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Vom Herz der Stadt zur Villa Global

von Jürgen Reuß

Freiburg, 9. Oktober 2010. Am Festwochenende vom 8.-10. Oktober feiert das Theater Freiburg seinen 100. Geburtstag. Manche schauen zu solchen Anlässen zurück, die Freiburger nach vorn: Wie wird das Stadttheater der Zukunft angesichts sozialer, demographischer, politischer und medialer Veränderungen aussehen? Eine mögliche Antwort gibt das Motto, unter dass die neue Spielzeit gestellt wird: "Heart of the City".

Die darauf zugespitzte Frage, gestellt im hauseigenen Theatermagazin, lautet: "Kann und soll das Theater dem Anspruch genügen, das "Herz" einer Stadt zu sein? Ein pulsierendes und vitalisierendes Zentrum, das den Austausch verschiedener "Ströme" organisiert und in immer neuen Anläufen das Alte und das Neue in ein kreatives Mischungsverhältnis bringt?"

The Herz of the Heart is Art
Schaut man auf die Fassade des Theaters, ist die Antwort ein beherztes Ja. Dort prangt das Motto nämlich gut sichtbar in Leuchtschrift und schafft schon mal Fakten. Die ersten beiden Buchstaben sollen pulsieren – the Herz of the Heart is Art, ist es nicht? Englisch ist das Motto übrigens, weil die Idee aus dem Film Matrix stammt. Dort gibt es ein Hotel namens "Heart O' The City" dessen Neonschrift ähnliche Beleuchtungsprobleme hat.

Natürlich wird an diesem Wochenende das, was das Theater zu sagen hat, auch ganz altmodisch auf der Bühne gesagt. Das heißt, im traditionellen Sinne altmodisch sind nur ein bis zweieinhalb der fünf Premieren. Eigentlich sind es sogar sechs, wenn man eine Vorabpremiere Mitte September hinzuzählt, die in den ehemaligen Hallen einer Uhrenfabrik im Schwarzwald stattfand. Am Eröffnungswochenende führt die erste Inszenierung unter Federführung des pvc Tanz Ensembles die Zuschauer nachmittags zunächst in die Basiskneipe "Peter's Schlupfwinkel", um von dort aus auf einem Rundgang den vermeintlichen Freiburger, nun ja, "Problem"-Stadtteil Haslach zu erkunden.

Parcours mit Tänzern und Eingeborenen
Die erste Station lässt sich für den etwas verfrüht eintrefffenden Rezensenten bei einem Radler mit der wie für Reality-Theater gecasteten Stammkundschaft auch ganz gut an, bis Schlupfwinkel-Peter sich durch interessiertes Nachfragen, was die ganzen Theaterleute hier eigentlich wollten, als gar nicht zur Inszenierung gehörend outet. Verschwendet war das Radler trotzdem nicht, da die erste von sieben Siebenergruppen die im Viertelstundentakt auf den Parcours geschickt werden, gerade eine kleine "Blue Suede Shoes"-Choreo einstudieren muss, bevor sie mit einem Streckenplan losgeschickt wird.

Auf selbst von Eingeborenen wenig genutzten Pfaden schlängelt sich die Gruppe dann durch eine Kleingärtnerkolonie, bekommt unterwegs nützliche Reisetipps, erforscht eine unglaubliche verwunschene Laubenparzelle, wird von einer Ex-Gemeinderätin informiert, dass das Paradies neu entstehendem Wohnraum weichen muss, darf sich über das Ganze vom 12. Stock eines Hochhauses aus einen Überblick verschaffen, wird von Akkordeon spielenden Damen im Hobbykeller mit Gutedel abgefüllt, darf in der geradezu idyllisch anmutenden Arbeitersiedlung gemeinsam mit einem Rentnertanztee die Elvis-Schritte auf der Teppichklopfwiese ausprobieren.

