Von Krisen, Rissen, Brüchen

von Anna Teuwen und Stefan Bläske

31. August 2010. Kaum wird wieder irgendwo eine Krise konstatiert, beschrieben oder herbeigeschrieben, ist auch das Drama nicht weit. Denn Krisen sind natürlich immer sofort dramatisch. In der Theaterwissenschaft allerdings geht man – rein gewohnheitsmäßig – mit dem Drama etwas entspannter um.

Dramatische Krisen jedenfalls sind nichts Neues – und meist ohnehin eher produktiv, wie der Blick in die (Theater)-Geschichte zeigt. So verzeichnet der Theaterwissenschaftler Patrick Primavesi etwa einen Beginn der Krise des Dramas und der Tragödie bereits in der Blütezeit des deutschen Dramas im 18. Jahrhundert: einen "Riss", der die dramatische Form sprengt und die "(Un-)Möglichkeit einer modernen Tragödie" reflektiert.

Schreibweise der Krise

In seinem Aufsatz "Tragödie, Fragment und Theater" zeigt Primavesi, wie Tragödien-Fragmente und "Anti-Dramen" eigene "konkurrierende Entwürfe von Theatralität" darstellen und das Fragmentarische als eine "Schreibweise der Krise" eine Konjunktur erlebt. Und bereits bei Racine – so lesen wir in Nikolaus Müller-Schölls Essay "Lügen Tränen nicht?" – lassen sich subtil angelegte "Risse" in der Transparenz des klassischen Aufbaus erkennen. Diese werden etwa von der Wooster Group in ihrer Performance "To You the Birdie! (Phèdre)" aus dem Jahr 2001 spürbar gemacht; "Brüche" mit der "'Naturalisierung', Psychologisierung und Moralisierung".

Die beiden Aufsätze sind Teil des von Gerald Siegmund, Anton Bierl, Christoph Meneghetti und Clemens Schuster herausgegebenen Sammelbands "Theater des Fragments", in dem das Fragmentierende als "performative Strategie im Theater zwischen Antike und Postmoderne" untersucht wird. Im 17. und 18. Jahrhundert wird dabei nur kurz zwischengelandet. Eigentliches Ziel des aus einer Tagung hervorgegangenen Bandes ist, die "beiden Enden des abendländischen Theaters", Antike und Postmoderne, "in ihrem fragmentierenden Gestus zusammenzudenken".

Tragödien-Trümmer

Der einführende Beitrag des Altphilologen Bierl ist dabei der einzige, der sich ausschließlich auf die Prädramatik konzentriert und aus gräzistischer Sicht verschiedene Aspekte des Fragmentarischen beleuchtet. Bierl zeigt, wie der Rhythmus der Sprache die Semantik von starken Affekten spiegelt, und stellt eine Verbindung zur antiken Tragödie mit ihren Tendenzen "zur Zertrümmerung und Zersplitterung" her.

In der Mehrzahl der Beiträge wird ein Bogen von der Prä- zur Postdramatik gespannt und untersucht, inwieweit "das Prädramatische (...) in postdramatischen Inszenierungsmitteln seinen Aufschluss" findet. Konkret werden insbesondere zeitgenössische oder noch zeitnahe Inszenierungen "prädramatischer" Texte analysiert. Als Beispiel einer "tragischen Fragmentierung" dient Euripides' Tragödie "Bakchen" gleich drei Beiträgern: Helga Finter, Christoph Meneghetti und schließlich Massimo Fusillo, der das neue Interesse in einer "tief wurzelnden Ambiguität" in der Struktur der Tragödie begründet sieht, die als Potential für das Theater erst im 20. Jahrhundert (wieder)erkannt werden konnte, als man sich "von der Tyrannei des dramatischen Textes zu lösen begann".

Praxis, Präsenz und perforierte Körper

Die (theater)wissenschaftlichen Beiträge werden um zwei aus der Theaterpraxis ergänzt. Claudia Bosse, Regisseurin und Leiterin der KünstlerInnenformation theatercombinat, sammelt am Beispiel ihrer eigenen Arbeiten, u.a. anhand der "raumchoreographie für chor und zuschauer" auf Basis von Aischylos' Persern, Stichworte über das "exzessive fragmentieren" und beschreibt die Funktion fragmentierender Sprache und "fragmentierte[r] präsenzen" für die theatrale Arbeit.

