Ihr seid der neue Kolonialismus!

von André Mumot

Kassel, 3. Oktober 2010. Man muss gleich Entwarnung geben: Rebekka Kricheldorfs neues Stück hat seinen Titel "Robert Redfords Hände selig" nicht, weil jener ewig blonde Beau das Zeitliche gesegnet hätte. Betrauert wird hier nur seine Filmfigur aus "Jenseits von Afrika" – und das romantische Prinzip, für das sie stand.

"Von so einem tät man sich gern das Haar waschen lassen im Sonnenuntergang, während im Busch die Löwen schnarchen", sagt jedenfalls Alice (Eva-Maria Keller) und seufzt und albert und trinkt. Der schwarze Kontinent ist eben auch nicht mehr, was er mal war, und neben sich hat sie keinen schmucken Flieger, sondern nur Ben (Matthias Winde), den grantigen Besserwisser, mit dem sie seit neununddreißig Jahren verheiratet ist. Hauptberuflich ist sie schlechtere Hälfte, wie sie sagt, aber auch das mag der Gatte nicht so stehen lassen: "Du bist hauptberuflich ignorant." Und dann sie: "Ich bin hauptberuflich Existenzflüchtling." Und dann er: "Weit bist du ja nicht gekommen."

Albee, ick hör dir trapsen

Na ja, immerhin bis nach Namibia, wo sich das Auswanderer-Paar im Ruhestand ein kleines Häuschen gekauft hat, in das sich Alice aber nach mehreren Einbrüchen nicht mehr hineintraut. Deshalb verbringen die beiden "Neubürger" nun ihre Zeit in einem Urlaubs-Resort vor einem braunen Zelt und ziehen ein junges Pärchen in ihre angeschickerte Gift-und-Galle-Ausgelassenheit hinein. Julia (Alina Rank) und Gero (Björn Bonn) sind eigentlich nach Afrika gekommen, um in einem AIDS-Hilfe-Projekt zu arbeiten, werden aber kurzerhand zu Kollateralschäden der Eheschlacht von Alice und Ben. Am Ende jedenfalls beschließt die "mitteleuropäische Bildungsbürgertochter", nicht den Kontinent, sondern erst einmal sich selbst zu retten und den "Exabstinenzler und Vorzeigeantideutschen" Gero zu verlassen.

Ja, man hört den Albee trapsen. Wie einst in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" stehen sich in alkoholisierter Konfrontation ein altes und ein junges Paar gegenüber – und auch hier bilden die sich demütigenden Eheveteranen eine echte Symbiose, während sich das jung verliebte Glück rasch als fadenscheinig erweist. Bei Rebekka Kricheldorf, gerade erst mit dem Kasseler Förderpreis Komische Literatur ausgezeichnet, wird das vertraute Sujet dabei jedoch zur handfesten Komödie, in der die Dialoge schnell sind und grausam, unprätentiös und eindringlich.

Im touristischen Nirwana

"Ein Mensch pro Mensch reicht aus als Halt", sagt Alice einmal in einem der traurigen Erkenntnismomente des Stückes, während sie verloren in der weitläufigen Bühnenbildkonstruktion von Ansgar Silies herumtorkelt: Der von Schirin Khodadadian anfangs noch allzu schwankhaft schlicht inszenierte Schlagabtausch trägt sich nämlich in einem abgewrackt entleerten Swimmingpool mit angeschlossener Bar zu, über der Balkonkästen mit Spießergeranien baumeln.

In diesem touristischen Nirwana steigen die Idealisten und die Zyniker in den Ring: Björn Bonns herzzerreißend unter Druck stehender Gero, der nicht tatenlos am Elend der Welt vorbeigehen will und verbissen ein feministisches Männlichkeitskonzept verteidigt. Und Matthias Windes giftiger Ben, der achselzuckend berichtet, dass in Deutsch-Südwest-Afrika noch immer Hitlers Geburtstag gefeiert wird, und feixend den Spieß umdreht: "Ihr seid der neue Kolonialismus. Lasst die Leute hier mit euren Reden und Kondomen und der Demokratie in Ruhe! Ihr seid schlimmer als der Papst und alle Schutztruppen und Burenbesatzungen zusammen."

