Trotzköpfchen mit Wodkaglas

von Regine Müller

Düsseldorf, 18. September 2010. Im letzten Jahr ihrer Intendanz muss Amélie Niermeyer ohne die Bühne des Großen Hauses auskommen, die wegen Asbest-Sanierung für ein Jahr geschlossen ist. Ersatz bietet die große Probebühne im Central, die mit 450 Plätzen zwar gerade mal die Hälfte der Platzkapazität des Großen Hauses bietet, aber durchaus mehr als nur ein zugiges Provisorium ist. Sogar eine Drehbühne hat man sich im Produktionszentrum geleistet.

Und die dreht sich nun in fleißiger Zeitlupe zum Zeichen der berühmten Tschechow'schen Langeweile. Die trockene Hitze eines russischen Landsommers ist ansonsten nicht einmal zu ahnen auf Stefanie Seitz' gähnend leerer Bühne: ein langer Steg aus niedrigen Holzpodesten, ein paar Stühle, ein mattblauer Vorhang, dessen Schienen den Bühnenraum einfassen und raschelndes Herbstlaub auf dem Boden. Lokalkolorit oder eine zeitliche Verortung bieten auch Kirsten Dephoffs Straßenanzüge und Sommerkleidchen nicht. An glamouröse Diven-Zeiten erinnern nur ganz von ferne die Marlene-Dietrich-Hose und Plateau-Schuhe der Arkadina im ersten Teil, nach der Pause steckt Maria Schrader in einem schlichten schwarzen Etuikleid.

Die eisige Leere der Sinnlosigkeit
Amélie Niermeyers Tschechow-Land ist also überall und nirgends, Fritz Fegers einsame Cello-Improvisationen grundieren das Geschehen mit pauschalen Minimalismen von der Stange. Alles ziemlich neutral im Central. Diese Unverbindlichkeit könnte eine ideale Ausgangsbasis sein für die Konzentration aufs Wesentliche, für die unverstellte Entwicklung der Tschechow'schen Typen. Doch Niermeyers Regie scheint verbissen in das Mantra, bloß ja keinen Fehler zu machen. Und gerät kaum etwas wirklich falsch an diesem Abend, aber noch viel weniger richtig.

Denn Niermeyer kann mit der existentiellen Dimension von Tschechows Langeweile nichts anfangen. Keine Spur von der eisigen Leere der Sinnlosigkeit, keine Fallhöhe der Verzweiflung, die Tschechows bittere Komik erst ermöglicht. Die Ausweglosigkeit schrumpft auf Soap-Format, wird zur quengelnden Behauptung, man ist bloß irgendwie nicht gut drauf.

Mascha (Claudia Hübbecker) trudelt mit ausgebeulter Hose umher und gibt das trampelnde Trotzköpfchen, später genehmigt sie sich das ein oder andere Wodka-Gläschen, bevor sie, beerdigt in ihrer Vernunftehe mit dem Lehrer (Stefan Kaminsky mit dem Charme eines Versicherungsvertreters) in die Albernheit des Tanten-Fachs wechselt. Muttersöhnchen Kostja (Ilja Niederkirchner) nimmt man in seiner braven Beflissenheit die Leidenschaft fürs Dichterhandwerk kaum ab, auch Götz Schultes Trigorin entwickelt allenfalls blasse Solidität.

Schwerelose Eleganz, nagende Eitelkeit
Natalia Belitskis Nina macht von der schwärmerisch zarten Landpomeranze zur Ernüchterten keine nachvollziehbare Entwicklung durch. Einsam ragt aus diesem Mittelmaß einzig Fritz Schediwy als alternder Sorin heraus. Da sitzt jeder Blick, jede kleine Geste, jeder tapernde Schritt, jedes gebellte Hohnlachen. Schediwy demonstriert, wie aus Altersbosheit und der Verzweiflung über ein verpfuschtes, sinnlos verstrichenes Leben die Tschechow'sche Komik wächst, und wie das sardonische Gelächter zum einzigen Ausweg wird. Fast manieriert in ihrer schwerelosen Eleganz wirkt Schediwys Kunst.

Und der Star des Abends? Maria Schrader kämpft mit bedingungslosem Einsatz um Intensität und Profil. Doch gelingen ihr nur Momente. Zu flach bleibt die nagende Eitelkeit einer alternden Schauspielerin, zu nett die egomane Grausamkeit der gleichgültigen Mutter.

So zieht es sich hin. Und wenn Kostja sich endlich im Off erschießt, ist man vor allem erleichtert.

 

Die Möwe
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Amélie Niermeyer, Bühne: Seitz, Kostüme: Kirsten Dephoff, Musik: Fritz Feger, Licht: Jean-Mario Bessière, Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: Maria Schrader, Ilja Niederkirchner, Fritz Schediwy, Natalia Belitski, Esther Hausmann, Claudia Hübbecker, Götz Schulte, Michele Cuciuffo, Stefan Kaminsky.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Alles über Amélie Niermeyer auf nachtkritik.de im lexikon.


