Gnadenlos, aber genüsslich

von Ulrich Schmidt

Detmold, 15. September 2010. Zur Saisoneröffnung begann das Landestheater Detmold in seiner zweiten Spielstätte, dem Grabbe-Haus, mit Werner Schwabs "Die Präsidentinnen". Das wirklich kleine Haus ist für dieses Kammerspiel wie geschaffen. Die Präsidentinnen Erna, Grete und Mariedl kennen eigentlich nur die Kehrseite des Lebens, die Abgründe mit Männern, ihre Lüste und Gelüste und vor allem ihre Perversionen. Vom Leben im wahrsten Sinne des Wortes beschissen, reden sie vor allem von Scheiße, von hartem und weichem Stuhl. Geistig tut sich die Enge zwischen Kinder, Küche, Kirche auf.

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Wo sind sie denn? © Landestheater Detmold

Regisseur Martin Pfaff macht aus der geistigen Enge eine Tugend. Die Schauspieler, zwei Herren und eine Dame, nehmen von einer großen Holzkiste die Front ab, dann ziehen sie ihre Kostüme an und setzen sich nebeneinander auf drei Stühlen in die Kiste. Für mehr reicht der Platz auch nicht. Bühnen- und Kostümbildnerin Ines Alda hat den engen Kasten gebaut, in dem die Schauspieler sitzen und reden, sitzen und reden. Es ist bewundernswert anzuschauen, wie exakt der Text gearbeitet ist, wie die Pointen sitzen und wie so langsam aber sicher die Stimmung kippt.

Mit dem Herrgott im Reinen
In der Mitte sitzt Grete (Philipp Wegler), links neben ihr Mariedl (Katinka Maché) und rechts hat Erna (Dominic Betz) Platz genommen. Der Geschlechtertausch signalisiert: Mariedl hat nichts zu lachen, egal ob unter Frauen oder Männern. Ihre Körpersprache wiederum signalisiert, dass sie um ihre Randbedeutung weiß. Grete und Erna dagegen zeigen, dass sie sich schon lange kennen und sehr vertraut miteinander sind. Sie bestätigen sich gegenseitig in ihrer bisherigen Lebensführung.

Doch auch zwischen Erna und Gretl sind die Claims abgesteckt. Grete hat die bessere Pension, kann sich also mehr leisten und betont gern, dass sie mit sich und ihrem Herrgott im Reinen ist. Sie klopft Erna verbal gönnerhaft auf die Schulter, weil die sich – mit weniger Pension – endlich einen Fernseher und diese Pelzkappe geleistet hat. Das ist geschickt vorgeführt, denn Erna erzählt treubrav, dass der Fernseher gebraucht ist und die Pelzkappe ein Fundstück. Ab und zu darf auch Mariedl einen Satz einwerfen.

Verbalschlacht ums Abendmal
Die Situation scheint klar: Grete dominiert die beiden anderen Frauen. Doch es wäre kein Stück von Werner Schwab, wenn die Situation erstens nicht komisch wäre und zweitens ab und zu umschlagen würde. Jede der Frauen bekommt ihren großen Auftritt, und gnadenlos, aber genüsslich werden dabei die beiden anderen seziert. Grete ist mit einem Versager von Sohn geplagt, Erna ist einmal geschieden, einmal verwitwet, ihre Tochter ist nach Australien ausgewandert. Mariedl ist die Dorfhure. Sie macht's gern ohne, heißt es des Öfteren.

Die erste Runde der Verbalschlacht endet mit einer Rangelei zwischen Erna und Grete, weil sie sich zunächst gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, wer von ihnen denn noch das Abendmahl empfangen darf – Geschiedene dürfen nicht - dann steigert es sich über einen Nazivergleich in eine handfeste Prügelei. In die Erschöpfung danach bringt sich Mariedl mit einem Versöhnungsgedanken ein. Sie baut soviel "Nächstenliebe" auf, dass die beiden Kontrahentinnen sich wieder vertragen. Grete holt Wein.

Ab zur Leiche in den Keller
Diesen Abgang nutzt der Regisseur zu einem Umbau. Die Akteure verschwinden hinter der Kiste, wechseln von ihren Alltagskostümen in Hochzeitskleider und erklimmen die Kiste, in der sie bisher gesessen haben. Dort oben thronen sie auf Einhörnern und träumen sich in Phantasiewelten. Erna hätte gern einen feschen Musikanten, Grete ihren Fleischer und Mariedl, die so gern verstopfte Klos repariert, träumt von einer Riesenaktion.

Doch ach, es sind nur Träume. Es bleibt Mariedl überlassen, Erna und Grete auf den Boden der Realität zurückzuholen. Doch das bekommt ihr nicht. Die beiden stoppen ihren Redeschwall brutalst und blutig. Ernüchtert fragt Grete, wie es jetzt weitergeht und abgeklärt antwortet Erna: Ab mit ihr in den Keller, schließlich hat jeder dort eine Leiche.

Lustbetonte Kloreinigerin
Die drei Schauspieler agieren mit verblüffender Souveränität, schließlich haben sie eine riesige Textmenge zu bewältigen ohne die Möglichkeit von Pausen. Sie sitzen nebeneinander und geben sich die Stichwörter mit größter Sicherheit. Überzeugend führt Dominic Betz die Bigotterie Ernas ebenso vor wie ihre Lust auf einen Mann. Zum Mord an Mariedl lässt sie sich mitreißen, wie ihre hilflose Frage beweist.

Philipp Wegler gibt der über ihren Sohn verzweifelten, nach Enkelkindern gierenden Grete wunderbar Kontur. Katinka Maché versteht es, das arme Hascherl Mariedl als glaubwürdige, lustbetonte Kloreinigerin darzustellen. Das Ensemble erhielt für sein konzentriertes Spiel verdient viel Beifall.

 

Die Präsidentinnen
von Werner Schwab
Inszenierung: Martin Pfaff, Ausstattung: Ines Alda.
Mit: Katinka Maché, Philipp Wegler, Dominic Betz.

www.landestheater-detmold.de


Mehr Präsisdentinnen? Im Oktober 2008 befasste sich Ernst Stötzner in Berlins Deutschem Theater mit den Bigotterien von Werner Schwabs infernalischem Trio.

 

 
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