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Kunstblut zeigen, um Verständnis werben

von Sabine Leucht

Salzburg, 4. August 2010. Schon klar, warum das junge Schauspieler-Kollektiv um den 28-jährigen Sylvain Creuzevault einen Nerv trifft. Oder wer würde derzeit im deutschsprachigen Theater sein Metier mit derselben Elle vermessen wie den Wurzelstock der modernen Demokratie (und umgekehrt) – und dabei mit Verve und im Brustton der Überzeugung streitbare Dinge tun wie übertrieben dramatisch deklamieren oder den "Blutrichter" der Französischen Revolution rehabilitieren wollen? Bei den Salzburger Festspielen hat mit "Notre Terreur" die neue Gemeinschaftsproduktion von D'ores et déjà nach etwa 50 Aufführungen anderswo im Republic Zwischenquartier bezogen.

Als Zwischenstand, denn in der Revolution wie im Theater dieses Zuschnitts bleibt alles immer in Bewegung. Und Creuzevault und Co. treiben die Analogie noch weiter: Die Erste Republik gilt ihnen als "primitive Probebühne" der Demokratie, also verlängern auch sie eine offenbar recht hitzige Probe in den Abend hinein. Jeder Schauspieler coloriert seine Figur nach Gutdünken – und an dem langen Konferenztisch zwischen den Zuschauertribünen knallen Typen und Temperamente ungebremst aufeinander.

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D'ores et déjá: "Notre Terreur" (Im Bann des Schreckens) © Marine Fromanger
Helden der Revolution zum Mitfühlen

Neun aktive, lebende Mitglieder hatte der allein dem Nationalkonvent unterstellte Wohlfahrtsausschuss in den Jahren 1793/94. Neun eher intellektuell, charismatisch, bürotauglich, draufgängerisch, weinerlich oder cholerisch wirkende Männer wurden es in Salzburg. Und der schmale Robespierre mit den schütteren Locken stach unter ihnen lange nicht weiter hervor.

Man kann sich fragen, ob die Gruppe nicht Einfühlungsvermögen mit Arroganz verwechselt, wenn sie hier für sich reklamiert, im Kleinen dasselbe zu tun, was die Revolutionäre des ausgehenden 18. Jahrhunderts im Großen taten. Kann man die Geschichte tatsächlich besser verstehen, wenn man ihr unterstellt, dass sie funktioniert wie die Arbeit eines Theaterkollektivs? Nun, zumindest kann das Theater Zustände und Menschen vergegenwärtigen. "Durch uns", schreibt Creuzevault im Programmheft des Young Directors Projects, werden die zu Statuen geronnenen Buhmänner und zweifelhaften Helden der Revolution "wieder irgendjemand." Sprich: Irgendjemand, mit dem man mitfühlen kann.

Paranoia grassiert, es brennt an allen Ecken

Vor allem im Falle von Robespierre scheint ihm das wichtig. Und weil Creuzevault hier mit Begriffen wie "reaktionäre Überlieferung" und "ideologiche Manipulation" wedelt, wittert man im Gegenzug akute Verherrlichungsgefahr. Doch D'ores et déjà heben Robespierre nicht vom Sockel des Tugend-Terroristen, um ihn neu zu inthronisieren, sondern stürzen sich inbrünstig auf die inneren Konflikte, die die Kollision hoher Ideale mit der schnöden Wirklichkeit stets hervorbringen: Der Mann kann nicht mehr schlafen und wird vom Gespenst Dantons heimgesucht. Und dass das asynchrone Voranpreschen der Revolution keine Besonnenheit erlaubt, ist doch nicht seine Schuld.

Im Zentrum des zweieinhalbstündigen Abends wird der Zuschauer Zeuge von etlichen Ad-Hoc-Entscheidungen und -Diskussionen über Verfahrens- und Grundsatzfragen. Dauernd steht jedermanns Loyalität auf dem Prüfstand, Paranoia grassiert. Und weil es an allen Ecken brennt, wird mit immer grausameren Gesetzen zu löschen versucht.

Metatheatralische Spitzfindigkeiten

Das in ganzer verwirrender Breite in der nur übertitelten Fremdsprache auszuhalten, wird manch einem Zuschauer zu viel. Schade, denn wer zu früh geht, verpasst nicht nur leidenschaftliche Bekenntnisse zur Wirksamkeit von Theatermitteln wie etwa von hohen Männerstimmen gesungenen Liedern. Der sieht nicht mehr, wie Theaterblut und -farbe amüsierten Zuschauern im Mengen offeriert und der Effekt eines schnell niedersausenden roten Vorhangs in aufklärerischer Absicht überstrapaziert wird. Nein, der verpasst auch, wie der Darsteller des Billaud erzählt, dass seine Frau jetzt das neue Scheidungsgesetz austesten wolle: "Scheiß auf die Revolution!" Worauf ein Anderer bemerkt, sie könnten ja einfach ein neues Gesetz erlassen. In seinen scheinbar flapsigsten Momenten gewinnt der Abend an Tiefe, während man sich metatheatralische Spitzfindigkeit wie das Hinrichtungsgesuch an Georg Büchner hätte schenken können.

