Im Sog der Bilder

von Sarah Heppekausen

Essen, 15. Juli 2010. Wie ein herangezoomter Satellitenblick auf die Erde, so sieht das große Bild im Bühnenhintergrund noch am Beginn des Abends aus. Die Pixellandschaft scheint sich in Form und Farbe mal zu verdichten, mal auseinander zu laufen. Es ist der bewegte Blick auf eine Welt im Wandel. Robert Musils Jahrhundertroman "Der Mann ohne Eigenschaften" erzählt vom Untergang des alten Europa, er spielt in Wien im Jahr 1913, der Erste Weltkrieg steht kurz bevor. So wie damals die bürgerliche Gesellschaft zerfiel, so löst sich auch das Bild auf der Leinwand in seine Einzelelemente auf.

Erst später ist zu erkennen, dass es sich dabei gar nicht um Satellitenaufnahmen der Erde handelt, sondern um Nahaufnahmen von Leonardo da Vincis Gemälde "Das letzte Abendmahl". Der Antwerpener Toneelhuis-Regisseur Guy Cassiers ist bekannt für seine visuelle Bühnentechnik. Auch im ersten Teil seiner Musil-Trilogie dominiert das Bild. "Der Mann ohne Eigenschaften I", im Juni in Antwerpen aufgeführt, feierte nun Deutschlandpremiere beim Festival "Theater der Welt" im Essener Grillo Theater.

Multimedial ausgespielter Raum

Verfremdete Gemäldeausschnitte, Live-Videoaufzeichnungen, Schichtungen und Überblendungen formulieren in dieser Produktion eine eigene Sprache neben dem Text. Trotz der monumentalen Aura die Musils Text anhaftet: die Bilder bannen. Derjenige Zuschauer hat es gut, der niederländisch versteht, denn er ist nicht permanent damit beschäftigt, die Übertitel zu lesen und kann sich der Sogkraft des Visuellen hingeben.

Denn abgesehen vom multimedial faszinierend ausgespielten Raum (neben den Videobildern gibt es atmosphärische Lichteinstellungen und Wagner-Motive live am Flügel intoniert) überwiegt auf der Bühne vor allem das glatte Aufsagetheater. Das ist einerseits dem allgemeinen Umstand geschuldet, ein Prosawerk auf die Bühne zu bringen. Andererseits gibt in diesem Fall der literarische Text selbst die Begründung für eine zurückgenommene Handlung.

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© Koen Broos

Leerlauf ist ein zentrales Thema bei Musil. Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, wird zum Sekretär der so genannten "Parallelaktion" berufen. Es geht um Pläne für die Feier zum siebzigjährigen Kronjubiläum des österreichischen Kaisers. Pläne für die Ewigkeit, sie laufen zeitgleich zu den Vorbereitungen in Deutschland für das 30. Kronjubiläum des deutschen Kaisers.

Aus der Parallelaktion allerdings geht keine einzige Handlung hervor, nichts wird beschlossen. Die Zivilisation hat sich selbst überholt, der Einzelne ist in seinen Ideen aus der Vergangenheit steckengeblieben. Auch dafür hat Cassiers das passende Bild. Lauter leere Bilderrahmen verweisen auf die Musealisierung der Menschen. Schablonen für Kakanien, Rahmen für Reproduktionen einer nicht mehr zeitgemäßen Gesellschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Mit Pferdegeschirr um den Bauch

Der Mann ohne Eigenschaften ist einer, der ganz offensichtlich ins Leere läuft. Er rennt auf der Stelle, boxt in die Luft, balanciert auf ebener Fläche und springt Seilchen ohne Seil. Ulrich glaubt eher an Möglichkeiten als an die Wirklichkeit, denn nur so kann man einwirken auf die Realität. Bei Tom Dewispelaere ist Ulrich ein selbstgewisser Mann, der den anderen zeigt, wenn sie ihn langweilen. Dann stützt er den Kopf in seine Hand und starrt desinteressiert nach vorn. Seine Eigenschaft ist die provozierende Gelassenheit.

Um ihn herum wirken die anderen wie Karikaturen. Der Gärtner, der einen Parallelgesang anstimmt. Graf von Schattenwalt (die Figur gibt es im Roman nicht), der sich als Faschist offenbart und sein Porträt in der Rahmengalerie per Video verewigt. Oder Diotima, Kopf der Parallelaktion, die sich in den illustren Preußen Graf Arnheim verguckt.

