900 Kilo Plastik als Monatsmiete

von Sarah Heppekausen

Istanbul, 15. Oktober 2010. In dieses Viertel Istanbuls kommt kaum jemand, der dort nicht lebt. Tarlabaşi beginnt gleich hinter einer mehrspurigen Straße. Gerade noch führte der Weg durchs pralle Geschäftsleben, vorbei an Bars und Boutiquen, Restaurants und Banken. Jetzt aber haben die meisten Fenster zerbrochene Scheiben. Und die Wäsche, die auf Leinen über den engen Straßen zum Trocknen hängt, haben ihre Besitzer wohl kaum in einem der teuren Läden jenseits der großen Straße gekauft. Die räumliche Distanz ist minimal, aber zwischen diesen beiden Gegenden des Stadtteils Beyoğlu liegen Welten. Hier das Geld, dort die Armut.

Mülldepot und Warenlager

Bayram Renklihava wohnt in Tarlabaşi. Er ist Müllsammler wie die meisten seiner Nachbarn. Sein Bruder Mustafa führt uns durchs Viertel, in dem eine Atmosphäre zwischen deprimierender Hinterhofdüsternis und faszinierender Organisiertheit herrscht. Offen und fast stolz präsentieren er und seine Familie das Haus. Eng, kaputt, muffig, beschränkt aufs Allernötigste. Gegessen wird auf dem Boden, die Holztreppe ist absturzgefährdet. Und die untere Etage ist voller Müll. Aber "vollgemüllt" wäre das falsche Wort. Die Plastikteile sind in riesigen Tüten gesammelt. Es ist Mülldepot und Warenlager. Denn gesammelter Müll bringt Geld. 900 Kilogramm Plastik sind die monatlichen Kosten fürs Haus, erzählt Bayram auf der Bühne.

Die Führung durchs Viertel ist nicht inbegriffen im Recherchestück, das die Rimini-Protokollanten Helgard Haug und Daniel Wetzel über die Müllsammler konzipiert und in der garajistanbul, dem wichtigsten freien Haus für zeitgenössisches Theater in Istanbul, uraufgeführt haben. Sie fügt dem Abend und dem Ortsfremden aber ein unmittelbar sinnliches und rücksichtsloses Basiswissen zu.

Sammeln, Sortieren, Verwerten im Kreislauf

Natürlich fehlt in der Inszenierung nicht der Müll, riesentütenweise kippen die vier Alltagsexperten Dosen, Plastikflaschen, Kanister und Pappe auf die Bühne. Das macht ordentlich Krach, aber es stinkt nicht. Der Müll ist sauber, die Tüten weiß, die Arbeitsklamotten falten- und fleckenfrei. Die Sammler selbst erzählen selbstbewusst und mit Humor von ihrer Arbeit. Die ist nicht schmutzig, sondern ehrlich, körperlich und wohl strukturiert. "Solange du arbeitest, gerätst du nicht in Schwierigkeiten", zitiert einer seinen Vater.

Rimini Protokoll zeigt in "Mr. Dağacar and the Golden Tectonics of Trash" nicht das in Istanbul äußerlich sowieso sichtbare Bild. Etliche Sammler ziehen jede Nacht durch die Straßen und nehmen mit, was die anderen säckeweise auf die Straße stellen. Das kann kein Traumjob sein. Haug und Wetzel lassen die vier erzählen - von Albträumen, in denen einer seine toten Kinder im Müllsack zum Friedhof bringt, von ihren Wunschberufen wie Lehrer oder Imam, von den Vor- und Nachteilen des Eisen- oder Plastiksammelns, von ihrer Vorstellung, einen modernen Entsorgungsbetrieb zu bauen, oder von der Freiheit, die sie in ihrem Job besitzen. Ausgestellt wird die menschliche Alltäglichkeit, nicht moralische Fragwürdigkeit. Die Sammler wühlen nicht im Dreck, sie sind Akrobaten an und mit ihren Handkarren, Tütentänzer und Sortierungskünstler. Keineswegs eine "visual pollution", wie die Stadtverwaltung sie nennt.

Dem Kollektiv entrissen

Haug und Wetzel verknüpfen diesen Haupterzählstrang mit zwei weiteren, den Auswertungen des Erdbeben-Observationszentrums und dem Schattentheater des türkischen Karagöz-Spielers Hasan Hüseyin Karabağ. Dramaturgisch bleibt die Verbindung eine konstruierte, jedes Thema für sich genommen ist interessant, aber gegenseitig befruchten können sie sich kaum - zumindest nicht für denjenigen, der des Türkischen nicht mächtig ist.

Spannender ist der Entschluss, das rimini-protokollantische Arbeiten offen zu reflektieren. Die "Experten des Alltags" schieben immer wieder Passagen aus der Probenzeit ein. Das Team habe sich gefragt, ob es richtig sei, die vier Sammler als Individuen aus ihrem (Arbeits-)Kollektiv zu reißen? Welche Geste es sei, sie auf die Bühne zu bringen? Was eine Berlin-Reise für sie bedeuten könne? Und sie erzählen von dem verworfenen Plan, eins ihrer Depots auf die Bühne zu bauen.

