Seid getrost

Berlin, 21. August 2010. Der Tod macht sprachlos. Der Tod macht geschwätzig.

Christoph Schlingensief ist gestorben.

Es werden jetzt lange, traurige Nachrufe erscheinen. Es wird in Superlativen gesprochen werden. Schlingensief, der provokanteste und freundlichste, der frommste, hinterlistigste, unbegreiflichste aller deutschen Gesamtkunstwerker. Er hat polarisiert und vereinnahmt. Er hat Rätsel aufgegeben. Er hat die Eindeutigkeit gesucht.

Es wird auch an die Unvereinbarkeiten dieser seiner Gesamtkunst zu erinnern sein.

Schlingensief, der Schmerzensmann.
Schlingensief, der Apothekersohn aus Oberhausen.
Schlingensief, der Prediger.
Schlingensief, der Geschichtenerzähler.
Schlingensief, der Provokateur.
Schlingensief, der Katholik.
Schlingensief, der Theaterfresser.
Schlingensief, der Afrikaner.
Schlingensief, der Unverstandene.
Schlingensief, der Selbstinszenierer.

Es ist alles wahr, und es muss alles noch einmal gesagt, geschrieben, bedacht werden. Um das Unversöhnliche der Schlingensief-Kunst nicht zuzuschütten. Um sie vor den gleichmacherischen Kräften der Erinnerung zu bewahren. Um den Verlust auszumessen, der sein Tod bedeutet. Es gibt nicht viele wie ihn.

Für mich ist immer der erste Schlingensief-Eindruck der nachhaltigste geblieben. 1996 an der Berliner Volksbühne war ich bei Rocky Dutschke '68, eher zufällig. Ich wusste nicht, wozu ich da gebeten war. Ich weiß es bis heute nicht, aber ich erinnere mich, dass Schlingensief durch den Saal irrte, dass er rief und schwitzte, als gelte es, die letzte Chance zur Rettung der Menschheit zu ergreifen. Es war ein großes, wildes Durcheinander. Es war, als gäbe es keine Grenze zwischen Ernst und Spiel. Sophie Rois spielte, dass sie nicht länger eine Sophie Rois sein will, die in solchem Durcheinander so tun soll, als sei das Theater. Bernhard Schütz hat eine Kerze gegessen. Christoph Schlingensief hat sich mit einem Zuschauer gerauft. Alles war von einer derartigen Unbedingtheit, Ehrlichkeit, Radikalität, dass es nicht möglich war, es abzulehnen oder zu beklatschen. Es wurde einem nicht gestattet, eine Meinung zu haben, eine Position zu beziehen, die nicht das gesamte Welt- und Selbstbild betroffen hätte. Es war, als sei diese Inszenierung auf Erweckung aus, als riefe sie: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Nur, dass die Erlösung nicht eintrat.

Später habe ich einen Satz bei Jorge Luis Borges gelesen und an Schlingensief gedacht: "Das Bild, auf das nur ein Mensch kommen kann, rührt keinen Menschen an." (Dirk Pilz)

 

Mehr über Schlingensiefs Schaffen lesen Sie hier. Außerdem: eine Sammlung verschiedener Stimmen zum Tod des Künstlers.

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