Choreografie der Ratlosigkeit

von Kaa Linder

Zürich, 7. Oktober 2010. "Ihr begannt verheissungsvoll" lautet einer der letzten Sätze in Handkes "Publikumsbeschimpfung", die allerdings erst kurz vor Schluss eine solche ist. Wenn nämlich die vier Spielenden ein Podest in den Theatersaal schleppen, um ihrem Publikum auf Augenhöhe die Leviten zu lesen. Wenn sie über die Zuschauer bilanzieren nach einem 100-minütigen Akt der Verweigerung, Theater zu spielen in einem Theater vor Menschen, die um des Theaters Willen ins Theater gekommen sind.

Verheißungsvoll beginnt dieser Verweigerungsakt tatsächlich. In den niedrigen Neumarkt-Theatersaal ist ein gutes Dutzend Baustreben eingelassen, als drohe die Decke jeden Moment einzustürzen. Der Boden zeigt simples Holzparkett, ein blanker Biertisch und einige Stühle stehen verstreut. An die Streben gelehnt sind die halbnackten Körper von drei Spielerinnen und einem Spieler, die sich in knapp anliegenden Trikots konzentriertem Stretching hingeben. Doch diese Turnhalle ist nur beschränkt eine für Leibesertüchtigungen, vielmehr sollen hier die Muskeln des Zuschauerhirns auf ihre Wahrnehmungselastizität hin geprüft werden. So will es der Text von Peter Handke, der bei seiner Uraufführung 1966 für einen Skandal sorgte.

Jeder Satz ein Schuss

Die "Publikumsbeschimpfung", Handkes erstes Sprechstück, gibt vor, gar kein Sprechstück zu sein und zielte ursprünglich gegen die vorherrschende, namentlich epische Theatertradition. Es galt, dem bourgeois-apathischen Zuschauer den Spiegel vorzuhalten, oder anders gesagt, einmal tüchtig in den Hintern zu treten. Peter Handke, gerade mal 23 Jahre alt, verpackte seine Lektion in eine minutiöse Beschreibung dessen, was einen Zuschauer zu einem solchen macht, vom Moment des Kartenbezugs bis zum Applaus, wenn er die Hände ineinander klatschen lässt.

Dabei lässt der Autor vier Sprechende, die in jedem Augenblick ihre Rolle als Spieler dementieren, sich direkt an das Publikum wenden. Jeder Satz wie ein Schuss, wohl platziert gegen jede Erwartungshaltung, auf der Bühne etwas erzählt, geboten, vermittelt oder gelehrt zu bekommen. Es gibt kein Spiel, nichts dahinter und nichts davor, und diese Erkenntnis wird dem Zuschauer eingetrichtert, affirmativ und repetitiv.

Körperlicher Kontrollverlust

Was vor knapp fünfzig Jahren skandalös war, wirkt aus heutiger Sicht überholt, wenn auch nicht falsch. Die Frage nach der Beziehung zwischen Bühne und Publikum ist zeitlos und die Auseinandersetzung mit den Wirklichkeiten dies- und jenseits des Rangs hat nichts an Aktualität eingebüsst. Doch ist das Bewusstsein um diese Dialektik dem Theater heute immanent und die Unschuld des Zuschauers längst widerlegt.

In der Regie von Laurent Chétouane geschieht diese Selbstbefragung in einer merkwürdigen Mischung aus distanzierter Herablassung und körperlichem Kontrollverlust. In einer stetigen, eigenen Regeln folgenden Choreografie bewegen sich die vier Körper durch den Raum, verknoten sich hier, stossen sich da voneinander ab. Unaufdringlich ist das zunächst, und wirkt doch auf die Dauer ermüdend und wie ein Korsett, aus dem der Text bloß noch herausgewürgt wird.

Dreieinhalb Minuten lang Biertischzerlegen

Im immer gleichen Rhythmus und in einem belehrend-anbiedernden Ton rieseln Handkes Sätze auf das Publikum nieder, bedeutungslos wie die sporadisch eingestreute Klaviermusik. So schleichen die vier Spielenden über die Bühne, gehen zufällig ab und treten zufällig auf, ziehen sich an und wieder aus, tauschen Kleider und kommen nie zur Ruhe. Rätselhaft ist die einzig stumme Figur, eine Tänzerin (Sigal Zouk), die mit ausdruckslosem Gesicht und abstrakten Bewegungen wie ein ätherisches Wortsubstrat ihre Bahnen zieht.

