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Ästhetische Erziehung mit der Knarre

von Sarah Heppekausen

Duisburg, 2. September 2010. Sie rotzen, kratzen sich im Schritt, labern sich schräg von der Seite an, quatschen laut in ihr Handy, rücken sich in Pose und ihre Haare zurecht. Nervtötende Maschen pubertierender Jugendlicher sind das, "Kanakengesten" wie es im Text heißt. Die Gehabe-Klischees legen die Schauspieler gleich zu Beginn wie ihre Karten auf den Tisch. Sie stehen in einer Reihe und zitieren diese Gesten wie die Verse eines Gedichts. Das ist kein Schiller, sondern das Einmaleins des Checkertums. Und doch wird der Freiheitsidealist unter den deutschen Dramatikern im Laufe des Abends so einige Antworten geben auf die Lebensprobleme pöbelnder Jugendlicher.

Subjektivitäts-Vokabular ausbuchstabieren

Schiller passt immer, oder wird passend gemacht. Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hillje gebrauchen den Klassiker, um Jean-Paul Lilienfelds Film La Journée de la Jupe aus den französischen Banlieues nach Berlin zu verlegen und neu, theatergerecht und befreit vom Zwang realistischer Darstellung zu erzählen. Schillers "Die Räuber" und "Kabale und Liebe" befruchten im Theaterstück die allmähliche ästhetische Erziehung der Schüler. So erklärt die Szene um Räuberhauptmann Karl Moor den Vater-Sohn-Konflikt, die Szene Amalias die Befreiung der selbstbewussten Frau, die Szene mit Luise und Ferdinand den Ehrenmord.

verrcktesblut_paulleclaireErziehung: Sesede Terziyan und Sohel Altan G. © Paul Leclaire

Aber langsam. Bevor die rotzenden, grapschenden, fluchenden Jungs und Mädchen Schillers Texte aus den gelben Reclamheften vorlesen, müssen warnende Schüsse fallen. Lehrerin Sonia bedient sich einer Waffe, die einem ihrer Schüler aus der Tasche gefallen ist. Und die ihr eine unverhoffte Autorität verleiht. Das zarte Persönchen mit der zitternden Stimme verwandelt sich in eine hysterische Superwoman. Ihr Auftrag: Aufklärung. Ihr Mittel: Gewalt, sonst versteht das hier ja niemand. Am Anfang geht es noch um die richtige Aussprache des schillerschen Subjektivitäts-Vokabulars, nicht "Isch", sondern "Ich", nicht "Vernumft", sondern "Vernunft". Später wird sie konkreter: "Hier rumficken wie eine Sau und am Ende eine Unberührte aus dem Dorf importieren! Das ist für Euch Tradition! Und ihr Mädels, schön die Haare bedecken, damit ihr nicht in die Hölle kommt..."

L'art pour l'art auf dem Spiegelboden

Sesede Terziyan spielt die Lehrerin - anders als Isabelle Adjani im Film - durchgängig als Rolle, mal setzt sie das verschüchterte, mal das beleidigte, mal das drohende oder das überdreht grinsende Gesicht auf. Nur wenige allerdings sind glaubwürdig, zu schnell wechselt sie zwischen ihnen hin und her. Erpulat geht es auch gar nicht um psychologische Figurenentwicklung. Während das Sozialdrama im Film eine spannungsgeladene Verkettung ungeplanter Aktionen ist, demonstriert es der Theaterregisseur als Spiel im Spiel.

Zu Beginn des Abends streifen sich die Darsteller (alle selbst mit Migrationshintergrund) ihre Kostüme über, Kopftuch, Jogginghose und Kapuzenpullis die Schüler, ein beiges Kostüm die Lehrerin. Dann besteigen sie das Spielfeld, einen quadratischen Spiegelboden, umgeben von Neonröhren und dem rauen Charme der ehemaligen Gebläsehalle im Duisburger Landschaftspark (Bühne und Kostüme: Magda Willi). Von der Decke hängt ein Flügel, dessen Tasten bewegen sich selbsttätig, wenn die Klasse das Spiel unterbricht, um deutsches Liedgut anzustimmen.

