Aus Birkenzweigen werden Ruten

von André Mumot

Hannover, 17. September 2010. Auf dem Holzschuppen, in dem die Juden eingesperrt sind, steht ein Hahn. Der ist nur ausgestopft, sieht aber echt aus. Genau wie die Katze, die in der Fensternische des Bauernhauses hockt und ins Publikum stiert. Will man etwas sagen über diesen Theaterabend, muss man wohl über diese Katze sprechen und über die drei Kerzen, die hinter der fleckigen Scheibe brennen. Man muss von Maiskolben erzählen und von Reusen, von Tonkrügen, Kopftüchern und Bärten, von Kartoffeln auf dem Boden, von nächtlichem Wolfsgeheul und unheilvoll aufziehendem Donnern. Auch vom Regen, dessen Perlen bald schon schwer an den Birkenästen hängen, und der die schwarze Erde immer schlammiger macht.

Auf der kleinen "Cumberlandschen Bühne" des Schauspiels Hannover ist der Ausschnitt eines ungarischen Dorfes des späten 19. Jahrhunderts errichtet worden: die täuschend echte Fassade eines kleinen Hauses mit umgestürztem Fischerboot, vor dem eine Art Gerichtsverhandlung abgehalten wird. Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó, dessen Filme regelmäßig in Cannes zu sehen sind und dessen Theaterinszenierungen internationale Beachtung finden, erzählt in diesem hyperrealistischen Setting einen historischen Fall: 1882 beschuldigten die Bewohner von Tiszaeslár mehrere Juden, das verschwundene Mädchen Eszter Solymosi in einem religiösen Ritualmord umgebracht zu haben. Sie hielten die Verleumdeten gefangen und versuchten unter Gewaltanwendung, ein Geständnis zu erzwingen. Bei einem späteren offiziellen Prozess in Wien wurden die jüdischen Angeklagten freigesprochen, der Fall selbst machte den Antisemitismus zum öffentlich diskutierten Thema.

Ein Leben vor dem Taubenschlag

Ausgehend von einer Romanbearbeitung des Stoffes von Gyula Krúdy, hat Mundruczó die sadomasochistische Konfrontation zwischen aufgehetzt aggressiven Dörflern und demütig selbstquälerischen Juden in eine szenische Form gebracht, die sich als bedrückende Folge lebender Bilder in stimmungsvoll fahler Beleuchtung präsentiert: verhärmte Frauen mit Kopftüchern, die Birkenzweige zu Ruten machen, Männer mit Bärten und finsteren Mienen, die durch den Matsch stapfen und Laternen hochhalten. Dazwischen der Geist von Eszter (Johanna Bantzer), der hexenhaft über die Dächer kraxelt, aber natürlich nichts ändern kann am düsteren Geschehen.

Auf die Laken, die an der Wäscheleine aufgespannt sind, werden manchmal die Vorgänge im Inneren des Hauses als Film projiziert - und die meisten von ihnen zeigen, dass all der Hass ziemlich unmittelbar aus aufgestauter Libido erwächst. Vor allem, weil der jüdische Knabe Moritz (Martin Vischer) nicht nur Männern wie Frauen den Kopf verdreht, sondern auch seinen Vater des Mordes anklagt, um die Fesseln der eigenen Religion hinter sich zu lassen. Einmal singt er zusammen mit der toten Eszter "Happy Together" von den Turtles, aber das ist dann auch der einzig anachronistische Moment des ganzen Abends. Das Bezeichnendste an diesem surrealen Ausstieg aus dem Jahr 1882 ist sowieso die Tatsache, dass der Projektor, der die live aufgenommenen Traum-Bilder für uns sichtbar macht, überaus diskret in einem liebevoll verdreckten Taubenschlag verborgen wurde.

Im Dämmerlicht des magischen Realismus

Es gibt Gespenster in diesem statisch erzählten Alpdruck und auch ein klein wenig poetische Zauberei. Die Jüdin Leni (Hanna Scheibe) pustet den Vollmond aus, bevor sie, mit einem Messer bewaffnet, zu ihrem Stiefsohn Moritz schleicht, um mit ihm zu schlafen. Das ist magischer Realismus, aber immer noch ein Realismus, der das Gesamtkonzept nicht ins Wanken bringen kann. Die Bühne und das Spiel - alles hubert das Echte und das Wahre vor sich her. Demonstrativ verzichtet Mundruczó auf all die Verfremdungseffekte, an die sich unser Theater bis zum Überdruss gewöhnt hat. Aber ob er will oder nicht, gerade damit macht er ihre Vorzüge deutlich.

