Im Hallenser Sumpf

von Dirk Laucke

Berlin, 20. Oktober 2010. Als Autor und Regisseur habe ich bereits drei Mal am Thalia Theater Halle arbeiten dürfen. Über die drohende Schließung des Thalia bin ich erbost und enttäuscht, aber keine Sekunde lang überrascht.

Alles, was neben mir viele andere Künstler am Thalia Theater Halle anfassen und umsetzen durften, beinhaltet für mich jene Stärken, die heutiges Kinder- und Jugendtheater in einer sonst sozial verwahrlosenden Region haben kann.

2005 hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit dem Hallenser Szene-Profi Michael Blochwitz und dem Filmemacher Heiko Aufdermauer während des Thalia-Projektes "Neustaat Halle" eine intermediale Live-Show zu präsentieren, die sich sowohl mit dem Zustand des Stadtviertels Halle Neustadt als auch der politischen Hypothese "Was tun, wenn kein Staat mehr ist?" auseinander setzte. Die Möglichkeit, in Halle Neustadt zu recherchieren und zu inszenieren war für mich prägend – versteht sich doch das Thalia Theater Halle unter der Leitung von Annegret Hahn als eines, das sich einmischt in die Geschehnisse dieser Stadt.

Perspektive für junge Menschen

Und Frau Hahn traut sich das! Es bleibt in ihrem Theater nicht bei leeren Floskeln, nicht bei einer kulurpolitischen Debatte über die Köpfe der Ausgeschlossenen hinweg, sondern u. a. auch mit und durch die Prekarisierten. Die Bühne des Thalia Theaters in Halle ist tatsächlich ein Ort des Austausches. Diese Erfahrung durfte ich in meiner Arbeit Silberhöhe gibts nich mehr im Jahr 2007 machen, in der vier Jugendliche aus Halle Silberhöhe die Probleme ihres verrufenen Viertels in die Innenstadt holten, auf die Bühne des Kleinen Thalia. Das Stück sorgte für Furore, wurde über die lokale Presse hinaus bundesweit und international bekannt und warf ein neues Licht auf eine Debatte, die sonst stets unter dem Titel "Unterschicht" abgetan wird.

Das Thalia Theater Halle hat uns nicht nur die Chance gegeben, dieses Thema mit Laien anzupacken, sondern auch für etwas gesorgt, was sonst augenscheinlich niemand in dieser Stadt schafft: jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Und ich rede hier nicht von irgendwelchen schwammigen Hoffnungen, sondern von Hilfe bei Behördenkram, Schule, Ausbildung und einem handfesten Job am Thalia Theater. Schon während der Probenzeit jedoch war uns klar, dass unsere Produktion die letzte auf der kleinen Spielstätte dieses Hauses sein würde. Längst wurden andere Diskussionen über das Thalia Theater geführt – die nach Effizienz, messbar an Eintrittskarten.

Diskussionen! Auseinandersetzungen!

Heute diese wirtschaftlichen Argumente von anderen Theatermachern zu hören und zu lesen klingt in meinen Ohren wie ein Akt von Selbstverstümmelung, existiert doch eigentlich kein Stadttheater in Deutschland ohne Bezuschussung durch seine Gemeinde. Und das ist für mich auch ein bedeutsames Selbstverständnis, das den Akteuren der Kultur-GmbH Halle abhanden zu kommen scheint – schließlich ist Theater mehr als leicht konsumierbare Unterhaltung, ein Prozess, nicht ein Produkt, in welchem die Probleme dieser Zeit und an diesem Ort auf den Tisch kommen.

Womit wir bei "Ultras" wären – ja, dem Skandalstück. Nachdem die Ultras des Halleschen FC auch vom Präventionsrat der Stadt Halle als Problem erkannt wurden, fragte mich Annegret Hahn, ob ich mir vorstellen könne, ein Stück über dieses Thema am Thalia Theater zu inszenieren. Frau Hahn hätte mich sicher nicht gefragt, wenn ihr nicht meine kritische Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut auch in der Mitte der Gesellschaft bewusst gewesen wären. Das Stück wurde nach einem langen Prozess mit Laien aus der Ultraszene 2009 am Thalia Theater Halle aufgeführt. Es führte zu heftigen Auseinandersetzungen in der Presse und am wenigsten zu vergessen: auf der Bühne! Die Publikumsgespräche nach jeder Vorstellungen dauerten größtenteils genauso lang wie die Spieldauer vorher.