Über die ungebrochene, fast naiv wirkende Ernsthaftigkeit dieser Inszenierung mag man sich wundern oder ärgern, beides wird nicht über die Tatsache hinweghelfen, dass Handkes Text einen schweren Stand auf der Bühne der Gegenwart hat. Wenn Malte Sundermann gegen Ende des Abends den Biertisch mit einem Fuchsschwanz zersägt, dauert das spannende dreieinhalb Minuten und macht selbstredend deutlich, wie einfach und wie unmittelbar Theater sein kann.

 

Publikumsbeschimpfung
von Peter Handke
Regie: Laurent Chétouane, Bühne: Patrick Koch, Kostüme: Imke Schlegel, Körpertraining: Jan Burkhardt, Damaturgie: Britta Kampert.
Mit: Katarina Romana Schröter, Malte Sundermann, Franziska Wulf, Sigal Zouk.

www.theaterneumarkt.ch

 

Mehr zu Laurent Chétouane? Im nachtkritik-Lexikon finden Sie neben biografischen Informationen alle bei uns besprochenen Inszenierungen des Regisseurs.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Pulikumsbeschimpfung Zürich: KritikerBeschimpfungagnes 2010-10-08 17:47
ich zähle insgesamt acht absätze.
davon widmen sich die letzten drei (!) der inszenierung selbst. die übrigen 5 sagen mir als zuschauer, warum handkes text heute so seine problemchen hat (oder zumindest tun sie so, als würden sie's verraten). - ach, und der bühnenraum, natürlich ..
kein wort über die schauspieler, eine an plattheit kaum zu überbietende und der pointe wegen merklich an den haaren herbeigezogene schlussbemerkung - diese kritik sollte sich schämen, sich "kritik" nennen zu wollen!
#2 Publiumsbeschimpfung Zürich: vielleicht erst zwei Stunden später ... Gast 2010-10-08 18:33
Das ist auf Nachtkritik leider oft so. Man hat das Gefühl, die Zeit zum Schreiben der Kritik ist schlicht zu kurz und so wird der meiste Platz eben dem Stück, dem Text oder überhaupt gleich allgemeinen Vorbemerkungen gewidmet, da man hier schon mal "vorschreiben" kann. Vielleicht sollten die Kritiken erst zwei Stunden später online gehen, dann könnte man auch mal mehr über die Inszenierung, die Schauspieler nachdenken und in den Computer klopfen ...

Oder, lieber Gast, Sie beteiligen sich selbst am Zusammentragen der wichtigen Eindrücke. Sei es per Kommentar oder per Leserkritik (rechte Spalte) und kommen aus dem bequemen Ich-lehn-mich-zurück-und-guck-mal-was-nachtkritik-wieder-schreibt-ach-wieder nichts-Rechtes-na-das-kennen-wir-ja-schon-Gedöns raus.
Herzlich
die Redaktion
#3 Publikumsbeschimpfung in Zürich: Übersetzungsarbeit michael roloff 2010-10-09 00:51
#4 Publiumsbeschimpfung, Zürich:Gerhard Follor 2012-06-20 01:45
Was vor knapp 5O Jahren skandalös war, wirkt aus heutiger Sicht überholt, wenn auch nicht FALSCH.
#5 Publiumsbeschimpfung, Zürich: Zeitlose FragenGerhard Follor 2012-06-20 01:51
Handke war 23 als er sein berühmtestes Stück schrieb, und doch ist es laut Kritik
überholt, aber ein "falscher Ton" darin war nicht zu hören, was ihm später nachgesagt wurde.
Die Frage nach der Beziehung zwischen Bühne und Publikum ist zeitlos und die Auseinandersetzung mit den Wirklichkeiten dies- und jenseits des Rangs hat nichts an
Aktualität eingebüßt. Doch ist das Bewusstsein um diese Dialektik dem Theater heute immanent und die Unschuld des Zuschauers längst widerlegt.
#6 Publikumsbeschimpfung, Zürich: Das gewissermaßen GenialsteGerhard Follor 2012-06-20 02:02
Für mich ist dieses Sprechstück das gewissermaßen Genialste was Peter Handke gemacht hat, und ich finde es nach wie vor nicht überholt -
Und wenn diese Ablehnung der in den 196OJahren vorherrschenden Theaterformen und ihrer Themen, nicht bleibt, weil jene Zeit vorüber ist - was bleibt dann noch
vom Dramatiker Handke? Immer noch Sturm? - er mag ja mehr Erzähler sein als Dramatiker -
Das hölderlinbekannte Was bleibt aber, stiften die Dichter - mag vielleicht in seinem Fall nicht zutreffen, obgleich man ihn Dichter nennt und Dichterfürst - -
es ist im Grunde aber eigentlich sehr schade, bei einem so
unglaublich talentierten Anfang und Beginn! -
als wäre er ein Früh-Vollendeter gewesen - -

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