Gilda De Bal verleiht ihrer Figur etwas Skurril-Statuenhaftes, ihre Sätze haucht sie aus als gehörten sie schon längst der Vergangenheit an. Wie ein Geschenkpaket ist sie von einer riesigen, steifen Schleife umwickelt. Alle Kostüme (von Valentine Kempynck und Johanna Trudzinski) sind leicht verfremdet. Der eine trägt seine Jacke falsch herum, die Frauen tragen überdimensionale Pferdeschwänze, Ulrich hat ein Pferdegeschirr um den Bauch. Als stoffliche Dissonanzen fügen sie sich ein ins Kaiserreich der Kakophonie.

So rettet Cassiers die Musilsche Ironie in seine Bühnenfassung. Am Unermesslichen der Reflexion des knapp 2000seitigen Prosawerks allerdings muss der Regisseur scheitern. Im Dialog ist analytisches Denken nun mal nicht ständig präsent. Aber die Inszenierung zeigt immerhin wie aktuell die Themen des Romans- Gesellschaftsverfall, Ideologiekritik oder die Kluft zwischen Politik und Bürgern - noch heute, 80 Jahre nach Erscheinen des Romans sind.

 

De man zonder eigenschappen I - Der Mann ohne Eigenschaften I
nach dem Roman von Robert Musil
Textbearbeitung: Filip Vanluchene, Guy Cassiers, Erwin Jans
Regie: Guy Cassiers, Dramaturgie: Erwin Jans, Ausstattung: Guy Cassiers, Enrico Bagnoli, Kostüme: Valentine Kempynck, Johanna Trudzinski, Musik und Live-Piano: Johan Bossers, Ton: Diederik de Cock, Licht: Enrico Bagnoli, Bildmontage: Frederik Jassogne.
Mit: Dirk Buyse, Katelijne Damen, Gilda De Bal, Vic De Wachter, Tom Dewispelaere, Johan Van Assche, Liesa Van der Aa, Wim van der Grijn, Marc Van Eeghem, Dries Vanhegen.

www.theaterderwelt.de

 

Mehr zum Theater der Welt 2010: Es ist nicht leicht ein Gott zu sein von Kornél Mundruczó; Béla Pintérs Kinder des Dämon; Esther Boldts Streifzug durch die verdrehten Bild- und Wortwelten des Thaeters der Wlet oder Mpumelelo Paul Grootbooms Welcome to Rocksburg.

 

Kritikenrundschau

Die Nähe zu Musil, die Guy Cassiers suche, sei endlich verbindlicher, schreibt Andreas Rossmann (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.7.2010) in seinem Abschlusstext über das Festival Theater Welt, bei dem er das Theater bitterlich vermisste, das er selbst so gerne sehe. Cassiers überführe den "Mann ohne Eigenschaften" in ein elegantes Erzähltheater, das auf der Rückwand bildliche Brechungen überhöhen. "Videoprojektion einmal nicht als Verdopplung, Illustration oder Theaterersatz, sondern als eigenständige Sprache, die den Text zum Zeit- und Zivilisationspanorama weitet. Kakanien als Vexierspiel einer Welt, deren Werte brüchig und deren Fundamente unsicher geworden sind." "Theater der Welt" ächze bei ihm einmal nicht unter Originalitätsdruck.

"Wie geschickt von Cassiers, das Geschehen, das im Jahr 1913 spielt, aus zwei Zeitperspektiven zu betrachten!" Mit Ausrufezeichen schreibt Eva-Elisabeth Fischer (Süddeutsche Zeitung, 14.7.2010) diesen Satz. Zum einen aus der Zeit Musils,  zum anderen aus eigener, heutiger Sicht. "Das erlaubt noch mehr Distanz, noch mehr Ironie, als sie Musil an den Tag und seinem Protagonisten Ulrich wie auch dem Unternehmer Arnheim in den Mund legte." Hier die philosophischen Auslassungen der Kunstsinnigen, da die provinziellen Machenschaften der Politiker, alles kompliziert durch die diversen Liebeshändel der Akteure. Die Frauen seien allesamt exaltiert, chronisch überreizt und in ihrer Ausdrucksweise gespreizt. Die Männer schwadronieren. "Das zeigt sich in der zweiten Hälfte des Theaterabends, wenn ihre monologisierenden Köpfe in Großaufnahme über den zwergenhaften Schauspielern schweben." Aber Cassiers' "Mann ohne Eigenschaften" sei weit mehr als reine Textarbeit. "Cassiers destilliert die Essenz aus 1200Seiten und verpackt sie in heißkaltes Theater."

 

 
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