Gelächter mit Anflügen von Hysterie

von Ralph Gambihler

Leipzig, 22. September 2007. Zum Leipziger Saisonauftakt also die alte, umstrittene Komödie über den gnadenlosen Juden Shylock. Das ist keine nahe liegende, aber auch keine schlechte Wahl, wenn man bedenkt, dass das Spielzeit-Motto "Innere Sicherheit ... Sind Sie sicher?" lautet und also auf die Problemlagen der nationalen Beunruhigung verweist (bei aller Vieldeutigkeit). Da soll offenbar über den Abstand von vier Jahrhunderten hinweg Reibung erzeugt werden – Funkenflug nicht unerwünscht.

Es ist dann aber doch eher ein Glitzerregen. Der funkelt sehr effektvoll im Bühnenhaus, als Bassanio kurz vor der Pause auf das richtige Kästchen tippt und damit die reiche Portia bekommt, Shakespeares Jackpot in Frauengestalt. Es folgen heiße bis gierige Küsse. Zweifel an der Echtheit der Gefühle dürfen nicht aufkommen, gerade hier nicht, wo das Gefühl auch ein Kalkül sein kann.

Die Welt darf wissen, dass man blank ist
Denn es geht ja – einerseits – um die Frage des Geldes im "Kaufmann von Venedig". Wolfgang Engel, der mit dieser konzentrierten, wohl austarierten Inszenierung seine vorletzte Regiearbeit als Intendant des Leipziger Schauspiels zeigt (im kommenden Herbst übernimmt Sebastian Hartmann), setzt auch beizeiten ein Ausrufezeichen. Ein Chor aus Karnevalisten singt im ersten Bild die Geschichte "von einem Jud', der Geld-Geld-Geld auf Zinsen leiht". Bald werden Hosentaschen ostentativ nach außen gestülpt. Die Welt darf wissen, dass man tendenziell blank ist. Oder zumindest verlegen.

Andererseits geht es um moralische Werte. Shylock ist für die Venezianer der "Hund" und der verhasste Wucherer. Die kulturelle Differenz bleibt der dauernde Anlass für soziale Ausgrenzung und Demütigung. Shylock rächt sich mit einer Perfidie, die vor Gericht endet. Er will von dem Kaufmann Antonio für einen Kredit keine Zinsen, sondern ein Pfund Fleisch aus dessen Körper, sollte der Schuldschein nicht pünktlich eingelöst werden.

Ein Schrankschwuler in der Opferrolle
Die heikle Frage ist: Wie lässt sich dieser Stoff nach Auschwitz bearbeiten? Lässt er sich überhaupt auf die Bühne bringen? Jede Regie muss hier um eine eigene Antwort ringen. Wolfgang Engel findet sie, indem er auf direkte Querverweise verzichtet und auch kein vordergründiges Statement abgibt. Er lässt Shakespeare spielen, genießt das Sprachgenie und begnügt sich mit Akzenten.

Ein offensichtlicher ist, dass mit Antonio, den Thomas Huber vom distinguierten Melancholiker zum flammenden Hasardeur entwickelt, ein Schrankschwuler in die Opferrolle rutscht. Die unterdrückte Liebe zu seinem Freund Bassanio, die ihn zum Schuldner gemacht hat, wird sein Verhängnis. Und der Jude will Blut sehen. Da haben wir den moralischen Salat.

Alles geordnet: mit Kaltwelle und so
Der dreistündige Abend will aber keineswegs nur im Ernst versinken. Er gönnt sich Komik. Maßlosen Klamauk sogar. Und ist ohnehin ein halber Karnevalsaufzug. Man trägt bei Gelegenheit Maske, hat verführerisch exotische Musik im Ohr, verbreitet Gelächter mit Anflügen von Hysterie. Die Bühne (Andreas Jander) ist ein Parkett, das gefährlich randlos, zumal glatt und abschüssig über der Rampe hängt. Die Figuren treten nicht einfach auf, sie stürmen herein. Zum Gelde drängt, am Gelde hängt doch alles. Oder wenn schon nicht alles, so doch allerhand.

Darstellerisch verläuft der Abend in geordneten Bahnen. Heidi Ecks, der sie eine altmodische Frisur mit Kaltwelle gemacht haben, zeigt ihre Portia zunächst als schüchternes Frauenzimmer, bevor sie in der Hosenrolle eine Auftrumpfende spielt. Matthias Hummitzsch glänzt als ironisch bis vorwitzig gewappneter Shylock. Er sagt ein bockig-leises "Nö!", als man ihm zum Einlenken drängt. Till Wonka, der nebenbei die zwei schrecklichen Prinzen zu spielen hat, überzeugt mit seinem undurchsichtigen Lover Bassanio. Viel Beifall für alle.

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
Regie: Wolfgang Engel, Bühne: Andreas Jander, Kostüme: Caritas de Wit. Musik: Thomas Hertel. Mit: Matthias Hummitzsch, Thomas Huber, Till Wonka, Heidi Ecks, Caroline Conrad, Andreas Keller, Aleksandar Radenkovic, Oliver Chomik, Stefan Kaminsky, Günter Schoßböck, Gilbert Miroph, Julia Berke, Johannes Schmitz.

www.schauspiel-leipzig.de

Alles über Wolfgang Engel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

In der Leipziger Volkszeitung (24.9.2007) erkennt Gisela Hoyer das Böse bei Shakespeare, "das vor allem Habgier heißt, Geld wie Macht meint, in jedem wohnt".  Die Inszenierung zeige die 400 Jahre alte Geschichte "als eine Art nachhaltiger Versuchsanordnung .. : so hemmungslos grotesk wie möglich, so ernst wie nötig". Matthias Hummitzsch mache die "händereibend spröde List wie tiefe Melancholie die ausweglose Verlassenheit und Verletztheit" nicht zur Entschuldigung für die Grausdamkeit seiner Figur aber zur Erklärung. Genauso "großartig", Dass engel und seine dramaturgin auch die anderen Charaktere nicht "verzerren, vereinfachen, in Schwarz und Weiß sortieren". Zweieinhalb Stunden "heutiger Klassiker-Befragung" hinterlassen "lähmende Traurigkeit".

 

 
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