Pistole auf der Brust

Doch bereits zu jener Zeit wurde mir bewusst, dass man in Halle kein bisschen Interesse an den vorliegenden Problemen zeigt, etwa Antisemitismus in der hiesigen Fußballszene, sondern lieber am Stuhl jener sägt, die über dieses Thema sprechen wollen. So war ich zu Beginn des "Skandals" ein wenig irritiert, wie wenig ich oder meine Arbeit angegriffen wurde und wieviel im Vergleich dazu die Kündigung von Annegret Hahn gefordert wurde. Mir wurde klar, ich bin mitten in einen Sumpf geraten, der leider – ich als Ex-Hallenser muss es sagen – "ostdeutscher" nicht sein kann. So warte ich bis heute vergeblich auf eine Reaktion der Hallenser Politik auf Frau Hahns Einladung zu einem runden Tisch, der aktives Engagement bzgl. des Fanverhaltens versprechen sollte. Seit einem Jahr: nichts!

Die Vorgehensweise, mit der jetzt den MitarbeiterInnen des Thalia Theater Halle die sprichwörtliche Pistole auf die Brust gesetzt wird, sich binnen kürzester Zeit entweder an der eigenen Entwertung zu beteiligen, oder aber selbst dafür gerade stehen zu müssen, gekündigt zu werden, ist nicht nur ein Akt neoliberaler Strategie, sondern ein weiteres Indiz dafür, dass in Halle Einiges dafür getan wird, emanzipatorische Kulturpolitik zu verhindern. Und auch, wenn solche Vorgänge mir überhaupt nicht mehr überraschend erscheinen – mir als Theaterautor und ehemaligem Hallenser stößt dies immer wieder bitter auf.

 

Mehr zu Dirk Laucke finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

Kommentare

Kommentare  
#1 Lauckes Thalia-Kommentar: morgen Dritte-Welt-Landwasti 2010-10-20 16:08
heute werden die theater und museen abgeschafft, morgen kostet der eintritt für kinder und jugendliche in einer öffentlichen bibliothek ab 10€ aufwärts und übermorgen haben wir uns zu einem land der dritten welt verwandelt, in dem einzig eine korrupte verwaltung funktionieren wird. die eröffnung einer l*dl-filliale oder ausgelatschte opern- und musical-festspiele sind doch kultur genug.
#2 Dirk Lauckes Brandbrief: vom Raubtierkapitalismus zerstörtes LandDirk Laucke: Im hallenser Sumpf 2010-10-20 21:10
Purer Zufall, daß ich auf Ihren Beitrag stieß, lieber Dirk Laucke, aber der "Perlentaucher" macht's möglich.
Ihr Beitrag hat mich gerade deshalb so berührt, weil ich mich daran erinnerte, daß ich in Halle mein erstes Theater-Opern-Erlebnis hatte. Das muß im Jahre 1954 gewesen sein. "Enoch Arden oder der Mövenschrei" hieß die schöne Oper, die mich damals total aufwühlte. Eine Zeitlang lebte meine Mutter am Rande der Stadt, weit draußen in der Heide, was dazu führte, daß wir öfter mal in Halle waren. Tante und Cousine wohnten in Reideburg, das ich nach der Flucht aus Pommern unmittelbar nach dem II. Weltkrieg zuerst kennenlernte. Kurzum: Mit Halle verbinden mich viele Erinnerungen, und eben auch welche, die mit der Kunst, der Theater- und Opern-kunst verknüpft sind. Und nun lese ich Ihren Brandbrief!
Zur Zeiten der DDR fuhren unsere Schüler für 2 (Ost)Mark einmal im Monat ins Stadttheater nach Döbeln - Busfahrt inbegriffen! Vielleicht war das nicht unbedingt mit den Theatern in Halle, Leipzig oder Berlin vergleichbar, aber immerhin. Die Tür zur Kunst, zur Kultur, zum Kunstgenuß, die wurde für junge Menschen weit aufgehalten. Und natürlich wurden die Plätze im Theater subventioniert - eine gute und nützliche Subvention, finde ich heute noch. Und natürlich können Kunst und Kultur niemals Selbstzweck sein, sondern haben eine gesellschaftliche Dimension, was bedeutet, sie haben "Werte" und "Wertvorstellungen" zu übermitteln und sollten stets dem Humanismus verpflichtet sein. Jedenfalls sehe ich das so.
Unter diesem Aspekt, der womöglich allgemeingültige Elemente in sich birgt, ist das, was da in Halle mit dem Thalia-Theater eben geschieht, eine Riesensauerei. Wie sollen die Künstler, die Schauspieler, Bühnentechniker usw. bis hin zur "Chefin" denn da noch Kunst zum Anschauen und zum Weiterdenken produzieren, wenn ihnen die Existenzangst im Nacken sitzt?
Aber - so ist es in diesem vom Neoliberalismus und Raubtierkapitalismus längst zerstörten Lande: die Dekadenz hat Hochkultur. Und es ist heute schon nicht mehr eine Pointe, über die man gewöhnlich lachen kann, wenn Abiturienten auf die Frage des Lehrers, wer denn Goethe sei, unsicher antworten, ob das nicht der Unternehmer dort vorne an der Ecke sein könne. Mit dem Niedergang des Politikstils, des fairen und ehrlichen und gerechten Umgangs mit dem Bürger, geht längst auch Kunst und Kultur den Bach runter. Man braucht heute nur das Fernsehen einschalten, da kann man täglich die beschleunigte Dekadenz und den rassanten Niedergang auch auf diesem für unser aller Leben so wichtigen Feld der Kunst und Kultur beobachten und erleben. Das ist sehr schade; denn Kunst und Kultur, vornehmlich auch die Theaterkunst, sind unverzichtbare Bestandteile menschlichen Zusammenlebens und füllen unser Leben nicht nur aus, sondern bereichern es ungemein.