"Habe nun, ach....." räsonniert Robespierre, bevor ihm die Worte im Mund versiegen und er – eine Hand zum Himmel, eine zum Boden gestreckt – wieder zur Statue wird. Ein Theoretiker wie Goethes Faust, der so viel weiß und so wenig von dem versteht, was ihm und den anderen Menschen geschieht. Zuletzt agieren alle Darsteller wie Marionetten, deren Führer sich aus dem Staub gemacht haben. Robespiere aber wird noch von einer gesichtlosen Handpuppe gedoubelt, der als Kur für ihre Verständnisprobleme der Kopf abgenommen wird. Ein sprechendes Bild für den revolutionären Traum von der kopflosen Herrschaft, den letztlich die Guillotine vollstreckte.

 

Notre Terreur (Im Bann des Schreckens) (UA)
von und mit der Gruppe D´ores et déjà
Regie: Sylvain Creuzevault, Bühne: Julia Kravtsova, Kostüme: Pauline Kieffer, Marionetten und Maske: Joseph Lapostolle, Loïc Nébréda, Licht: Vyara Stefanova.
Mit: Samuel Achache, Benoit Carré, Antoine Cegarra, Eric Charon, Pierre Devérines, Vladislav Galard, Lionel Gonzalez, Arthur Igual und Léo-Antonin Lutinier.

www.salzburgerfestspiele.at

 

Mehr zu Sylvain Creuzevault? Im Januar 2009 beschäftigte er sich in Hamburg schon einmal mit einer Revolution, und zwar in Heiner Müllers Der Auftrag. Und Ute Nyssen hat ihn in einem Theaterbrief aus Frankreich porträtiert.


Kritikenrundschau

"Viele der vielen Worte" aus Sylvain Creuzevaults "Notre terreur"-Projekt beschrieben "Probleme und Diskurse, die heute noch eine ähnliche Dringlichkeit haben wie vor 200 Jahren", meint Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (6.8.2010). "Doch das tut Büchner mit 'Dantons Tod' auch. In einem sprachlich durchgeformten Drama. 'Notre terreur' indes fängt nach etwa eineinhalb Stunden an, wieder und wieder zu enden. Der Aufführung fehlt ein Rhythmus, der die letztlich in ihrer Vielfalt überschaubaren Positionen wirkungsvoll gegeneinander schöbe." Und "trotz der vielen Worte ist die eigentliche Aussage von 'Notre terreur' die Form. Und deshalb wohl wurde die Produktion zum Young Directors Project in Salzburg eingeladen." Es möge sein, "dass 'Notre terreur' im Kontext des dem Pathos immer noch recht aufgeschlossen gegenüberstehenden französischen Theaters durchlässig wirkt. In einem deutschsprachigen Zusammenhang wird es zu einer rein theatralen Behauptung."

"Zwei Stunden übermütiger Anarchie von neun jungen Schauspielern und Regisseur Sylvain Creuzevault, einem Primus inter Pares", hat Norbert Mayer von der Presse (6.8.2010) gesehen. Es sei "köstlich, wie diese Buben über den Nährwert der Kartoffel diskutieren und logistische Unfähigkeit beweisen." Und es bestehe "kein Mangel an lustigen Einfällen". Dennoch sei "der Abend ein wenig anstrengend. Wegen der ständig überdrehten Sprache? Der zügellosen Spielweise? Welche Haltung haben sie zu 1789, 1968, 1989? Zynische Unvernunft? Ja. Revolution ist harte Arbeit. Selbst, wenn sie sich als Farce wiederholt."

An Creuzevaults Tisch werde die Revolution "wie ein Kinderspiel betrieben: leidenschaftliche Diskussionen, ab und an eine Rangelei", schreibt Andrea Heinz im Standard (6.8.2010). "Wer die Übertitelung des französischen Wortschwalls verfolgt, lässt sich eine durchwegs intensive Schauspielleistung entgehen." Doch die "etwas zu lange Aufführung" gerate zunehmend außer Kontrolle: "Wo anfangs noch zu viel geredet wurde, gibt es nun einen kryptischen Auftritt des toten Danton und literweise rote und weiße Farbe. Gleichheit mag ein hehres Ideal sein. Bisweilen führt sie aber auch ins Chaos."

Von Harmlosigkeit sei dieser Theaterabend weit entfernt, meint Hedwig Kainberger in den Salzburger Nachrichten (6.8.2010): "Der Kontrast von Grausamkeit und Kindlichkeit - oder handelt es sich um Verwandtschaft? -" sei "eine von vielen Raffinessen", die Creuzevault und sein Ensemble aufböten. Und "je länger man den beeindruckend spielenden Darstellern folgt, desto interessanter wird das Gespinst an Bedeutungen und Assoziationen." Das, was "Creuzevault da mit allem theaterhandwerklichem Geschick auf die Bühne bringt", sei "ein berührendes Vexierspiel von Idealismus und Brutalität, Revolution und Republik, Kinderspiel und Männermacht."