Als wärs ein Karnevalsscherz

von Dorothea Marcus

Essen, 30. September 2010. Viele Stuhlreihen blieben leer beim Einstand des neuen Essener Intendanten Christian Trombeil. Mag er beim Sektempfang danach die Kraft der Kultur in Essen beschwören – es eilt dem ehemaligen Tänzer der Ruf voraus, zum Intendant gekürt worden zu sein, weil er sich nicht gegen die Essener Theaterkürzungspläne sperren will.

Preußen ein Garten an der Ruhr

Christian Hockenbrinks Inszenierung von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" flotte eineinhalb Stunden vorher ist dennoch ein solides, publikumsnahes Stück Theater geworden, vielleicht etwas leichtgewichtig. "Nabend", nuschelt der Schauspieler Jens Ochslast von der Bühne und konterkariert flapsig die feierliche Erwartung, die an so einen neuen Intendanten gerichtet ist.

1810, das war ein Jahr, erzählt er: Hundesteuer und Humboldt-Uni neu, Oktoberfest gegründet, Herr Krupp eröffnete eine Werkstatt – und Kleist schrieb sein großes, umstrittenes Drama über preußischen Gehorsam und seine träumerische Verweigerung.

Im Ruhrgebiet ist Preußen eine Gartenanlage: der Hofstaat aus fünf Schauspielern pflanzt Topfblumen auf der vorderen Bühnenrampe. Eine Schauspielerstimme imitiert die fernen Kriegsbomben, die Erde fliegt durch die Luft – ein schönes Bild, wie der vemeintlich ferne Krieg den kuscheligen Vorgarten durcheinanderbringt.

Im Traum lang hingeschlagen

Und dann kommt der Prinz: Jannik Nowak ist mit großen himmelblauen Augen, blonden Prinzenlocken und weißem Knitterhemd eine glänzende Besetzung. So stellt man ihn sich vor, den ungestümen, verträumten Prinzen von Homburg, er fantasiert von Prinzessin Natalie und rutscht im wahren Leben auf Blumenerde aus. "Im Traum erringt man diese Dinge nicht", sagt der Kurfürst (Jan Pröhl) streng – und dann wird ein wackeliges Schloss aus riesenhaften Bettlaken auf der Bühne hochgezogen. Dahinter kann man pittoreske, schwankende Schattenspiele zu schwebend schönem Jazzklavier (Alexander Paeffgen) veranstalten.

Ohnehin ist, was der Prinz nur träumt und was ihm wirklich passiert, in Kleists Drama nie ganz auszumachen – vermutlich einer der Gründe, warum das Stück stets umstritten war. Auch kann man einfach nicht begreifen, ob Kleist selbst den Law- und Order-Hofstaat, der seine Gesetze über alles stellt, als erstrebenswert verteidigt – oder jene Traumwelt, die sich ins Unrecht setzt, aber Siege davonträgt.

Doch so weit ist es noch nicht, erst einmal geht es am Hof gegen die Schweden. Ein trippelndes Häuflein mit großer Trommel und alberner Choreografie markiert die Schlachtbewegungen, alle machen mit, auch Kurfürstin und Natalie – man muss sich nur einen Filzhut aufsetzen, um lustig mitzumarschieren.

Der Prinz wirkt wie ein aufgeregtes, mit den Füßen scharrendes Fohlen, als er ausschert, Brandenburg den Sieg beschert und schließlich wegen seines Ungehorsams zum Tode verurteilt wird. Woran er kindlich, mit aufgerissenen Augen nicht glauben kann, um schließlich entsetzt und mit Erde besudelt um Gnade zu flehen.

Gehorsamsfetischismus auf Leben und Tod

Das Motiv des Gartens wird stets weiter geführt: Prinz Friedrich bringt ihn in Unordnung, überschüttet sich mit Erde, lässt sie herumfliegen wie ein Kleinkind, legt sich quer über die Blumen – während sein Gegenspieler, der Kurfürst, sie nebenbei immer wieder einpflanzt. Doch warum er seinen seltsamen Gehorsamsfetischismus durchzieht, begreift man nicht. Ist es eine überkandidelte Erziehungsmaßnahme ist oder Eifersucht auf seine Tochter Natalie (Floriane Kleinpaß), die offen knutschend mit Homburg auf der Bühne steht, aber sonst etwas blass bleibt?

Die Inszenierung bringt die Rätsel aus Kleists Drama nicht näher, sondern erschöpft sich zunehmend in Karikaturalem. Unangenehm lustig wirkt es, wenn sich Gerichtsdiener in Zettelwirtschaft verheddern oder Natalie mit plüschigen Engelsflügelchen dem Kurfürsten die richtige Entscheidung einflüstern will und der sich die Nase kratzt, weil es kitzelt. Oder soll hier gezeigt werden, wie sträflich verantwortungslos die Spaßgesellschaft zu Hofe mit Leben und Tod umgeht?