ruebmar
#3 Dirk Lauckes Brandbrief: schlicht falschPeter Kehl 2010-10-23 15:53
Dieser Beitrag ist ein typisches Beispiel dafür,wie einseitig (zumindest in der Darstellung) die Diskussion um die Kulturpolitik in Halle geführt wird. Es ist schlicht falsch, wenn behauptet wird, dass das Thalia Theater demontiert werden soll. Fakt ist – und um diese Erkenntnis kommt auch kein "Kulturschaffender" herum – dass die Stadt Halle zu wenig Geld hat (daran sind übrigens keine Kapitalisten schuld, sondern 40 Jahre Sozialismus). Was nutzt einer Stadt eine großartige Theaterlandschaft, wenn die Menschen die dort leben keine Arbeit haben. Auch wenn wir uns den Luxus erlauben, Kultur außerhalb von "messbaren Rücklauf" zu leisten, muss auch die Kultur einen Beitrag bei den Einsparungen leisten. Das ist nun einmal so. Das Thalia Theater soll überhaupt nicht geschlossen werden. Es soll lediglich den so genannten Haustarifvertrag übernehmen. Erfolgt dies, steht dem Fortbestand des Theaters überhaupt nichts im Wege. Das hat übrigens auch nichts mit dem hier verteufelten "Neoliberalismus" oder "Raubtierkapitalismus" zu tun. Das ist Realpolitik, die auf die gesamte Bevölkerung Rücksicht zu nehmen hat und nicht nur auf eine relativ kleine Gruppe von Künstlern, die von der Kulturförderung leben (und das nicht schlecht).
#4 Dirk Lauckes Brandbrief: Wacht auf, seid Volksvertreter!lothar 2010-10-23 18:18
Lieber Peter Kehl, Eigentlich antworte ich auf so etwas nicht, aber Ihre Darstellung macht mich wütend: fange ich mal unten an, ein Schauspieler verdient 1650 Euro brutto als mindestgage, alles andere ist verhandelbar. d.h. es gibt keine tarifsteigerung, nichts. Ich weiß ja nicht, was Sie verdienen, Fakt ist, dass man in manchen Städten von diesem Gehalt nicht mehr überleben kann. Das ist die Realität.
Nochmal zu diesem Hallenser Sumpf: Ist es nicht komisch, wenn Rudenz Schramm als parteiloser Vertreter im Stadtrat für die Linken sitzend im Aufsichtsrat für die Schließung des Thalia Theaters stimmt... Wahnsinn: ein Linker, der ein Kinder und Jugenttheater schließen lassen will... zufällig leitet er das Steintorvariete Halle... Und die vielen kleinen Zuschauer des Thalias kämen da gerade Recht... das ist Sumpf! Und ich bin froh, das Laucke diese Geschichten mal veröffentlicht.
Nochmal ganz kurz zu diesem ganzen, absurden Vorgang: Die Verhandlungen zum Haustarifvertrag beginnen am 2. November... gekündigt am Thalia sind aber schon alle, weil man fürs Ende der Spielzeit bis Mitte Oktober gekündigt haben muß. Warum hat Herr Stiska den Termin nicht so gelegt, dass die Kündigungen nicht ausgesprochen werden müssen? Im Übrigen: Diese Tarifsteigerungen, die das große Finanzloch in die GmbH reißen, sind seit zwei Jahren klar. Alle anderen, sprich außer Schauspieler und Balletttänzer bzw. NV Bühne Angestellte, bekommen nämlich Tarifsteigerungen. (Orchester, Chor, Opernsolis, BAT´s) Ein Geschäftsführer, der erst ein paar Monate mitbekommt, dass es ernst wird und seine GmbH vor der Insolvenz steht ist in meinen Augen unfähig. Außerdem: eine Sparte zu zu machen und den Rest der Angestellten zu erpressen, einen Haustarifvertrag anzunehmen, sich vom Aufsichtsrat illegaler Weise eine Schließungsgenehmigung geben zu lassen und die personelle Generalhoheit über ein 36 Mio Budget geben zu lassen, hat von Herrn Stiskas Seite aus nichts mit intelligenter Geschäftsführung oder dem Willen Vielfalkt zu erhalten zu tun, auch nichts mit betriebswirtschaftlicher Kompetenz, sondern mit dem Willen zu zentralistischer Alleinherrschaft. Von der Stadt Halle aus gesehen, ist es äußerst dumm, und nicht verständlich, dies mit zu machen. Ich kann Dirk Laucke nur zu diesem Artikel beglückwünschen und an die Stadt Halle appellieren: wacht auf, seid Volksvertreter, kommt aus dem Sumpf und rettet dieses einzigartige Theater.
#5 Dirk Lauckes Brandbrief: Lektüreempfehlungwolf 2010-10-23 19:54
Sehr geehrter Herr Kehl,