Und schon stellt sich ein Moment der Rührung und der Irritation ein: Gehören die sehr jungen Mütter, die am Sandkasten plötzlich den Walzer mittanzen dazu? Oder lassen sie sich einfach gern mal einen Augenblick vom sonst tougheren Miteinander entrücken? Überhaupt bietet der Stadtteil eine anregende Mischung aus Talent und Kampfhund, höchst kommunikativer Vorgartenkultur und abgefuckter Trinkervereinsamung.

Besuch der alten Dame im Haupthaus
Ist das Theater, wenn eine aufgebrezelte Abiturientin "Hotel California" in einer Musicalversion auf der Straße zelebriert oder die Balletttänzerin ihr Duett mit der Haslacher Ringer-Legende und mehrfachem Weltmeister Alfred Seger wegen Verletzung nicht tanzt? Egal, wenn das selbsternannte Herz der Stadt den Kreativitätskreislauf mit der Peripherie dauerhaft so hoch pumpen kann, trägt es Titel in jedem Fall zu Recht.

Am Abend dann im Großen Haus die traditionellste Inszenierung des Festwochenendes, Dürenmatts "Besuch der alten Dame". Das heißt, ein bisschen Aufweichung der klaren Fronten Bühne Publikum wird auch da betrieben. Regisseur Christoph Frick lässt die Türen zum Zuschauerraum zu, bis die Akteure genug Zeit hatten, schon mal mit allerlei halbverständlichen Reden durchs Publikum zu geistern. Endlich drin sieht sich das Publikum einer Spiegelung des Zuschauerraums gegenüber: Wir alle sind offenbar irgendwie Güllener, die mit unmoralischen Angeboten konfrontiert darüber sinnieren sollten, was sie für Geld alles tun würden.

Die Ensemble-Dörfler sehen alle aus wie altgewordene Ostjeansträger, die alte Dame wie eine schrille Transe, was aber wohl weniger ein Gender-Statement sein soll, als die Konsequenz der Geldlogik, für die im Grunde auch die jeweilig konkrete Formgebung des Humankapitals völlig belanglos ist. Wenn auf der Bühne alles Mann ist, ist das also eher ein Hinweis, dass das völlig wurscht und letztlich alles Geld ist.

Gruppenpantomimisch illusionierter Zug nach Güllen
Die Richtung so einer Gesellschaft intoniert Musiker Malte Preuß an der Alleinunterhalterorgel mit dem Christian Anders 70-er Schlager "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo". In diesem (N)Irgendwo wird auch die von der alten Dame geforderte Gerechtigkeit zum reinen Tauschwert. Selbst der Schmerz um das verlorene Kind, das verlorene Leben spielt für die alte Dame kaum eine Rolle. Sie kann ihren Ex-Lover-Schänder ja im Sarg mit nach Capri nehmen und bei der Betrachtung eines Sonnenuntergangs in geschönte Erinnerungen einwechseln.

Kurz vor Ende packte die Inszenierung das Publikum für einen Augenblick, als vor dem Gemeinschaftsmord die Saaltüren aufgingen, das Bühnengeschehen stoppte und plötzlich die Entscheidung töten oder nicht-töten? von der Bühne ins Publikum gegeben wurde. Der in dem Moment ehrlich gemeinte vermeintliche Schlussapplaus war jedoch verfrüht. Die Bühne übernahm wieder und führte die Inszenierung noch ein wenig weiter ins Irgendwo. Vielleicht nicht schlecht, bei der Inszenierung eines Sternchenthemas der Oberstufe, alle Fragen offen zu halten. Das können die zuständigen Pädagogen dann auf jeden Lehrplan abstimmen. Ansonsten eine Inszenierung, die ähnlich nachhaltig vorbeirauscht wie der gruppenpatomimisch illusionierte Schnellzug am abgehängten Güllen.