Und wozu das alles?

Nach kühn gekürzten eineinhalb Stunden steht der Prinz zum Schluss mit Papiertüte auf dem Kopf, die sich seit dem Irakkrieg als Synonym für Folter ins kollektive Unterbewusstsein gebrannt hat, am frisch mit Gartenerde aufgeschütteten Grab – und wird errettet, als wäre alles ein Karnevalsscherz gewesen. Die Spaßgesellschaft lässt den fassungslosen Prinzen anschließend buchstäblich im prasselnden Regen aus der Schauspielhausregenmaschine stehen. "Ist es ein Traum?" spricht Friedrich, doch anders als bei Kleist wird ihm auf diese Frage keine Antwort mehr gegeben.

Das alles ist schön und kurzweilig gemacht, auch wenn einige Schauspieler blass bleiben. Warum man aber jenes Stück heute noch inszeniert, wie sich die Begriffe von Gehorsam, Befehlsgewalt, Recht und Ordnung verschoben haben – und wie nicht (was man gerade bei Stuttgart 21 beobachten kann), diese Fragen zu beantworten, macht sich die Inszenierung keine Mühe.

 

Prinz Friedrich von Homburg
Schauspiel von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Christian Hockenbrink, Bühne: Mascha Deneke, Kostüme: Kati Kolb, Musikalische Leitung: Alexander Paeffgen, Dramaturgie: Marc-Oliver Krampe, Licht: Michael Hälker.
Mit: Jan Pröhl, Ines Krug, Floriane Kleinpaß, Jannik Nowak, Gerhard Hermann, Jens Ochslast.

www.theater-essen.de

 

Mehr zu Christian Hockenbrink: 2008 inszenierte er in Wilhelmshaven Tine Rahel Völckers Albertz.

 

Kritikenrundschau

Als Versuch, "einem Stück um Traum und tödliche Wirklichkeit durch windschnittige Kürzungen und aufgesetzte Lustigkeit zur leichten Konsumierbarkeit zu verhelfen" fällt der Abend bei Arnold Hohmann auf dem Online-Portal Der Westen (2.10.2010) durch. In Essen erlebte der Kritiker "einen Homburg, der nach erfolgter Scheinhinrichtung von der kichernden Hofgesellschaft im Bühnenregen stehen gelassen wird." Dabei hätte Jannik Nowak aus seiner Sicht "mit seinem traurigen Gesicht zum feschen Blondhaar aus dieser Figur sicher viel machen können". Allein es bleibe wenig Zeit in diesem Schnelldurchlauf, "um glaubhafte Seelenschwankungen zu entwickeln."

Christian Tombeils Essener Neustart trage, ob der einzusparenden 20% des Etats, den "Stempel der Krise", so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (4.10.2010). "Wie der finanzielle den künstlerischen Engpass nach sich zieht, lässt der Spielplan ablesen", in dem ein Klassiker genügen müsse und ansonsten "Kleinigkeiten" folgten, "ein Sammelsurium von allenfalls aparten, eher anbiedernden Randerscheinungen". Hockenbrink reduziere das Kleist-Drama und gehe "teils flapsig, teils flach-pathetisch über die großen Themen von Gesetz, Gehorsam und Gnade, Kriegsrecht und Staatsraison hinweg". Die Schauspieler hält Rossmann für überfordert, Jannik Nowak wirke in der Titelrolle wie von "einer Strandparty entlaufen". Leitzordner und Zettelkästen markieren deutlich die "Bürokratiesatire". Der Klassiker werde hier vom Regisseur quasi "scherzend im Regen stehen" gelassen. "Kleist als Kleingärtner, sein Schauspiel im Eimer, kein Blumentopf ist damit zu gewinnen." Kleinmütiger lasse sich eine neue Intendanz kaum eröffnen.

Das Stück irre anderthalb Stunden lang "auf einer durchweg unterhaltsamen, symbolisch aber ausgeleierten Spur daher", schreibt Claus Clemens in der Rheinischen Post (4.10.2010). Keineswegs hieb- und stichfest sei dieser Essener "Kunstversuch, was vor 200 Jahren neu war, mit der Jetztzeit zu verbinden".

"Worum geht es in Christian Hockenbrinks Inszenierung?", fragt Stefan Keim (Die Welt, 5.10.2010): "Nur um die wirre Gedankenwelt eines überspannten jungen Mannes. Ranschmeißtheater an ein Schülerpublikum, in neunzig Minuten ist alles vorbei."

 

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