lesen Sie bitte Folgendes:

"Dem Armen zur Sparsamkeit zu raten, ist ebenso grotesk wie beleidigend. Als würde man einem Verhungernden nahelegen, weniger zu essen." Oskar Wilde
#6 Dirk Lauckes Brandbrief: an den Volksvertreterlothar 2010-10-25 12:34
Nachtrag: Herr Kehl! das Web machts möglich: sie sind ja ein FDP-Volksvertreter, der sich scheinbar vom Westen aus ins Land Sachsen Anhalt verliebt hat, sehr löblich... aber auch ein Volksvertreter, der die Eröffnung eines Thor Steinar Ladens in Halle mit dem Trinken von Aldibier (Karlsquell) vergleicht...
(Quelle: Ihre eigene Homepage www.peter-kehl.de/page/3/)... nicht so löblich... Interessant auch, dass sie so wenig über den Hallenser Thaliaschließungsvorgang zu wissen scheinen... ... siehe meinen Artikel oben... dass sie nicht wissen, dass die Schließung eines Geschäftszweiges (sprich Sparte) der Theater und Orchester GmbH Halle nach eigener GmbH Satzung nur der Stadtrat veranlassen kann, und nicht der Aufsichtsrat oder die zentralistisch alleinherrschende OB... jetzt weiß ich, warum solche Dinge immer wieder passieren... aus purem Unwissen... es sei Ihnen verziehen, man kann sich ja informieren:
"Die Theater, Oper und Orchester GmbH Halle verpflichtet sich gegenüber der Stadt Halle (Saale), den Betrieb, inkl. der damit in unmittelbarem Zusammenhang stehenden Nebenleistungen, der kommunalen Eigenbetriebe Kulturinsel, Thalia Theater sowie der Regiebetriebe Oper und Staatskapelle nach erfolgter Ausgliederung fortzuführen. Die beiden Vertragspartner sind sich darüber einig, dass bei einer davon abweichenden Nutzung bzw. Schließung von Einrichtungen, die entsprechenden Grundstücke an die Stadt Halle (Saale) zurück zu übertragen sind. Die temporäre oder endgültige Schließung bzw. Einschränkung der Betriebe durch die Theater, Oper und Orchester GmbH Halle ist jeweils mit der Stadt Halle (Saale) abzustimmen.“

Tatsache ist, dass die Theater, Oper und Orchester GmbH weder die Zustimmung der Gesellschafterversammlung hat noch sich mit der Stadt Halle (Saale) abgestimmt hat.
Die Oberbürgermeisterin ist ihrer Funktion als Vertreterin der Gesellschafterin Stadt Halle (Saale) nicht nachgekommen."
Quelle: www.openpetition.de/petition/zeichnen/schliessung-thalia-theater-halle-saale

