Am Tag als der Grabplatten-Regen kam

von Michael Laages

Göttingen, 9. Oktober 2010. "Der Turm", Uwe Tellkamps Tausend-Seiten-Wälzer über das Vor-Wende-Leben des gut situierten Großbürgertums im Dresdner Stadtteil "Weißer Hirsch", ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2008, ist auf schnellst-möglichem Weg ins Theater gelangt. Gleich zwei szenische Bearbeitungen spüren inzwischen der Theatralik im Roman nach. Und Wolfgang Engels Uraufführung vor zwei Wochen am Tat- und Roman-Ort Dresden galt obendrein weithin als Ereignis. Julia Francks Roman über "Die Mittagsfrau", "Turm"-Vorgänger im Buchpreis-Jahrgang 2007, wäre vermutlich eher vergessen worden als Material für die Bühne, verfolgte nicht der Regisseur Volker Hesse mit beträchtlicher Beharrlichkeit Julia Francks literarischen Weg.

Schon deren "Lagerfeuer"-Roman (über die Zeit der Autorin im Berliner Durchgangslager Marienfelde, in dem ehedem Flüchtlingen aus der DDR erstes Unterkommen geboten wurde) stand auf Hesses Wunschliste, als er noch für den Spielplan des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin verantwortlich war: als wenig glücklicher Intendant von 2001 bis 2006. Seit dem Abschied dort kreierte er erstaunliche Open-Air-Spektakel in der Schweiz, etwa das Große Welttheater im innerschweizer Kloster-Ort Einsiedeln. Auf Julia Franck ist er nun zurückgekommen für das Deutsche Theater in Göttingen.

Vor Vielfalt funkelndes Weltpanorama
Dass allerdings "Die Mittagsfrau" durchaus weniger nach der Umsetzung für die Bühne schreit als "Der Turm", ist in der von Hesse und der Göttinger Haus-Dramaturgin Winnie Karnofka besorgten Szenenfassung schnell zu spüren – wie direkt Story und Sprache auch zu Herz und Hirn gehen mögen. Erst recht zeigt Hesses Inszenierung mit zwei völlig unterschiedlichen Stil-Behauptungen vor und nach der Pause, dass hier ein (im Vergleich zum Beispiel zu Tellkamps "Turm") eher disparates Material vorliegt.

Im ersten Teil gelingt ein nicht ganz leicht zugängliches, aber vor Vielfalt funkelndes Welt-Panorama – mit dem Mädchen Helene im Zentrum, das in familiärer Enge und Kälte aufwächst in der deutschen Provinz noch vor der ersten Weltkriegszeit des vorigen Jahrhunderts; ungeliebt von der Mutter (die vier Söhne tot gebar und das den beiden lebenden Töchtern nie verzeiht), eng verbunden nur mit der mutigeren Schwester. Bis nach Berlin führt Helenes Weg in vielen Kämpfen, bis in die Liebe auch zum Studenten aus feiner jüdischer Familie; der aber stirbt, und die Welt bricht zusammen.

Dieser erste Teil ist auf der Bühne ein ziemlich wild (und manchmal auch etwas wirr) wirbelndes Kaleidoskop, stark gestützt von Hans Kauls Musik und choreographischen Beiträgen von Jo Siska. Die Ausstatterin Marina Hellmann bietet vor allem eine fahrbar-portalfüllende Bühnen-Wand auf, sie ist dezent bedrohlich bemalt und auch der Ort für sparsame Video-Assoziationen, außerdem prägen weiße Krankenhausbetten ohne Matratzen das Bild, und auch mal ein riesiges Bett für die ganze Gesellschaft in Helenes jugendlicher Aus- und Aufbruchszeit. Ansonsten aber herrscht Leere, und zuweilen flitzen auch mal sehr überraschende Figuren durch Bild, eine zum Beispiel quietschend und schnarrend: das ist ein Volksempfänger-Radio.

Sexualstrategie eines Höhlenmenschen
Bis zur Pause stärken derlei Miniaturen die Wirkung der in knappen szenischen Entwürfen erzählten Geschichte. Ob Hesse so alle oder auch bloß genügend Erzählstränge aus Francks Vorlage für die Bühne nutzbar macht, wird zur Frage am Rande; die Aufführung behauptet sich -wenn auch sperrig- aus sich selbst. Mit dem Tod des Geliebten in Berlin aber ist alles vorbei. Keine Musik gibt's mehr im zweiten Teil, auch kein szenisches Wirbeln – strikt und geradeaus erzählt Hesse nun die Geschichte von Helenes zweiter Beziehung.

