Am Tag, als Ariel das Fliegen lernen wollte

von Sarah Heppekausen

Bochum, 25. September 2010. Ariel fliegt. Er streckt die Arme in die Luft, die Wolken ziehen auf der Bühnenrückwand vorbei. Aber der Himmel ist nur ein Videobild und Ariels Flug nicht mehr als eine schöne Illusion. Hustend und erschöpft fällt er auf die Knie und den sandigen Boden der (Schein-)Realität. Dem in Luftnot Geratenen bleibt nicht mehr als ein verzweifelter "SOS"-Ruf. Ariel will hier weg, er ist genervt vom ewigen Meeresrauschen. Wenn der schaffensmüde Luftgeist seine Zauberwerke vollbringt, wirft er Glitter in die Luft, als müsse er sich selbst von deren Strahlkraft überzeugen. Eigentlich ist er nur Handlanger Prosperos, der als ehemaliger Herzog von Mailand sein Dasein auf einer Insel fristet. In dieser Inszenierung aber macht Ariel die große Show.

Im Bochumer Schauspielhaus spielt Nicola Mastroberardino diesen dauerhaft präsenten Ariel. In zauberwütiger Euphorie ist er immer nah am körperlichen Zusammenbruch. Mal faucht der Teufel aus ihm. Mal ist er von sich und seinen (Un-)Fähigkeiten überrascht, mal schwer enttäuscht. Ariel kann zaubern, aber scheitert am Fliegen wie an Liegestützen, am Windblasen und Gitarrespielen. Die zerrissene Gefühlswelt des Luftgeistes ist eine erstaunlich menschliche.

Den Luftgeist drängt es nach Freiheit
Das ist typisch für den Regisseur des Abends: David Bösch legt gern die Emotionen hinter der Sprache frei. 2004 inszenierte der heute 32-Jährige in Bochum "Romeo und Julia" witzig, leidenschaftlich und jugendnah. Jetzt kehrt er unter der Intendanz von Anselm Weber mit Shakespeares "Sturm" zurück. Gewohnt bilder- und effektstark. Mastroberardinos Ariel offenbart eine Innerlichkeit, die Shakespeare seinem Leser nur selten so deutlich macht. Den Luftgeist drängt's nach Freiheit. Das teilt er Prospero nicht nur wörtlich mit, das zeigt sich vor allem in verzweifelter Armruderei und einer launigen Trotzigkeit, mit der er die Pläne seines Herrn ausführt. Nach jedem erfüllten Auftrag reißt er einen Zettel von seiner To-do-Liste.

An menschlicher Unmenschlichkeit übertrifft ihn nur einer: Caliban. Auch der kuscht unter dem mächtigen Zauberstab Prosperos, ist eigentlich ein missgebildetes Monster, halb Fisch (ein Arm ist mit einer Mülltüte zur Flosse gebunden), halb Mensch. Aber Florian Lange berührt in seiner plumpen Kindlichkeit mehr als alle "Vollmenschen", die auf der Insel gestrandet sind. Sein Freiheitsruf ist einer nach Anerkennung und Geborgenheit. Diesem zutiefst verletzbaren Wesen bleiben jedoch nur die Babyfotos der anderen, die er wie ein eigenes Kind in seinen Armen wiegt.

Zwischen Wahnsinn und Hintersinn
Bösch setzt diese beiden Figuren ins Zentrum der Inselillusion. Die ist in Dirk Thieles Bühne vor allem auf Sand gebaut. Am Rand stehen nur ein paar Stühle, eine Pritsche, ein Holzklotz. Da bleibt viel Raum für großformatige Videoclips, Comic-artige Krawallszenen mit vollem Körper- und wenig Worteinsatz, für kurze, aber effektive Einblendungen (die erste Szene, den Untergang des Königsschiffes im Unwetter, streicht Bösch auf ein einziges Bild zusammen: Aus der Unterbühne geht das Schiff samt schwankendem Mobiliar und taumelnder Besatzung einmal auf und wieder unter).

Shakespeares visionäre Komödie ist ein permanentes Spiel mit der Einbildungskraft zwischen real und irreal, tot und lebendig, Hinterlist und Wahnsinn. Bösch besorgt die Bilder dazu, zeigt albtraumhafte Zombie-Szenen, liebevolle Slapstick-Einlagen und Ekel-Phantasien mit abgeschnittenen Daumen und Zungen. Dafür kürzt er das Stück um viele Verse, stellt Szenen um oder bricht sie - radikal, aber präzise analysiert – auf ein Minimum herunter.

Ähnliches gilt auch für die anderen, die vermeintlich menschlichen Gestalten in diesem Drama. Bösch stutzt sie auf einzelne Charakterzüge. Prospero (Klaus Weise) tritt als nachdenklicher Mann auf, dessen fanatischer Gerechtigkeitssinn sich allerdings in übereifriger Gewaltbereitschaft äußert. Xenia Snagowski spielt seine quirlig-erfrischende, aber auch anstrengend-unbedarfte Tochter Miranda. Das schiffbrüchige Königsgefolge verharrt in Marionettenhaftigkeit, es sind die Puppen Ariels, der ihnen Worte über ein verzerrendes Mikro in den Mund legt.

