Neuköllner Blutlustigkeit

von André Mumot

Braunschweig, 8. Oktober 2010. Uns kann es ja eigentlich schnurz sein, aber das Stück selbst stellt dann leider doch die Frage: Warum läuft der Lutz Amok? Das ist nämlich eigentlich ein ganz Lieber, der seine Flinten nur ehrfurchtsvoll sammelt, aber nie benutzen würde. Einer, der in Neukölln wohnt, und zwar im Erdgeschoss, und der Sozialwissenschaften studiert hat. Und weil das ja alles und nichts heißen kann, merkt sich das auch keiner, und selbst sein Kumpel Manni (Philipp Plessmann) bringt das immer durcheinander und behauptet, er habe Kulturwissenschaften studiert. Oder Medienwissenschaften. Oder Vergleichswissenschaften. Voilà: Der erste Running Gag.

Aber das ist ja doch noch kein Grund, seine Freundin Inga und deren beste Freundin Britta (Theresa Langer) und den Manni und dann wohl auch noch sich selbst abzuknallen. Der Lutz, den Philipp Richardt hauptsächlich als ahnungslosen Grinser und zappelnden Hysteriker spielt, hat aber zudem noch irgendeinen Job verloren und sich mit irgendwas selbstständig gemacht und sich mit Finger abhackenden deutschrussischen Inkassoeintreibern eingelassen.

Beinahe-Auseinandersetzung mit Beinahe-Menschen
"Ich würde gern mal wissen, was der macht, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht. Mit seiner Passivität", sinniert die sehr handfeste und sehr lustige Anika Baumann als Inga, und muss es dann auch feststellen. Weil sie selbst was auf der hohen Kante hat, wird sie nämlich vom Lutz überfallen, an die Heizung gekettet und handgreiflich malträtiert.

Es geht also hoch her an diesem Abend in der "Hausbar", einer kleinen Studiobühne mit Ausschank, die das Staatstheater Braunschweig mit dem bisher unaufgeführt gebliebenen Erstling von Nis-Momme Stockmann einweiht. Mit einem Stück also, das Figuren und Milieu so offenkundig abgedroschen entwirft, das es offenbar immer schon wie die Parodie auf sich selbst wirken möchte. Nach der karikaturenhaften Beinahe-Auseinandersetzung mit Beinahe-Menschen aus Neuköllner Beinahe-Dramen nimmt es allerdings eine ziemlich steile Kurve zu einer bizarr zynischen Gewaltorgie, die die blutlustige Logik eines Tarantino-Drehbuchs mit dem hingebungsvoll klamaukigen Auf-und-Zu von Boulevardtheatertüren verbindet.

Es ist ein Glück, das dieser auf 80 Minuten gedehnte Sketch, in dem ein nicht abgeholter Schnellkochtopf die fragile kosmische Ordnung ins Wanken bringt, von Alexis Bug größtenteils als munter dröhnende Fröhlichkeit inszeniert wurde. Hübsche kleine Schwarz-Weiß-Animationen von Tauben und vom Fernsehturm laufen über einen Flachbildschirm hinter der Hausbar-Theke, das Blut wird von roten Wollfäden markiert, und die Waffen hängen als grelle Wasserpistolen an der Wand.

Gurgelnd auf den Gnadenschuß warten
Außerdem hat Bug, der für "Das Helmi" 2006 bei "Arsen und Spitzenhäubchen" Regie geführt hat (eine Moritat aus gleichem Schrot und Korn), deren Puppenbauer Felix Loycke mit ins Boot geholt, der die krude Maske des Erzähltexte sprechenden Conférenciers gestalten durfte, in die Theresa Langer und Philipp Plessmann am Anfang und am Ende steigen.

Der geglückteste Einfall des Abends ist aber ein anderer: Nachdem der Inga der Kopf eingeschlagen wurde, sie aber noch gurgelnd auf den Gnadenschuss wartet, taucht Anika Baumann mit einer gigantischen Haupterweiterung auf, einem wuchernden Helm aus Barbiepuppenköpfen und - beinen, aus rosafarbenem Plastikschmuck und Spielzeuginstrumenten – als wären der gespaltenen Schädeldecke alle Kleinmädchenträume der Pop- und Kommerzkultur als ekelerregend süße Wucherung entwichen.

Dieses perfide Bild ist dem Text klar überlegen. Denn Stockmanns erstes, offenkundig ungeschliffenes Stück begnügt sich nicht mit der fatalistischen Hinterfotzigkeit von Trash und Pulp, sondern stochert mit halbgarem Ernst in soziologischen Motivationen herum. In der Parodie auf selbstmitleidige Generationenporträts will es irgendwie doch noch Selbstmitleid und Generationsporträt aufrecht erhalten und in der Außenwelt, jenseits des Bühnenunsinns, amokfördernde Verfehlungen der Leistungsgesellschaft antippen.

