Hineinverwickelt

von Nikolaus Merck

Leipzig, 29. Januar 2007. "Die Götter bitte ich um eine Änderung." Langsam hebt der Wächter auf dem Dach des Palastes von Argos seinen Kopf. Wo nur bleibt das Feuerzeichen, das vom Sieg der Griechen über Troja kündet? Der Eingangssatz der Orestie des Aischylos in der Fassung von Peter Stein – in Leipzig ist er viel mehr als der Stoßseufzer eines zur Schlaflosigkeit verdammten Aufpassers.

Wir erinnern uns dieses Satzes, wenn am Ende des Abends Athene und Apollon den "Frieden für immer" beschwören. Den sie, die modernen Götter, sprich: Machthaber, ihren Vorgängerinnen, den Erynnien mit zähneknirschenden Zugeständnissen abgekauft haben. Respekt, Ehre und Bürgerrechte für die alten Gottheiten, gegen Sicherheit und Wohlstand für das Gemeinwesen, in dem die Neuen unumschränkt herrschen. Und für die Einwohner der Stadt Athen, für die Untertanen, ein paar fromme Sprüche und eine Selbstregierung, die je nach Bedürfnis der wahren Herrscher manipuliert werden kann.

Politische Parabel im Wandel der Zeiten
Ewigkeiten her, jene neunstündige Festveranstaltung, mit der Peter Steins Schaubühne die eigene 68er-Generation symbolisch in die westdeutsche Demokratie, in den rheinischen Kungel-Kapitalismus zurückführte, gegen den sie noch ein Dutzend Jahre zuvor den ebenso symbolischen Aufstand geprobt hatte.

Wo Peter Stein die Überwindung von Blutrache durch eine Politik des Ausgleiches feierte, sieht Wolfgang Engel in Leipzig die herrschenden olympischen Götter nur als geschickte Manager der Macht, ihre fundamentalistischen Gegenspielerinnen als korrupt und die Menschen, die Untertanen als tumbe Verfügungsmasse. Überwindung der Blutrache? Ja, immerhin. Kompromiss, Interessenausgleich, Realpolitik? Ja. Aber – das kann doch nicht alles gewesen sein. Das Ende führt zurück zum Anfang:  "Jetzt soll die Änderung kommen." Nur sind es diesmal wir selbst, die den Stoßseufzer zum Himmel senden.

Lesung gegen die Einfühleritis
Uns hineinzuverwickeln in diese allerälteste Geschichte ist Engels große Leistung. Dabei treibt er nur geringsten Aufwand. Kleine Pappfigurinen repräsentieren Aischylos’ Könige und Boten, Mörder und Gemordete, Älteste und Frauen im Palast, Erynnien und Olympier. In die Dutzende von Rollen teilen sich fünf Spieler. Vielleicht 100 Zuschauer finden Platz in Horst Vogelsangs steil ansteigender hölzerner Arena, in der farblich hellbraun, schwarz und weiß – bei Bedarf auch Theaterblutrot - vorherrschen. Die Herren tragen Hemd, Anzug und Hut, die Damen praktische, dunkle Kleider aus Nachkriegs- und Warteschlangen-Zeiten, als Choristinnen umschlingen sie ihre Häupter mit Tüchern (Kostüme: Katja Schröder). Auf und an, unter und um einen großen hölzernen Tisch herum entwickelt sich die Handlung ungefiltert und schweißnah zum Publikum. Zunächst als Lesung. Die Texte auf dem Tisch verbürgen den Gang der Dinge. Zu den Texten, diesem Stopp-Schild für falsche Einfühlung, werden die Spieler auch später immer wieder zurückkehren.

Es hebt verhalten an. Düster die Stimmung in Argos. Ja, die Griechen siegten über Troja. Aber jedem und jeder hier schwant Böses. Lange Pausen, Blicke, die hin und her fliegen, der Bote (Jörg Malchow) bricht über der eigenen freudigen Kunde vom Sieg in Tränen aus angesichts der im Krieg Gefallenen, mühsam nur wahrt das königliche Paar Klytaimnestra (Ellen Hellwig) und Agamemnon (Jens Winterstein) die Fassade einer intakten Ehe. Der fast statuarische erste Teil dient zum Einhören. Das Bemerkenswerte dabei schafft der Chor. Jeder ist Teil des Chores (Chorführerin Simone Cohn-Vossen). Chor- und Rollenwechsel erfolgen fliegend. 'Ich stelle meinen Kragen auf und bin jetzt Aigisth.’ Die Geburt der Tragödie aus dem Kinderspiel – kein Problem für niemanden in Leipzig. Anders als Volker Lösch oder Einar Schleef schafft Engel auch keine chorische Einheitsfront, er individualisiert, eröffnet fast kammermusikalische Diskursräume aus Rede und Gegenrede. Handlung entsteht so aus Sprache. Spöttische und ungläubige Fragen, Zweifel, Angst und Wut schwirren umher, werden abgelöst von ruhigeren, reflexiven Passagen oder dienen als Absprungbretter für spielerische Aktionen.

Brüchige Versöhnung
Die nehmen zu nach der Pause. Unterstützt vom Publikum – die Frauen geben die Erynnien-Meute, die Männer die Richter des Aeropag – fetzt das Ensemble durch "Choephoren" und "Eumeniden". Schnell gefasst Orestes (Jörg Malchow) Entschluss den Vatermord an der Mutter zu rächen. Doch vor Klytaimestras blankem Busen, sänke seine Mordlust rapide, spränge ihm die Schwester Elektra (Carolin Conrad) nicht handgreiflich hilfreich zur Seite. Wer stirbt, kommt unter den Tisch. Schon kläffen und hecheln auch die Erynnien (Ellen Hellwig, Simone Cohn-Vossen, Carolin Conrad) heran, malträtieren wütenden Fußes die Tischplatte aus dem Untergrund. Lustvoll schrammen Engel und die Seinen ans Schrille, wenn die in dandyesk weiße Anzüge gekleideten, weiß geschminkten Athene (Carolin Conrad) und Apollon (Jens Winterstein) allerlei mimische und rhetorische Verrenkungen vorführen, bis es ihnen schließlich gelingt, den unterm Tisch rumorenden Mutterrechtlerinnen ihre Überzeugung mit Ämtern und Ehren abzukaufen. Wenn zuletzt alle den neuen Frieden feiern, ist das nur Hohn und Spott für eine Versöhnung, die uns heute ebenso brüchig wie unglaubwürdig erscheint.

 

Die Orestie
von Aischylos
Fassung & Übersetzung: Peter Stein
Inszenierung: Wolfgang Engel, Bühne: Horst Vogelsang, Kostüme: Katja Schröder.
Mit: Jörg Malchow, Carolin Conrad, Ellen Hellwig, Simone Cohn-Vossen, Jens Winterstein.

www.schauspiel-leipzig.de


Alles über Wolfgang Engel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

 
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