Wir performen, also sind wir

von Elena Philipp

 

Berlin, 08.-10. Juli 2010. Was verbindet Giottos Fliege mit Duchamps Ready-made Fountain? Ein Urinstrahl. Zumindest in Hartmut Böhmes Vortrag "Acting Objects", in einem so eleganten wie amüsanten Bogen. Zur Aufführung gelangte Böhmes Enkomion an die Fliege bei der Abschlusskonferenz des DFG-Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" in Berlin. Drei Tage Resümee und Ausblick unter dem Titel "Performing the Future", nach elfeinhalb Jahren und 24 Millionen Euro Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Eine Leistungsschau der Wissenschaft, eine große Bühne für die Performativität.

Landung im Urinal

Unter Anwendung der SFB-Begriffe fragt der Kulturwissenschaftler Böhme in seinem Vortrag nach der 'agency', dem Handlungsvermögen eines Bildes und expliziert es mit der genannten Fliege: Täuschend echt soll der Florentiner Giotto das Tier gemalt haben, so dass sein Meister Cimabue es mehrfach vom Gemälde zu verscheuchen versuchte, ehe er seinen Irrtum erkannte. Diese Geste - sie ist Resultat der 'energeia' von Bildern, ihrer Taktilität und handlungsauslösenden Funktion, so Böhme.

giotto
Giottos Hauptwerk: Fresken in der Scrovegni-Kapelle in Padua

Im Fall der Zielfliege, einer lebensnahen Abbildung des Insekts über dem Abfluss eines Urinals, tritt nun der Urinstrahl metonymisch für den Tastsinn ein. Die Applikation auf der Keramik verführt zum Zielspiel, sie wirkt harnleitend und sichert die Hygiene. "Giottos Fliege landet in Duchamps Urinal", beendet Böhme seine Tour de force durch die "Toilettengänge der Kunstgeschichte", die wesentlich vom Künstler Theo Ligthart angeregt ist. Der Vortrag ein Virtuosenstück. Das Publikum staunend.

Performativer Freiheitsbegriff
An Wirkung übertrifft allein das Auftreten des Stargasts Judith Butler Böhmes Performance. Zum ersten und einzigen Mal in diesen drei Tagen sind alle Plätze des Theatersaals im Haus der Kulturen der Welt besetzt, und Butlers Vortrag zu "Performative Gender, Precarious Politics" wird zusätzlich live ins Foyer übertragen. Die Philosophin und Philologin aus Berkeley eröffnet in der Hinwendung zum Politischen eine Dimension des Performativen, die über selbstbezügliche Denkspiele hinausweist. Im Anschluss an Hannah Arendt entwickelt sie einen performativen Freiheitsbegriff. Wie Gender stellt sich auch Freiheit nur im Vollzug und im sozialen Raum her; die öffentliche, gemeinschaftliche Performance kann Freiheitsgrade schaffen.

Als Beispiel nennt Butler die Demonstrationen illegaler Immigranten in den USA, die sich das Recht auf Versammlungsfreiheit trotz drohender Abschiebung selbst zugesprochen und eben dadurch auf seine Aberkennung hingewiesen hätten. Eine derartige Cultural Performance scheint Butler zufolge Prekarisierung, verstanden als Nicht-Anerkennung des Subjekts durch die (Staats)Macht und Einschränkung von Handlungsoptionen, mindern oder sogar überwinden zu können. Butler schließt in ihrem Vortrag an den positiven, produktiven Performance-Begriff an, der laut Doris Kolesch bei der Begründung des SFB ausschlaggebend war.

Diskursive Allzweckwaffe
Die destruktiven Aspekte, wie sie sich etwa in sprachlichen Gewaltakten oder Folter manifestieren, fanden erst in der letzten Forschungsphase wirklich Berücksichtigung. Kolesch, Theaterwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin, weist selbstkritisch auf die anfängliche euphorische Performatisierung der Welt hin und erklärt, wie sich Performanz in ihrem Teilprojekt zur Stimme im Laufe der Zeit zu einer operativ-kritischen Kategorie gewandelt habe. Ein Prozess der erfreulichen Entzauberung.

Andere Forscher lassen noch nicht ab von der Vorstellung, der Performanz-Begriff sei eine diskursive Allzweckwaffe. Jon McKenzie diagnostiziert Performance gar als zentralen transformativen Machtkomplex des 20. und 21. Jahrhundert, so wie die Disziplin Foucault zufolge die bestimmende Formation in den beiden Jahrhundert zuvor gewesen sei. "Lyotard, Marcuse and myself" hätten das erkannt und aufgeschrieben. Alle Achtung.

Performative Papst-Enzyklika
Beachtliches Sendungsbewusstsein verströmt auch die begnadete Wissenschaftspromoterin Erika Fischer-Lichte, Sprecherin und Stammmutter des SFB. Nicht ohne Verwunderung nimmt das vorwiegend wissenschaftsnahe Publikum zur Kenntnis, dass sie sich sogar den päpstlichen Segen für ihr Forschungsfeld herbeizitiert. In der Enzyklika "Spe Salvi" aus dem Jahr 2007 schreibt Papst Benedikt XVI: "Die christliche Botschaft war nicht nur 'informativ', sondern 'performativ' - das heißt: Das Evangelium ist nicht nur Mitteilung von Wißbarem; es ist Mitteilung, die Tatsachen wirkt und das Leben verändert." Performativität als theologisches Wunderwerkzeug, oha.

Dass sich Fischer-Lichte auf die institutionalisierte Religion bezieht, wirkt nur wenig willkürlich. Ihr Lobpreis auf den "Moment reiner Potentialität", in dem Neues zur Emergenz kommen könne, das Beschwören von Ekstase und Energie einer Aufführung und einer Wiederverzauberung der Welt klingen ohnehin reichlich magisch-religiös. Die Konferenz als Ritual wissenschaftlicher Relevanzbehauptung lesen zu können, ist jedoch sicher mit ein Verdienst der Performativitäts-Forschung.

Die befremdlichen Bemühungen um Auratisierung lenken letztlich nur ein wenig davon ab, dass in manch einem präzisen Vortrag deutlich wird, welch an- und aufregenden Perspektiven der Performance-Begriff ermöglicht, etwa wenn Hans-Jörg Rheinberger das wissenschaftliche Experiment als Ort der Emergenz beschreibt. Im Großen und Ganzen mag die Performativitäts-Forschung den Bogen überspannt haben. Den kühnen Gedankenflug der Fliege aber möchte man auch in Zukunft nicht missen.

 

Performing the Future
Konferenz mit u.a. Hartmut Böhme, Gottfried Boehm, Judith Butler, Erika Fischer-Lichte, Lucian Hölscher, Gertrud Koch, Doris Kolesch, Sybille Krämer, Jon McKenzie, José É. Munoz, Hans-Jörg Rheinberger, Irit Rogoff, Elaine Scarry.

www.sfb-kulturen-des-performativen.de

 

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