mode der Zeit: "In Frankfurt sind nur ungefähr zwanzig Prozent des Spielplans episch verseucht, an den Münchner Kammerspielen dagegen gut achtzig, im Berliner Gorki Theater an die neunzig Prozent. Den Bühnen scheint die Lust aufs neuere Drama ziemlich vergangen." Dabei handele es sich natürlich um Bequemlichkeit, denn: mit einem Stück sei man "immer in Gesellschaft: von fremden Leuten" und "immer in einer anderen Welt". Der Roman dagegen bietet den "Gemütsschutz des Ohrensessels", der "Schmökerer darf sich was wünschen". Bei den "richtigen neuen Stücken" diagnostiziert Stadelmaier einen "eindeutigen Schlag ins Exotische", egal ob es sich um die Probleme eines Bauherrn mit Handwerkern (Roland Schimmelpfennig) handelt, deutsch-ivorische Begegnungen (Gintersdorfer/Klaßen) oder um "schick resignierte Soziologen, die die Welt im Monopoly-Spiel beherrschen".


8. Juli 2010. In der Zeit berichtet Peter Kümmel heute ganzseitig über die aktuellen Theaterrepräsentationsnotstände, auf dass man sich am Ende des Texts dennoch fragt, was dieses Unbehagen am zeitgenössischen Theater eigentlich genau ist. Theater, sagt Kümmel jedenfalls, seien heute eher Callcenter, die sich eines Stückes annähmen, es mit trügerischer Verbindlichkeit verwalten. Als Theatergänger könne es einem deswegen leicht so gehen wie einem Anrufer beim Callcenter: Man ist verloren unter lauter Fremden; man irrt umher zwischen Leuten, die nicht verantwortlich sind.

Kümmel schlägt von hier den Bogen zu den Theatermachern, allen voran den Schauspielern: "Seit einer Weile ist im deutschen Theater häufig zu sehen, dass ein Schauspieler keine Figur mehr spielt, die Idee der Figur an sich ist out. Stattdessen geht es um Texte, aus welchen das Ensemble sich Figuren baut und durch die es sich seine Wege bahnt." Eine Standardsituation sehe im Theater deshalb zur Zeit so aus: "Fünf oder zehn Schauspieler verwalten gemeinsam ein Stück, einen Text, zu Neudeutsch eine Textfläche." Wechselnde Sprecher schlüpften mit trügerischer Verbindlichkeit in eine Situation, streiften eine Rolle über und wenig später wieder ab. Sie sind immer in Eile, denn sie haben mehrere Figuren zu betreuen.

Dann könne es geschehen, dass sich zehn Darsteller über einen Roman hermachen, manchmal höre man sie sogar die Seitenzahlen des Romans mitsprechen. Das Theater aber, so Kümmel, das seine Stoffe bei Romanlektüre und Filmstudien finde, das schaukele sich in die Bequemlichkeit, bestehende Kunst als Materiallager zu begreifen.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem Epiker und dem Dramatiker bestehe darin, beruft sich der Text auf den von Goethe und Schiller gemeinsam verfassten Aufsatz "Über epische und dramatische Dichtung", dass der Epiker die Begebenheit als vollkommen vergangen vorträgt, und der Dramatiker sie als vollkommen gegenwärtig darstellt. "Das aktuelle deutsche Theater widerlegt diesen Befund", so Kümmel, "übt sich darin, eine Begebenheit auf der Bühne als nicht vollkommen gegenwärtig darzustellen, sondern sozusagen als halb vergangen." Das Postulat, Theater habe eine Begebenheit als "vollkommen gegenwärtig" darzustellen, sei damit außer Kraft. Aber das epische, also erzählende Theater, das ist für Kümmel eben auch das trügerische, das alles zu Vergangenheit erklärt, während das Dramatische sich mit Momenten befasst, die nicht erzählbar, sondern nur spielbar sind. Und im Spiel als etwas vollkommen Gegenwärtiges erscheinen.

Eine Figur zu erschaffen, plädiert Kümmel, heißt aber: sich ihr zur Verfügung zu stellen und sie durch sich hindurchtönen (personare) zu lassen. Es bedeutet: ein Wesen zu erfinden, das nur in Platons Augenblick lebt. Fazit: Wer nicht den Willen hat, diese Wiederbegegnung zu erleben, sollte gar nicht erst anfangen mit dem Theater.

 

Mehr zum Thema Romane auf der Bühne? Nachtkritiker Stefan Bläske hat den Argumenten Gerhard Stadelmaiers noch einmal auf den Zahn gefühlt.

 

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