Philosoph Arno Böhler und Schauspielerin Susanne Granzer bringen gewöhnlich Philosophy on Stage, nun haben sie umgekehrt eine Lecture-Performance ins Buch gebracht: die Transkription ihrer Videoeinspielungen, Filmtexte und Live-Lectures mutet im Rahmen der wissenschaftlichen Aufsatzsammlung dabei passend fragmentarisch an. Arno Böhler hat darüber hinaus einen Aufsatz zu "Perforierten Körpern" beigesteuert und schlägt darin eine Brücke vom aristotelischen Denken, in dem der menschliche Körper bereits "als Bruch-Teil einer kontinuierlichen Auf-Teilung des Raumes" gedacht wurde, hin zu der Vorstellung eines "aufgebrochenen, perforierten Körpers", formuliert von Jean-Luc Nancy – dessen 1994 erschienener Aufsatz "Die Kunst – ein Fragment" der Konzeption des gesamten Bandes zugrunde liegt.

Philosophie der Abwesenheit

Mit Blick auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts schreibt Gerald Siegmund der Ästhetik des Fragmentarischen die performative Kraft zu, Abwesendes zur Präsenz zu bringen. Siegmund, der sich in seiner Habilitationschrift bereits performancetheoretisch mit Abwesenheit beschäftigt hat (Bielefeld 2006), beschreibt das Fragmentarisieren als "Spezifikum des Theaters", des Performativen, und zeigt, wie dies vor allem seit den 1960er Jahren von KünstlerInnen und TheoretikerInnen explizit erforscht und praktiziert wird.

Zwar zeigen Beiträge des Sammelbandes auch, wie sich das Fragmentarische fruchtbar in Sprache und Musik (im Aufsatz von Ernest W. B. Hess-Lüttich) oder in der inszenierenden Photographie von Jeff Wall (von Andy Blättler) untersuchen lässt. Insgesamt aber bleibt der Band seinem Titel treu und untersucht das "Theater des Fragments": mit Analysen von als historisch zu bezeichnenden Inszenierungen wie Schechners "Dionysus in 69" und Grübers "Bakchen", aber etwa auch Jens Roselts Analyse der zeitgenössischen Arbeit der New Yorker Performance-Gruppe Big Art Group, in deren Medieneinsatz und "intermedialen Strategien" Roselt "Erschütterungen zwischen Körper und Bild" aufzeigt.

Hans Thies Lehmann schließlich wird in seinem Beitrag welt- und zeitumspannend, wenn er theaterphilosophisch die Verbindung von Prä- und Postdramatik im Zusammenspiel von Tragödie und Performancekunst erkennt, in ihrem Zielen auf Affekte und kathartische Wirkung – sodass in der Charakteristik der Performance als solcher "die Tragödie gleichsam ihr Erbe" finde.

Modephänomen auf der Wissenschafts-Bühne?

Bei transcript in Bielefeld erschienen, fügt sich das "Theater des Fragments" ein in das Verlagsprogramm, das in seiner Breite einen aufschlussreichen Überblick über die aktuelle kulturwissenschaftliche Forschung im deutschsprachigen Raum bietet und eine aktuelle Vorliebe für Ränder, Reste, Ab- und Unfälle offenbart: Da entsteht die "Absenz zur Präsenz", werden Mediengeschichten des Unfalls geschrieben, Bücher über "Abwesenheit", über "Reste" sowie über andere "Randphänomene", nicht zuletzt über den "Rand der Körper" in Form von "Inventuren des Unabgeschlossenen im zeitgenössischen Tanz". So stellt sich letztlich leise die Frage, inwieweit das "Theater des Fragments" mehr ist als ein Modephänomen, das prominenter auf der Bühne der Wissenschaft auftritt als auf der des Theaters.

Auch wenn der Titel "Theater des Fragments" nach einer programmatischen Setzung klingen mag, wie das vielzitierte "postdramatische Theater" (Lehmann) oder das jüngst proklamierte postspektakuläre Theater (André Eiermann), geht es in dem Band insgesamt nicht darum, einen neuerlichen Paradigmenwechsel zu behaupten, sondern vielmehr einen Schlüssel zum Verständnis bestimmter Theaterformen bereitzustellen, einen, mit dem sich ein Bogen von der Prä- zur Postdramatik spannen lässt. Und dies ist dem Band mit seinen 15 Beiträgen – ohne große Überspanntheit – auch wunderbar gelungen.

 

Anton Bierl/Gerald Siegmund/Christoph Meneghetti/Clemens Schuster (Hg.)
Theater des Fragments. Performative Strategien im Theater zwischen Antike und Postmoderne
transcript, Bielefeld 2009, 310 Seiten, 29,80 Euro.

 

Mehr Buchbesprechungen auf nachtkritik.de: Lesen Sie etwa über André Eiermanns Postspektakuläres Theater oder Helene Varopoulous gesammelte Reflexionen zum zeitgenössischen Theater in Passagen.

 

 
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