Planet der Dementen
Der Samstag ist dann den Biowissenschaften gewidmet. Die zugehörigen Inszenierungen profitieren merkbar davon, dass das Theater seine Recherchen schon seit zwei Jahren in Richtung technologischer Optimierung des Menschen gelenkt hat. Die intensivste Form der Recherche hat Autor und Regisseur Andreas Liebmann gewählt. Ein Jahr lang hat er den an Parkinson erkrankten Neurologen Professor Benedikt Volk Orlowski begleitet. Während der gemeinsamen Zeit verschlechterte sich der Zustand des kurz BVO genannten so, dass er sich vor dem Krankenhausaufenthalt schon vom Leben und Liebmann verabschiedete. Er überlebte, ließ sich einen Chip ins Hirn setzen, gewann eine teilweise Beweglichkeit des Körpers zurück, sah jedoch seine Skepsis, dass dieser technische Eingriff ihn der durch die Krankheit gewonnenen Kreativität berauben würde, bestätigt, konnte dafür aber mit dem Regisseur weiter arbeiten.

Der daraus entstanden Text ist ein starkes Stück Literatur über das Verhältnis des Menschen zu seinem Hirn. Ist es nicht interessant, dass Hannibal Lector das Zentrum unserer Emotionen auslöffeln kann, ohne dass sein waches Opfer etwas davon spürt? Die Kunstfigur Meier, für die Orlowski Pate stand, hatte in ihrem Beruf oft selbst Gehirne in der Hand. Ein Gefühl für das dadurch verliehene Machtgefühl gibt Meier, wenn er sich in grenzenloser Selbstüberschätzung zum Beglücker der Welt imaginiert. Die Fallhöhe markiert der Satz, dass die Evolution den Mensch mit seinem Hirn überfordert hat, und dass das Hirn nicht dafür konstruiert ist, so lange zu leben, wie die Apparatmedizin es ermöglicht. Die Folge wird ein Planet der Dementen.

Die Logik der Evolution
Die Inszenierung findet mit einem Uni-Hörsaal einen passenden Ort. Auch schön materialistisch gedacht, die Zuschauer drei verschiedene räumliche Perspektiven auf das Geschehen einnehmen zu lassen. "Move your ass and your mind will follow", hätte das der Popphilosoph Knarf Rellöm wohl ausgedrückt. Ansonsten ist die Inszenierung doch ein wenig überdreht, und bei dem zum Teil recht wild rumhüpfenden Darstellerquartett geht das Vertrauen in die Stärke des Textes zeitweilig verloren. Wenn man andererseits bedenkt, dass der reale Orlowski kurze Zeit vor der Inszenierung den Freitod wählte, hat diese Art des Pfeifens im Wald etwas von einem passenden Geleit für einen verstörenden Einblick in das optimierte Hirn.

Grenzen des Hirns sind für das Transhumanistenquartett, das das Publikum zum Abendstück "Als wir Menschen waren" vor dem Vorhang im Kleinen Haus empfängt, nur Papperla-papp. Wunderbar, wie die vier in einer Mischung aus Scientologensekte und Netnerds dem Publikum die Logik der Evolution vom Mensch über die Maschine bis ins Universum und darüber hinaus plausibel machen. Da ist gleich der richtige Sound für den folgenden Parforceritt durch die Optimierungsgeschichte der Menschheit getroffen. Stimmige Bilder, nachvollziehbare, geradezu musikalisch angeordnete Einzelsequenzen runden diese Inszenierung von Thomas Krupa, um es vorweg zu sagen, zum Highlight des Eröffnungswochenendes.

Die Träume der Androiden
Nach der locker-unangreifbaren Einstimmung auf unsere bevorstehende Aufgabe der Beseelung des Weltalls hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine Art Messepräsentationsstand aus dem Gates-Universum, eine in breites Torbogengestänge gespannte, nach hinten ausziehbare Multivisionswand (Bühne, Video, Kostüme: Jan Findeklee, Joko Tewes). In der stammelt Rebecca Klingenberg ein tolles schon an der eigenen Vorstellung scheiterndes Vorstellungssolo, für das das von souverän ins soft-süchtige kippende Pharmamännchen Mathias Lodd chemische Behebung parat hat.