Nüchternes Stück über besoffene Leute

Es geht dann recht laut zu, und alle vier Schauspieler nutzen mit Nachdruck ihre Gefühlsausbruch-Chancen. Nicht zuletzt Eva-Maria Keller, die sich schließlich in einen donnernden Befreiungsschlag hineinsteigert: "Wie mich das ankotzt", brüllt sie angewidert, "diese Jugend, feige und öde, warum bin ich wieder der einzige Mensch, der mich versteht? Und warum ist mir mein ganzes beschissenes Leben lang keine Sau begegnet, die es mit mir aufnehmen kann?"

Die Inszenierung nimmt in diesen stimmgewaltigen Herz- und Theaterblut-Szenen rasant an Fahrt auf und demonstriert, wie wohlproportioniert Rebekka Kricheldorf ihre Konversationskomödie angelegt hat. Beziehungs- und Weltanschaungsmodelle stehen als Antithesen unaufgelöst neben einander: Blicke auf Deutschland und Afrika, Männer und Frauen, Eltern und Kinder, auf das Elend und die Ohnmacht, auf die Häme der Chauvinisten und die Hoffnungen der Entwicklungshilfe werden nie einseitig der Lächerlichkeit preisgegeben. Der so spitz geschriebene und an diesem Uraufführungstag mit lustvoller Intensität angestimmte Text stellt die Perspektiven in kaltblütigem Interesse vor, macht ihnen Platz, wertet nicht. Es ist also ein sehr nüchternes Stück über sehr besoffene Leute. Und das ist, schlicht gesagt, ziemlich wunderbar.

 

Robert Redfords Hände selig (UA)
von Rebekka Kricheldorf
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne und Musik: Ansgar Silies, Kostüme: Ulrike Obermüller, Dramaturgie: Christa Hohmann.
Mit: Eva-Maria Keller, Matthias Winde, Alina Rank, Björn Bonn.

www.staatstheater-kassel.de

 

Die Regisseurin Schirin Khodadadian ist auch sonst oft für Uraufführungen verantwortlich, zum Beispiel für Sibylle Bergs Die goldenen letzten Jahre (Theater Bonn), das 2009 zu den Mülheimer Dramatikertagen eingeladen wurde, oder für Theresia Walsers Morgen in Katar (Staatstheater Kassel), das 2008 in Mülheim gastierte.

 

Kritikenrundschau

"Die grandiose, sehr eng gewebte Textvorlage mit ihren genauen Beobachtungen aus dem Gutmenschentum wird von Schirin Khodadadian in einer einzigen, großen Energieentladung auf die Bühne gebracht", schreibt Bettina Fraschke (Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung, 5.10.2010). "Schnell", sei die Inszenierung, "mit Mut zur Lautstärke und zum Slapstick, wenn sie die Figuren mit widerspenstigen Klappstühlen oder den Kunstgeranien kämpfen lässt, die fürs Biedermeierlich-Deutsche stehen, das trotz aller Steppen-Exotik nicht aus den Gemütern radierbar ist." Das Abgründige liege, "wie in dem ähnlich aufgebauten Klassiker 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?'" nah am Komischen, "allerdings hätten hier die dunklen Momente neben den grellen noch etwas mehr Raum bekommen können".

In ihrem weit ausholenden Huldigungsartikel auf Rebekka Kricheldorf geht Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.10.2010) auch auf die Uraufführung von "Robert Redfords Hände selig" ein: Das Stück sei "nicht nur eine deutsche Auswanderer- und Gutmenschen-Groteske, die auf der Folie des Postkolonialismus-Diskurses 'Mutter Afrika' ins Visier nimmt. Das Stück, das im Titel dem romantischen 'Jenseits von Afrika'-Bild des Kinos nachtrauert, ist auch und vor allem ein scharf pointiertes Beziehungsdrama in unverhohlener Anlehnung an Albees 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?'." Jung treffe auf alt, Idealismus auf Zynismus, "es geht um Geschlechter- und Weltanschauungsdifferenzen, Gender- und Beziehungsproblematik - all dies in einem schnellen, scharfsinnigen Dialog-Pingpong". So begeistert Dössel vom Stück ist, so enntäuscht zeigt sie sich von Schirin Khodadadians Regie: "Ihre Inszenierung nervt durch Lautstärke, Geplärre, rabaukigen Humor und ist auch schauspielerisch eher enttäuschend; es fehlt die intellektuelle Schärfe, die Bosheit, das lustvolle Ausreizen der Spitzfindigkeiten."

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