Ein Ingenieur, bestens gewappnet für die neue Zeit mit klarer Nazi-Gesinnung sowie Männlichkeitsstruktur samt Sexualstrategie eines Höhlenmenschen, mimt zunächst den hingebungsvollen Verehrer im Krankenhaus, Helenes Arbeitsplatz. Er besorgt ihr sogar einen arisch reinen Ahnenpass und einen neuen Namen: aus Helene wird Alice. Die Ehe wird geschlossen und vollzogen – doch obwohl er ja weiß vom jüdischen Vor-Geliebten, ist dieser gefährlich deutsche Einfaltspinsel bass erstaunt, dass die Ehefrau keine Jungfrau mehr ist.

Auf altdeutsche Art (Rein und raus/rein und raus/fertig ist der kleine Klaus!) macht er ihr zwar noch ein Kind – aber nur um sie prompt zu verstoßen. Ein Mädchen hätte Helene gern gehabt, dem Jungen Peter, der es dann wird, ist sie fast so eine kalte Mutter, wie die eigene es war für sie. Einmal noch besucht sie die alte Frau: im Psycho-KZ. Um sie herum stirbt derweil alles weg.

Spur des Erinnerns
Im letzten Bild geht sie mit Peter Pilze suchen im Wald; und findet an dessen Rand einen Viehtransport auf Eisenbahngleisen, mit Menschen drin. Und einen Flüchtling findet sie, der sich im Wald vor den Jägern von der SS und ihren Bluthunden versteckt. Die Welt stinkt, und vom Bühnenhimmel regnet's schon Grabplatten.

Helfen kann Helene nicht. Sie half zwar immer anderen: als Krankenschwester. Sich selber helfen konnte und kann sie wohl nie; jetzt auch dem Kind nicht. Eines Nachmittags, auf der Nachkriegsflucht aus Berlin Richtung Ostsee, setzt sie Peter aus; auf dem Bahnhof von Pasewalk. Hier beginnt der Roman. Die Aufführung hat mit dem Bild des schon ganz alt gewordenen Jungen Peter begonnen, wie er von heute aus die Zeiten damals erinnert.

Hesses Inszenierung will den Spuren dieses Erinnerns folgen; sie, die Erinnerung, macht es ihm wie dem Publikum nicht immer leicht. Das Göttinger Ensemble aber, rund um die junge Katharine Heyer, folgt Roman und Regie ins szenische Wechselbad (Teil 1) wie in die Verzweiflungsfabel (Teil 2) - und das Publikum bereitet dem Team begeisterten Jubel.

Das war nach diesem eher ungemütlichen Abend nicht wirklich zu erwarten.

 

Die Mittagsfrau
nach dem Roman von Julia Franck
eingerichtet von Volker Hesse und Winnie Karnofka
Regie: Volker Hesse, Ausstattung: Marina Hellmann, Musik: Hans Kaul, Choreographie: Jo Siska, Dramaturgie: Winnie Karnofka.
Mit: Benjamin Berger, Moritz Bracher/Jakob Jockers, Gaby Dey, Angelika Fornell, Lutz Gebhardt, Katharina Heyer, Paula Hans, Andreas Jeßing, Nikolaus Kühn, Karl Miller, Gerrit Neuhaus, Gerd Peiser, Anja Schreiber.

www.dt-goettingen.de

 

Alles zu Volker Hesse auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Peters Suche nach Antworten machen Volker Hesse und Winnie Karnofka zum Leitmotiv ihrer Bühnenfassung", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2010). "Im Matrosenanzug, stumm, mit kindlich-vorwurfsvollem Blick" wandere Gerd Peiser als in die Jahre gekommener Peter in einigen Szenen langsam mit seinem Köfferchen durchs Bild und beobachte reglos, was mit Helene geschieht. "Die Inszenierung ist rastlos, reiht schrill überzeichnete Bilder aneinander". Diese Reihung der Schicksalsschläge "steigert sich - auf der Bühne deutlicher als im Buch - ins Unrealistische und kann irgendwann nicht mehr wirklich berühren. Hier hätten ein paar mutige inhaltliche Kürzungen der Dramatisierung gut getan." Fazit: ein zugleich beeindruckender und erschlagender Premierenabend.


Alles sei "laut und schnell" in Volker Hesses Inszenierung, meint ein(e) online nicht näher genannte(r) Kritiker(in) der Hessischen Allgemeinen (11.10.2010). Hesse tauche "mit Verve in die fast dreistündige Rückblende ein. Eine Mutter verlässt ihr Kind. Wie kann so etwas geschehen?" Nach der Pause breite "der Regisseur ein Panoptikum an Grausamkeiten und Schmerz immer detailverliebter aus". Es sei allerdings "schon seltsam, wie hier am DT einem fulminanten Stoff, den Julia Franck ja mit kühler, sezierender Sprache geschrieben hat, mehr und mehr die Luft ausgeht an einem Zuviel an Regiestilen, an zu überdeutlichen Bildern, an zu schnellen Schnitten. Theater hätte da andere, stillere Möglichkeiten, Schattenseiten zu transportieren. Hier aber verdichtet sich nichts, bleibt alles vordergründig, nur eine Behauptung."

 

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