Döner essen versus Franz Moor spielen

Unterhaltsam ist das, manchmal richtig komisch, wenn die Lehrerin ihre Schüler mit deren eigenen Schimpfwörtern anblafft und sich damit selbst überrascht, wenn Hasan sein "trauriges kurdisches Schicksal" ablegt und sich mutig an die Eier fasst, wenn Schiller im Migranten-Kauderwelsch einfach nicht zu verstehen ist. Aber fehlt es da nicht an Ernsthaftigkeit, die das Thema Integration - in dieser erneut Sarrazin diskutierenden Zeit - doch mit sich bringt? Und die vor allem Schiller, wenn man ihn schon ausführlich zum Thema macht, doch immer mitdenkt. Das Spiel ("Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt") hängt bei ihm immer mit dem Authentischen zusammen. Die Inszenierung allerdings überstrapaziert den Begriff durch die vielen Spielebenen, die Glaubwürdigkeit nehmen, statt sie zu vermitteln.

Am Ende wird es noch verwirrender: Die Schüler sind scheinbar auf- und abgeklärt, zitieren Schiller und einen Lehrsatz der Französischen Revolution, lehnen Gewalt ab. Dann outet sich Sonia als Türkin, keiner hat mehr Lust auf die "Kanakenselbsthassnummer", alle wollen lieber Döner essen, nur Hasan greift zur Waffe. Er will weiter Franz Moor spielen, aber einmal Kanake, immer Kanake. Dann schießt er ins Publikum. Da sitzen die, die Schillers lesen können, aber seinen Idealismus ganz anders verstanden haben.

 

Verrücktes Blut
von Nurkan Erpulat und Jens Hillje
nach dem Film "La Journée de la Jupe"
Regie: Nurkan Erpulat, Dramaturgie: Jens Hillje, Bühne und Kostüme: Magda Willi, Licht: Hans Leser, musikalische Leitung: Tobias Schwencke.
Mit: Sesede Terziyan, Nora Rim Abdel-Maksoud, Erol Afşin, Emre Aksızoğlu, Tamer Arslan, Sohel Altan G., Rahel Johanna Jankowski, Gregor Löbel.

www.ruhrtriennale.de
www.ballhausnaunynstrasse.de

Mehr über Nurkan Erpulat: wir berichteten über seine Inszenierung Man braucht keinen Reiseführer ... bei Beyond Belonging im November 2009.

Die Inszenierung Verrücktes Blut wurde für das nachtkritik-Theatertreffen 2011 nominiert, zum Festival radikal jung 2011 und zum Berliner Theatertreffen 2011 eingeladen; zudem wurde das Stück für den Mülheimer Dramatikerpreis 2011 nominiert.

Die Einladung von "Verrücktes Blut" zum Festival Augenblick mal! 2011 wurde ausgeschlagen.

Presseschau vom 12. Mai 2011 – ein ausführliches Interview im Berliner Tagesspiegel mit den Beteiligten von "Verrücktes Blut", anlässlich des Theatertreffen-Gastspiels.

 

Kritikenrundschau

"Das geht aber schnell. Schon wird auch der Spielplan der Theater von Thilo Sarrazin bestimmt," schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.9.2010), wo er sich hochbeglückt über diesen "Aufklärungscraskkurs" mit Schiller zeigt. Die Figuren seien wilde Theatergestalten, doch alle so gesellschaftsrelevant, dass es einen Nerv treffe. Als sich das Stückpersonal "mit Spucken, Pöbeln, Machogehabe und Imschrittkratzen einschlägig vorgestellt" habe, stöckele eine Lehrerin herein, "einen Stapel Reclamhefte unter dem Arm." Auf dem Lehrplan: ein Projekttag Friedrich Schiller. "Doch nichts zu machen, die Schüler lästern und lärmen, die Lehrerin steht auf verlorenem Posten." Da falle im Gerangel eine Waffe aus dem Rucksack eines Schülers, und die Lehrerin greife zu, und zwinge mit vorgehaltener Pistole die Bande zum Unterricht auf die Bühne: "und schon flutscht der Text", freut sich der Kritiker, "Schillers 'Ästhetische Erziehung des Menschen', der 'nur da ganz Mensch ist, wo er spielt', wird in einer rabiat angelegten Paradoxie zur sarkastisch kalkulierten Versuchsanordnung."In der gewaltsamen Konfrontation mit den Texten würden die jungen Migranten darauf gestoßen, "dass sie diese etwas angehen, dass Blutrache, Vaterliebe, Treue, Verrat ihre Themen, dass Karls Messer für Amalie oder Ferdinands Gift für Luise Ehrenmorde sind."