Start für einen Optimierungsreigen von der Ritalinmutter Marie Bonnet, über Gefühlsorgler Frank Albrecht, bis zur Marionettenarie. Alles entsprechend ansprechend von Video und Licht begleitet. Wobei Bühnen- und Videogeschehen wie ein Vexierbild zwischen Haupt- und Nebengeschehen wechseln können. Grandios etwa der Einspieler zur Kurweilschen Singularität in einer Mischung aus Campari-Werbung, Wim-Wendersscher Schlussmonologhandke-isierung, und rauchender Film-Noir-Atmosphäre. Auf der Bühne wird dann die Variation der Philip K. Dick-Frage nach den Träumen von Androiden am Tauchvergnügen von Cyborgs durchgespielt. Oder Carl Sagan nimmt mit seiner Hippieproduzentin eine Goldene Schallplatte für Außerirdische mit Sound von Körperklängen, Buckelwalgesängen und Simon & Garfunkel auf.

Freiburger Dreispartigkeit
Die Komposition des Abends ist so stimmig, dass man ihr auch den Einspieler zu Douglas Adams verzeiht, dessen 42er Humor die Jahre, wenn auch unverdient, auf Hallervordenniveau runtergelutscht haben. Aber das hat man schon wieder vergessen, wenn der Vorhang fällt und Rebecca Klingen im Spotlight das letzte Antlitz der Menschheitsgeschichte zeigt, bevor das Licht erlischt und der Applaus losbricht. Nach einer, für den Rezensenten leider zu späten, "Sexmission" für Puppen, weitet sich das Theater dann am Sonntag in sympathisch transhumanistisch ausladender Geste vom Herz der Stadt zur Villa Global mit internationaler Suppenküche und Kultur bis zum getanzten Abschluss in der "Megalopolis" von Constanza Macras.

Kleiner Nachsatz: Im mottonamengebende Matrix-Hotel "Heart O' City" befindet sich auch der legendäre Raum 303, in dem Neo erschossen und durch den Kuss einer sexy Dreifaltigkeit wiederaufersteht. Charmant, das sich die Freiburger Dreispartigkeit in diesem Sinne jetzt im Herzen der Stadt als echter Erlösertempel inszeniert.

Das ist doch mal was anderes, als immer nur über die Zukunft des Stadttheaters zu jammern.

 

Haslach 2010 - Deine Heimat
Stadtreisen mit pvc-tanz

Besuch der alten Dame

von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Christoph Frick, Bühnenbild: Michael Graessner, Kostüme: Maren Geers, Musik: Malte Preuß, Dramaturgie: Carolin Hochleichter, Jutta Wangemann.
Mit: André Benndorff, Gabriel von Berlepsch Victor Calero, Hendrik Heutmann, Ben Daniel Jöhnk, Ullo von Peinen, Andreas Helgi Schmid, Konrad Singer

Mein prähistorisches Hirn
von Andreas Liebmann
Regie: Andreas Liebmann, Ausstattung: Moritz Jüdes, Musik: Michael Emanuel Bauer, Hannes Strobl, Dramaturgie: Viola Hasselberg.
Mit: Lena Drieschner, Johanna Eiworth, Jennifer Lorenz, Martin Weigel. Musiker: Matthias Bauer, Hannes Strobl.

Als wir Menschen waren - Ein theatrales Zukunftslaboratorium
Regie: Thomas Krupa, Bühne, Kostüme, Video: Jana Findeklee, Joki Tewes, Musik: Sven Hofmann, Dramaturgie: Josef Mackert, Wissenschaftliche Begleitung: Dr. Oliver Müller.
Mit: Frank Albrecht, Marie Bonnet, Rebecca Klingenberg, Mathias Lodd.

www.theater.freiburg.de