Reflexion des Projekts

Rimini Protokoll legt die produktionseigene Metaebene frei, zeigt Probleme dieser Arbeit, die im Rahmen des Istanbuler Kulturhauptstadtprojekts "Istanpoli" entstanden ist und im November in Essen bei Pact Zollverein aufgeführt wird. Als gäbe es doch immer noch eine Restunsicherheit in ihrer Art der Gegenwartsforschung.

Die außerplanmäßige Führung durch die Mülldepots in Tarlabaşi hat die Umstände erklärt. Der Theaterabend zeigt den Menschen. Zumindest einen Ausschnitt. "Wenn jemand dein Leben in einen Text umwandelt, fühlt es sich nicht mehr wie deins an", sagt Sammler Abdullah Dağacar. Ein mulmiges Gefühl bleibt.

 

Mr. Dağacar and the Golden Tectonics of Trash
von Rimini Protokoll
Regie: Helgard Haug, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Dramaturgie: Sebastian Brünger, Bühne: Yiğit Adam, Sound: Selcuk Artut, Licht: Turan Tayar, Video: Engin Demir.
Mit: Abdullah Dağacar, Aziz İdikurt, Mithat İçten, Hasan Hüseyin Karabağ, Bayram Renklihava.

www.garajistanbul.org
www.ruhr2010.de

Offenlegungstatbestand: Die Reisekosten der Autorin wurden von Ruhr.2010 übernommen.

Mehr zu Rimini Protokoll gibt es im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

"Vital, unverstaubt und fein rhythmisiert ist dieses dokumentarische Theater am Puls der Gegenwart", so schreibt Bernd Aulich in der Emsdettener Volkszeitung (28.11.2010) über das "stürmisch gefeierte Theaterwunder aus Istanbul". Die türkischen Alltagsexperten, die Haug/Wetzel versammeln, erzählten "so berührend, so anschaulich, als hätte sich Scheherazade leibhaftig in einen türkischen Müllsammler verwandelt". "Wir lernen die Müllsammler von ihrer menschlichen und stolzen Seite kennen. Sie fühlen sich frei, weil sie niemandem untertan und frei sind von den Konsumverheißungen einer Gesellschaft, von deren Überfluss sie profitieren."

Achim Lettmann nimmt sich auf dem Onlineportal des Märkischen Zeitungsverlags (NRW) come-on.de (28.11.2010) die Aufführung im PACT Zollverein zum Anlass, das Theater von Rimini Protokoll, das der "Realismusbearbeitung neue Impulse gegeben hat", noch einmal eingehend zu beschreiben. Anerkennend äußert auch er sich über die türkischen Alltagsexperten: "Die unvermittelten Auftritte der Männer, ihr Mut sich zu offenbaren, sind der Stoff aus dem sich dieses Theater des Realen entwickelt. Das Rimini Protokoll verführt nicht, es führt uns an Menschen heran, von denen wir bis zu diesem Abend gar nichts wussten. Kulturtechniken wie das Wurfspiel, Karagöz oder Video werden als Vermittlungsträger eingesetzt und helfen dabei, dass das Theater übers situative Verständnis auch vereint."

Die Aufführungen des Regie-Kollektivs Rimini Protokoll seien nicht nur für Kritiker "oft eine Wohltat", schreibt Alexander Haas zunächst grundsätzlich in der taz (30.11.2010). Die Wohltat nämlich, "normale Leute als Akteure auf der Bühne zu erleben und kein Als-ob von Schauspielern; die Wohltat eines Stoffes aus dem Alltag, der hier um Klassen realitätsorientierter bearbeitet wird als noch im härtesten Regietheater". Nicht den Müll der Müllsammler sehe man dazu auf der Bühne, sondern erfahre viel von deren Träumen und Spielen - "doch gerade dieses Kulturgut macht das widersprüchliche, entbehrungsreiche Leben der Müllsammler nur noch deutlicher". Wenn sie in der Stadt ihre Arbeit verrichten, aus einem ökonomischen Zwang heraus, dann treten Herkunft und Kultur in den Hintergrund." Die Regie breche ihre Erzählungen "geschickt auf, wechseln sie mit anderen Darstellungsformen und Themen ab, die aber immer einen Bezug zu der Erzählung über die Müllsammler haben": Schattentheater, die Soundebene. "Am Ende steht ein komplexes und anrührendes dokumentarisches Erzähl-Bild über ein Stück Realität, das nur wenigen seiner westlichen Betrachter (...) vorher bekannt gewesen sein dürfte. Ein dramaturgisch wohl komponierter Abend, aufklärerisch ohne Zeigefinger, unprätentiös, humorvoll."

 

 
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