Als "perfekt passenden Beitrag zu aktuellen Zuwanderungs- und Islamdebatten" empfand Ingo Hoddik in der Rheinischen Post (4.9.2010) dieses "Theater auf dem Theater", das auf ihn "ebenso beklemmend wie befreiend" wirkte und bei ihm außerdem "eine gelungene Mischung von Laien- und Profidarstellern" punkten konnte. "Klischees werden aufgegriffen und unterhaltsam zerpflückt." Damit bringe Nurkan Erpulat, geboren 1974 in der Türkei und erster migrantischer Absolvent der renommierten Berliner Schauspielschule "Ernst Busch", wieder einmal großartig das betreffende Lebensgefühl auf die Bretter."

Von einer beeindruckenden Premiere spricht Thomas Becker auf Der Westen (4.5.2010).
"Nurkan Erpulat und ihr junges Schauspielerteam dürften mit dieser hochintensiven Aufführung nicht nur für die Ruhr Triennale Theatergeschichte schreiben." Denn hier sei dem Triennale-Team und dem Ballhaus Naunynstraße, das sich als einziges Post-Migrantentheater Deutschlands rühmt, "eine bemerkenswerte Produktion gelungen, die sich eindringlich mit dem schwierigen Thema auseinandersetzt. Es gab für die Regisseurin und ihre ausgezeichneten Schauspieler Ovationen eines von der Wucht dieses Theaterabends fast erschlagenen Publikums. (Wobei Becker in seiner Begeisterung wohl übersehen hat, dass Erpulat keine Regisseurin ist).

"Unterhaltsam und anregend sei 'Verrücktes Blut' ohne Frage," meint Stefan Keim im Deutschlandradio (2.9.2010.) Aber Keim fehlt in dieser Inszenierung der Mut, an Schmerzpunkte zu gehen, weil alles nur ein Spiel sei. Mit großer Kraft und wenigen Zwischentönen jage die Lehrerin "hysterisch und wild um sich schießend die Schüler ins Theaterspiel. Vom Schillerkiller wandelt sie sich zur Sarazinette, beschimpft pauschal den Islam als Unterdrückungsreligion, geißelt die Unwilligkeit der Jugendlichen, sich zu integrieren und etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen." Doch das alles bekommt für Keim weder Gefährlichkeit noch Spannung. "Weil keine psychologisch nachvollziehbaren Charaktere auf der Bühne stehen, sondern Abbilder, Zitate, Chiffren. Die Aufführung erzählt nicht von Menschen, sondern spielt Möglichkeiten und Modelle durch. Die vielen Wendungen am Ende - jeder hat mal die Waffe in der Hand - wirken nur noch absurd und unmotiviert."

"Die Produktion ist durchgeknallt und unverschämt", schreibt Egbert Tholl (Süddeutsche Zeitung, 16.4.2011) über das Gastspiel der Inszenierung beim Festival radikal jung in München. Der Abend sei "gnadenlos witzig, weil sie eine respektlose Natürlichkeit im Umgang mit Migrationsthemen zeigen, die im deutschen Stadttheater so wohl noch nicht möglich ist". Der Abend sei eine "infernalisch rasante Aufführung, die hart am Rand von Kitsch und Kabarett operiert" und "entlarvt nur jene Zuschauer, der glauben, Bescheid zu wissen über unsere Türken".