Problem verarbeitet, Problem vergessen
Philipp Plessmanns psychotischer Manni hört sich jedenfalls verdächtig überzeugt an, wenn er inmitten der Blutlachen aus roter Wolle Schluss machen will mir der Passivität, wenn er über den Terror von Leistungsnachweisen und Quoten räsoniert und eine Welt herbeisehnt, "in der Glück ohne Wachstum möglich ist".

Man hört da am besten gar nicht so genau hin und lässt sich nicht den Spaß verderben, den die vier Sketche-Darsteller beim brutalen Durchdrehen entfalten. Das Soziologische ist neben dem Jux sowieso nur ein lauer Hauch, sodass man sich sorgenlos an die Maxime halten kann, die Lutz vor seinem Amoklauf so schön verinnerlicht hatte: "Problem verarbeitet, weil Problem vergessen."

 

Inga und Lutz
oder: Die potentielle Holistik eines Schnellkochtopfs im Kosmos des Seins
(UA)
von Nis-Momme Stockmann
Inszenierung: Alexis Bug, Gestaltung Raum und Bühne: Philipp Baumhauer, Kostüme: Claudia González Espíndola, Musik und Objekte: Tobias Gronau, Video: Claudius Strack, Puppenbau: Felix Loycke, Dramaturgie: Charlotte Orti von Havranek,
Mit: Anika Baumann, Philipp Richardt, Philipp Plessmann, Theresa Langer.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Der Regisseur Alexis Bug arbeitete schon öfter mit dem Puppenbauer Felix Loycke von Das Helmi zusammen. Zum Beispiel im Januar 2010 in der Berliner Volksbühne in Hitlerine mit Anne Tismer. Alles über den Dramatiker Nis-Momme Stockmann auf nachtkritik.de hier.

 

Kritikenrundschau

Nis-Momme Stockmanns Stück schwanke "so perfide zwischen alltäglichem Plauderton und Mord, dass es einen in den Sessel haut", meint Andreas Berger in der Braunschweiger Zeitung (11.10.2010). Der Beziehungskomödienton werde gleich mit entlarvt: "als Kapitulation der Gedemütigten vor den Zwängen der Spaßgesellschaft, in der längst keiner mehr Spaß hat." Stockmann zeige dagegen "die triviale Zwangsläufigkeit auf, die ein System sogar auf seine Opfer wirft." Stockmann erweise sich als "moderner Moralist": Das Stück wolle "schmerzen unter den komödiantischen Wortwechseln, der groteske Schocker entlarvt die Perversität des Alltags. Altmodisch könnte man es aufklärerisch nennen." Alexis Bug habe das alles "pointiert inszeniert. Unterhaltend, aber der Schock wird nicht verspielt."

Gerhard Stadelmaier ist auch nach Braunschweig gefahren (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2010) und was er dort sah, man kann es nicht anders sagen, rührt ihn an: In Stockmanns jungen Leuten erkennt er einen "Junge-Leute-Typ", der als "Ego-Wichtel" aus "allen Verhältnissen herausfalle, "sympathisch antriebslos, rührend hilflos, verlassen von den Eltern, Vätern vor allem". Ein Typus, der an der "grauen Masse" leide, der nach einem "Glück ohne Wachstum" strebe und den dementen Vätern, dem "Theaterbetrieb" sowie den "Kloaken und Betonwüsten der Vorstädte" eigentlich nur sein "Ruheruheruhe!" entgegen schreie. Stockmann zeige den "Outcast als Spießer und Kitschträumer", jedoch führe er ihn nicht "am Nasenring durch die soziale Manege", sondern lege ihm "den Arm um die Schultern und Wortsalbenverbände auf die Seelenwunden". Stockmanns Stücke seien so gesehen "geistige Sozialhilfe". In Braunschweig nehme die Regie "die Sache vollkommen unernst, als Spiel mit einer Realität, nicht als Abklatsch einer Realität". Es handele sich um "Luftnummern" eines Theaters der "ganz einfachen, aber eindrücklichen Zeichen und Gesten". Doch alles sei da an "Elend und Verkommenheit", alles "so hoffnungslos. Aber auf keinen Fall ernst". Diese "Mitt- und Endzwanziger", die "unsere Kinder" seien, zeigten "so viel von uns, obwohl sie unsere Chancen schon lange nicht mehr haben, dass wir ihnen nur dadurch helfen können, dass wir nicht aufhören, ihnen zuzuschauen."

Das Stück "leide unter seinem sozialkritischen Furor, die Inszenierung befreit es mit schrägen Puppen, schrillem Witz und schnellen Szenenschnitten daraus zu einer irrwitzigen Sozialfarce", schreibt Dirk Pilz (NZZ, 21.10.2010). Während Stockmanns Text zuweilen nach "grober Anklagedramatik" aussehe, beweise Alexis Bug an diesem Abend, "dass sich Spielwitz und Zeitkritik nicht ausschliessen müssen".

 

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