Die herzförmigen Flügel: zerbrochen
Wenn Prospero den machthungrigen Verrätern am Ende vergibt, ist das kein entwicklungspsychologisch hergeleiteter Akt. Es sind gesprochene Worte, aber leere Hülsen. Das ist nicht darstellerisches Unvermögen, sondern macht Sinn: Denn Prospero ist selbst ein Schuldiger. Seinen Opfern gehört in dieser Inszenierung nicht nur das erste, sondern auch das letzte Bild. Sie legen die Halsbänder wie schwere Ketten ab. Aber Ariel kann immer noch nicht fliegen, seine herzförmigen Flügel sind zerbrochen, von Freiheit keine Spur. Haltlosigkeit kann auch einmauern.

Bösch forscht auf der Bühne nicht diskursiv in Shakespeares Sprachtiefen, er zeigt eindringlich das Ergebnis einer Menschenstudie, und das fällt bei allem darstellerischen Humor erstaunlich düster aus.

 

Der Sturm
von William Shakespeare
Übersetzung Frank Günther
Regie: David Bösch, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Meentje Nielsen, Musik: Karsten Riedel, Jan Sebastian Weichsel, Video: Bibi Abel, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Bernd Rademacher, Werner Strenger, Klaus Weiss, Henrik Schubert, Felix Rech, Manfred Böll, Florian Lange, Daniel Stock, Ronny Miersch, Xenia Snagowski, Nicola Mastroberardino.

www.schauspielhausbochum.de


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Kritikenrundschau

Es seien "grandiose Bilder", mit denen Böschs "Sturm"-Inszenierung beginne. Und "so komödiantisch David Bösch das Spiel" anlege, so sehr zeige "er auch die Tragik in allem Tun", schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhr Nachrichten (27.09.2010). "Langeweile herrscht auf der einsamen Insel, auf die es Prospero mit seiner Tochter Miranda vor zwölf Jahren verschlagen hat. Alles wiederholt sich." Mit dem Eintreffen der Feinde Prosperos verändere sich alles, und die erste Begegnung von Miranda und Ferdinand sei "eine der starken Szenen in der an Bildern und Effekten überbordenden Inszenierung. Zu viele vielleicht. Da hat der Abend auch Längen. Am Ende aber steht zurecht riesiger Beifall für das Ensemble und David Bösch".

"Rockmusik donnert, Wolken fliegen, Wellen rauschen über die Rückwand. Doch dann turnt und tobt Ariel, ein 'un-sichtbar' auf der Brust, dessen erste Silbe er nach Belieben auf- und abklebt", beschreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (28.9.2010). Nicola Mastroberardino gefalle sich dabei, den Kraftmeier zu spielen. "Die Inszenierung verengt Shakespeares Endspiel auf die Macht, die blutig herrscht." Doch wo sie herkommen, wie sich die Grausamkeiten erklären, darauf wisse Aufführung keine Antworten. "Die Brutalität wird zum Selbstzweck, die Poesie des Stücks kaltgestellt."


Bösch deute "das poetische Märchen" um den auf eine einsame Insel verbannten Exherzog und Zauberer Prospero "als ebenso verspielt witzige wie todtraurige Familiengeschichte", schreibt hingegen Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (29.9.2010). Bösch inszeniere "einen extrem kurzweiligen Abend mit Rockmusik und Horrorfilmzitaten". Mit Abgründen: In Ariel stecke hier "auch ein verzweifelter Sadist, der Caliban oft zum Spaß das Genick bricht. Es braucht ja bloß einen kleinen Zauber, um dem hässlichen Bruder neues Leben einzuhauchen." Bis zum Schluss: "Die Geisterbrüder bleiben zurück, allein, orientierungslos. Aus alter Gewohnheit dreht Ariel Caliban noch einmal den Hals um. Doch das Zurückzaubern funktioniert nicht mehr."

Enttäuscht zeigt sich Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (30.9.2010) über die kraftmeiernde, textsparsame "Comic- und Splatter-Regie von David Bösch, der die Schiffbrüchigen auf Prosperos Insel auch schauspielerisch stranden lässt und teilweise zu stumpfen World-of-Warcraft-Avataren macht." Immerhin für Nicola Mastroberardinos Ariel und Florian Langes Caliban kann sie sich erwärmen, denn "mit diesen beiden sich nach Freiheit sehnenden Extremfiguren gelingen dann schon auch schöne Bilder, so wie Bösch auch in den Liebesszenen zwischen Ferdinand (Felix Rech) und Miranda (Xenia Snagowski) zu seiner Stärke findet."

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