Kritikenrundschau

Amélie Niermeyer inszeniere "Tschechows Stück über die Langeweile der Menschen als ungekünsteltes Kammerspiel", schreibt Annette Bosetti in der Rheinischen Post (20.9.2010). "In großen, ruhigen Bilderbögen konzentriert sie das Geschehen auf die Gefühle alleine. So generiert sie die Spielfreude ihres Ensembles und unterlässt - anders als gewohnt - jedwedes Spektakel." Maria Schrader entwickelt die Figur der Irina "behutsam. Freilich kann sie mit dem Hintern wackeln und tadellos das Rad schlagen. (...) Als herrschsüchtige Mutter verhakelt sie sich libidinös mit Sohn Konstantin (...). Als vor Eifersucht rasende Geliebte kriecht sie im Vierfüßlerstand über den Boden. Gut ist die Schrader, weil sie nicht übertreibt." Bosettis Fazit: "Das Plus der Inszenierung: die Verdichtung. (...) Das Manko der Inszenierung: der Mangel an Poesie."

"Niermeyers Inszenierung ist vorbildlich genau, gibt sich aufgeräumt. Jeder Szenenwechsel gelingt präzise, überflüssige Charaktere sind gestrichen, jedes Bild macht Sinn", konzediert Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (20.9.2010). Doch das Ensemble vermöge "nur selten zu berühren. Es gibt keine Ausfälle, allein: Man treibt die Handlung voran, als hätte Tschechow ein 'well-made play' für den gehobenen Boulevard geschrieben." Nur an Fritz Schediwys Sorin könne man sich halten: "Wie der sich langsam dem Tod ergibt, während er noch über sein vertanes Leben klagt, wie er große Pläne schmiedet und an jeder kleinen Gemeinheit des Alltags scheitert, wie er schließlich erstarrt und nur noch entsetzt auf einen sich verjüngenden Tunnel zu blicken scheint, dafür lohnt der Besuch. Schediwy spielt an diesem Abend als einziger Tschechow."

So richtig erwärmen kann sich auch Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.9.2010) nicht: "Die Inszenierung von Amélie Niermeyer setzt von vornherein auf eine demonstrative Direktheit, die Tschechows Seelenkunst misstraut und Emotionen in Exaltiertheiten, Andeutungen in Deutlichkeiten führt. Selbst wie Kostja die tote Möwe mit der Ankündigung, sich bald genau so zu erschießen, Nina zu Füßen legt und dazu den Kopf in ihren Schoß bohrt, erscheint als gefällige Geste." Einzig Fritz Schediwys Feinzeichnung von Arkadinas Bruder Sorin gerate zum anrührenden Porträt. "Sonst aber fallen Tschechows Poesie wie seine Komik flach." Kalauerndes Fazit: "Ein Star macht noch keine 'Möwe'."

In der Frankfurter Rundschau (22.9.2010) schreibt Peter Michalzik: Er habe Angst gehabt "Die Möwe" nach der wunderbaren Inszenierung von Jürgen Gosch wiederzusehen. Umso mehr, da die neue Aufführung nahe an der von Gosch sei, mit einer "ähnlich fragenden, offenen Haltung dem Stück gegenüber". Auffallen würden besonders die "jungen Schauspieler". Sie seien die Hauptfiguren. Ilja Niederkirchners unmittelbare Überzeugungskraft als Kostja sei immens. Die junge Natalia Belitski spiele die Zuversicht im ersten Teil "wunderbar, im Unglück glaubt man ihr dagegen kein Wort". "Auffällig auch die strenge, sensible, harsche und verzweifelte Mascha von Claudia Hübbecker". Eine "Enttäuschung" sei Maria Schrader als Arkadina. "Sie kreist nicht um sich, sie bestimmt nicht ihre Umgebung, sie ist weder unerträglich noch liebt man sie." Ein "starker Typ" dagegen Fritz Schediwy. Man sieht, was das Stadttheater einfach gut könne: "Leichtes, selbstverständliches, mal heiteres, mal düsteres Beisammensein."


In der Süddeutschen Zeitung (24.9.2010) schreibt Martin Krumbholz: In Düsseldorf werde von der "Bühnenbühne zu den Bühnenzuschauern" reflektiert und von der Bühne zum Theaterpublikum. Dieses mutige Konzept, den Spiegel zu verdoppeln, ginge auf. Natalia Belitski als Nina sei die "Entdeckung des Abends": Als angehende Schauspielerin spiele sie drei Akte lang "mit jedem Satz, jeder Pose auch im Privatleben nichts als Theater". Dann, als gescheiterte Schauspielerin, zeige sie "anrührend die Gebrochenheit eines Menschen, einer Möwe, die nicht mehr fliegen wird". Auch andere Darsteller in dieser "auf das Ensemble fokussierten Arbeit" beeindruckten, wie etwa Claudia Hübecker. Die Inszenierung sei "aufregend" und steigere "sich von Akt zu Akt". Sie frage die Zuschauer, "ob sie im Leben mehr sein wollen als ihre eigenen Zuschauer".

 

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