Denn so atmosphärisch schön die erdenschweren Quälereien auch aussehen mögen, so unaffektiert die Darsteller auch an leisen Zwischentönen feilen - die angestrengte Unmittelbarkeit erweist sich bald schon als mangelnder Abstand zum Thema. Man kann ahnen, dass die sich zuspitzenden kulturellen Animositäten eine überzeitliche oder sogar aktuelle Komponente haben könnten, die assoziationslos enge Szenerie des Historienspiels aber rückt den Fall von uns ab. Der Ort, die Figuren, die sorgfältig verteilten Kartoffeln im Matsch bringen nur die zweifelhafte Erkenntnis: Früher, in Ungarn, war es eben auch nicht weit her mit der religiösen Toleranz. So ist dieses Theater vor allem Bild. Man möchte es rahmen und an die Wand hängen, wo es mahnen kann - und alt aussehen.


Eszter Solymosi von Tiszaeszlár
Die Geschichte einer Anklage nach einem Roman von Gyula Krúdy
Fassung: Viktória Petrányi, Éva Zabezsinskij, Kornél Mundruczó
Deutsch von Orsolya Kalász
Inszenierung: Kornél Mundruczó, Bühne und Kostüm: Martón Ágh, Musik: Asher Goldschmidt, Dramaturgie: Viktória Petrányi, Judith Gerstenberg
Mit: Johanna Bantzer, Carolin Eichhorst, Susana Fernandes Genebra, Florian Hertweck, Janko Kahle, Sebastian Kaufmane, Hanna Scheibe, Andreas Schlager, Aljoscha Stadelmann, Martin Vischer

www.staatstheater-hannover.de

 

Auf den großen Festivals sah nachtkritik.de zuletzt Arbeiten des Regisseurs Kornél Mundruczó: Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein bei Theater der Welt 2010 und Ljod. Das Eis bei den Wiener Festwochen 2010. Schon 2008 wurde er auf der Wiesbadener Biennale "Neue Stücke aus Europa" mit seinem Frankenstein-Projekt vorgestellt.

 

Kritikenrundschau

"Die Zuschauer sahen selten gewordenes realistisches Theater, gepaart mit viel Symbolik und einer Prise Phantastik", schreibt Kristian Teetz in der Hannoverschen Allgemeinen (20.9.2010). Den historischen Stoff fächere Mundruczó intelligent auf und arbeite dabei "sehr stark mit Symbolen, ohne das Spiel zu überfrachten". Dass der Regisseur "das Archaische und das Antiliberale in den Vordergrund" stelle, könne "auch als Fingerzeig an die Gegenwart verstanden werden. Denn wer sich die aktuelle Situation der Juden in Ungarn, aber auch von anderen Minderheiten in Europa vor Augen führt, wird erneut viel Misstrauen, Vorverurteilungen und fehlende Toleranz erkennen. Solche Interpretationen zwingt Kornél Mundruczó dem Zuschauer aber nicht auf, auf der Bühne ist nur Historisches zu sehen. Der Bezug zur Gegenwart muss im Kopf entstehen. Das ist das Angenehme bei seiner Regie."

Kornél Mundruczó erzähle "in düstren und verrätselten Bildern", meint Evelyn Beyer in der Neuen Presse (20.9.2010). Mundruczó nehme "dem Dialog seine Bedeutung, es wird genuschelt, gleichzeitig geredet, betont untheatralisch. Doch die Stichworte kommen an, die Furcht vor den Fremden, die Tiere schächten, Matzen statt Brot essen und den Kopf streng bedeckt halten." Die Inszenierung sei beklemmend, und Mundruczó finde "großartige, filmreife Bilder. Doch sie bleiben für sich im Gestern hängen, schaffen nicht den eigentlich doch klaren Bezug zum Heute."

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