Haltet ein!

22./23./26. August 2010. Am Samstag, den 21. August, ist Christoph Schlingensief gestorben. Auf seiner offiziellen Web-Seite ist zu lesen: "Im Sinne von Christoph Schlingensief bitten wir statt Blumen und Kränze um eine Spende für das Operndorf Afrika."

Elfriede Jelinek hat ihren im März 2009 begonnenen Text "Tod-krank.Doc" zu Schlingensief fortgeschrieben.

Die Berliner Volksbühne nennt Schlingensief in einem "Weltkulturerbe" überschriebenen Text einen Selbstverbrenner und jubilierenden Jan Pallach des Theaters, einen "Konsumartikel, der den Konsum in die Luft jagt, ein Mann, vom eigenen Talent in Geiselhaft genommen, aus der er sein Leben lang den Ausbruch versucht hat, jetzt ist er durch. Zurück bleibt die Erinnerung an das schmeichelnde Gefühl, einer Projektionsfigur für das gesunde Mißtrauen, das durchgeknallten Ministranten gegenüber angebracht ist, beim Missionieren zugesehn zu haben."  (...) "Er stellt seine Welt gegen die Welt, eine Realität gegen die andre. Die Gegenwelt, die sie errichtet, ist die Utopie, die tatsächlich keine Chance hat. Die Kunst ist die Traumwelt, ohne die wir Kannibalen sind."

Auf Spiegel online sind Stimmen zu seinem Tod versammelt.

"Das Theater hat mit ihm einen seiner produktivsten Zweifler verloren und Deutschland womöglich einen seiner unterhaltsamsten Intellektuellen", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz. "Viele der Themen und Aktionen von Christoph Schlingensief waren sehr deutsch oder sogar auf die deutsche Politik bezogen. Sein Vorgehen war dabei uneindeutiger als Satire, brachte dafür aber einen Kollektivität stiftenden Mehrwert für die Beteiligten."

"Er war einzig", heißt es im Nachruf der FAZ, von seiner "besonderen Verbindung von Mut und Menschlichkeit" ist in der Süddeutschen Zeitung die Rede. "Er war einer der unterhaltsamsten positiv Verrückten der letzten 20 Jahre. Und er war ein ziemlich netter, charmanter und schlauer Kerl", steht in der Welt.

"Er fuhrwerkte mit schwerem Gerät am Nerv der Zeit", erinnert sich die Berliner Zeitung. An die "kreative Selbstüberforderung" der "wütenden Theater-, Film- und Kunstaktionen" erinnert sich der Deutschlandfunk. "Für ihn", ist der ZEIT zu entnehmen, "gab es kein Handeln auf Probe, was er tat, schrie danach, Konsequenzen zu haben." Er "durchbrach Grenzen zwischen Kunst und Leben", heißt es im ARD.de-Spezial. Mit einer "großäugigen, naiven Gläubigkeit" hat er sich laut Frankfurter Rundschau "durch den Körper der Kultur hindurchgearbeitet".

"Es ging immer um die Kenntlichmachung von vorherrschender Realität," schreibt Margarethe Affenzeller im Wiener Standard. "So verschärfte die nach den Prinzipien des TV-Rauswählformats Big Brother konzipierte Container-Aktion Ausländer raus - Bitte liebt Österreich anno 2000 den Sommer vor der Wiener Staatsoper - Abschiebepraxis als Performance. Schlingensiefs Kunst verstand sich auch von Grund auf als eine soziale Bewegung, die sich dem Konflikt zwischen den Systemen Politik, Leben und Kunst aussetzte und dabei das Defizitäre hervorhob."

"Sein Prinzip, der Tabubruch, hatte etwas Gewalttätiges," schreibt Barbara Villiger-Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung. "Aber durch die Krankheit rückte in den Mittelpunkt seines Denkens das Leiden und die Kraft, welche daraus entstehen kann: als wäre der Messias, dessen Rolle er als Künstler gespielt hatte, zum Heiland geworden. Christoph Schlingensief war in jedem Sinn eine aussergewöhnliche Persönlichkeit. Scharlatan und Schamane."

In einem Interview aus dem vergangenen Juli, das die NZZ nach seinem Tod online wieder zugänglich gemacht hat, sagt Schlingensief, was ihm heute im Theater fehlt: der "Mut zur Radikalität".

Und im Berliner Tagesspiegel ist zu lesen: "Haltet an, haltet ein! Der größte Künstler dieses Landes ist gestorben."

"In der Kunstgeschichte wird Schlingensief vermutlich als eine Art Nachfahre von Joseph Beuys einzuordnen sein," schreibt die Wiener Presse. "Sein wichtigstes Medium waren die wilden Installationen aus Objekten, die er von überall zusammentrug - für seine staubigen Environments, die die Umwelt, nein: die ganze Welt repräsentierten."

"Hundert Milliarden Menschen sind (...) auf diesem Planeten schon gestorben, die Mortalitätsrate beträgt hundert Prozent (...) - durfte da ein Einzelner, der sterben musste, derart öffentlich aufheulen?", fragt Peter Kümmel in der Zeit. "Es war, in Schlingensiefs Logik, folgerichtig, das zu tun. Er hatte sich stets geweigert, zwischen Kunst und Leben zu unterscheiden (...). Er war der besessenste Selbstbeobachter des Kunstbetriebs, und er hatte immer die eigene Haut, das eigene Fleisch auf die Bühne gebracht". Und "je länger man ihm bei seiner Arbeit zusah, desto weniger beurteilte man sie als den Akt eines Narzissten (...). Man kam dahin, sie als Akt der Großzügigkeit zu begreifen: Ein Mann vergesellschaftete seine Angst; er stellte sie uns wie einen Überschuss an Wärme zur Verfügung."

"Das sollte man unbedingt auch", gemahnt Florian Illies, ebenfalls in der Zeit: "Christoph Schlingensief als jemanden in Erinnerung behalten, der lachen konnte. Der verdattert ungläubig grinste (...), der kindisch-schelmisch glucksen konnte (...) und der seine eigenen Verzweiflungsmonologe selbst nur aushielt, wenn er zwischendurch einen solch absurden Witz einbaute, dass die Fenster zur Wirklichkeit wieder weit aufgestoßen wurden." "Mit dem Tod von Christoph Schlingensief am vergangenen Samstag ist es kälter geworden in der deutschen Kultur. Wer diesen Satz für pathetisch hält, der hat Christoph Schlingensief nicht erlebt."

Der letzte Eintrag in Schlingensiefs Blog stammt vom 7. August 2010. "....die bilder (ixen) sich aus... da ist ja kein sentimentaler schmerz. die bausupsanz ist erstaunlich gut... und nun? wieder ein neues bild? wieder infos zu neuen dingen, die ,...... ja eigentlich was ?..... alles sehr oberflächlich und rechtschreibefehler häufen sich die dinge .... das baut läufz seit tmc auf. der appetit läßt rasant nach...."

 

Mehr: Über Schlingensiefs Schaffen lesen Sie hier. Außerdem: ein Redaktionsblog von Dirk Pilz zum Tod von Christoph Schlingensief.

 

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