Denken sie nach, Sie Volksvertreter, intelligent genug scheinen Sie ja zu sein. Im Übrigene: auch Sie als Abgeordneter des Landtages sind über Jahre von meinen Steuern subventioniert worden... und sie sind drauf und dran, durch so eine Politik, bei der man sich als demokratisch denkender Mensch nur noch handlungsunfähig fühlt, ein Meer an politisch passiven oder aber radikalen Menschen heran zu ziehen... Gehen Sie mal in Schulen und reden Sie mit einer 8. Klasse über Demokratie- Verständnis... Viel Glück... Wenn sie ein anderer Herr Kehl sind, vergessen Sie diesen Artikel und lesen den oben...
#7 Dirk Lauckes Brandbrief: Bitte um Aufklärungjaja 2010-10-25 13:11
Kann mich bitte jemnd mal aufklären, ich habs bislang nicht verstanden? Das Thalia wird zum Ende der Spielzeit geschlossen. So weit hab ichs kapiert. Es sei denn, das Thalia stimmt einem Haustarifvertrag zu. Wird es bei Akzeptierung des Hausvertrages NICHT geschlossen? Oder wie? Und wer handelt den Vertrag aus? Und wie sind die Bedingungen des Haustarifvertrages? Hm.
#8 Dirk Lauckes Brandbrief: aufgeschoben ist nicht aufgehobenanais 2010-10-25 13:49
Wenn alle Beteiligten - also nicht nur die Angstellten des Thalia Theaters - dem Haustarifvertrag zustimmen (mit dem sie auf nicht unerhbliche Teile ihres ohnehin schon miesen Gehaltes zu verzichten gezwungen wären), dann wäre die Schließung des Thalia Theater bis 2010 AUSGESETZT. Sie wäre also keinesfalls vom Tisch, sondern nur verschoben. Da die Finanzlage der Stadt Halle nicht erwarten lässt, dass sich die Einnahmen exorbitant erhöhen, stünden wir also 2012 vor dem gleichen Problem. Fazit: Die Leute sollen ERST ein weitaus geringeres Gehalt akzeptieren, um ANSCHLIESSEND doch nur ihr Theater und damit ihren Job los zu sein. So ungefähr verhält sich die Geschichte mit den Tarifverhandlungen.
#9 Dirk Lauckes Brandbrief: hochkomplexer Vorganglothar 2010-10-25 13:58
Hallo JaJa,
Das ist ein hochkomplexer Vorgang, der da gerade stattfindet, ich versuche es mal: Die Angestellten der gesamten Theater GmbH Halle (sprich Oper, Orchester, Ballett, Chor, Kulturinsel, Puppe und Thalia) sollen diesem Haustarifvertrag zu stimmen, also auf Gehalt verzichten. Wobei wie oben beschrieben alle nach NV Bühne Beschäftigten, eh keine Tariferhöhungen haben. Nach NV Bühne sind halt immer alle Schauspieler, Puppenspieler und Tänzer beschäftigt. Bei Teilen der Gewerke/ Verwaltung ist es unterschiedlich, aber: Chor, Opernsolis und Orchestermusiker und teilweise Gewerke und Verwaltung haben brettharte und teure Verträge (ähnlich wie im öffentlichen Dienst) mit Tarifsteigerungen/ Kündigungsschutz/ Nachtzuschläge/ Arbeitszeitregelungen etc. Diese absehbaren Tarifsteigerungen haben unter der Geschäftsführung von Rolf Stiska die gesamte GmbH innerhalb von 2 Jahren an die Insolvenz getrieben. Sollte also die gesamte GmbH diesem erpresserischen Vorgang, sprich Schließung Thalia oder Haustarifvertrag zu stimmen, wäre das Thalia vielleicht die nächsten zwei Jahre gesichert. Ob das wirklich so ist, weiß keiner, da den Thalia Leuten schon gekündigt ist (das muss für Schließung zur nächsten Spielzeit bis Mitte Oktober 2010 geschehen sein) Die Verhandlungen für den Haustarifvertrag beginnen sonderbarer Weise aber erst am 2.11.2010.
Der Hauptpunkt ist aber: Das Eine (Haustarifvertrag) hat mit dem Anderen (Schließung des Thaliatheaters) gar nix zu tun. Rolf Stiska hat es zwei Jahre lang als Geschäftsführer der Theater GmbH Halle nicht geschafft, diese absehbaren Steigerungen aufzufangen und hat als einzige Lösung für ein Scheitern der Haustarifvertragsverhandlungen parat: das Thalia zu schließen... dieses Thalia hat vor Jahren schon seine Strukturen verschlankt und arbeitet total effektiv... außer das Thalia zu schließen, kann man an diesem Haus halt nix mehr einsparen, weil die das seit Jahren von sich aus gemacht haben und dabei trotzdem noch gutes Theater zu Stande bekommen. Diese beiden Faktoren: Annahme des Haustarifvertrages durch die gesamte GmbH Belegschaft und die Schließung des Thaliatheaters hängen also gar nicht miteinander zusammen... Das wäre, als würde man einen Aufsichtsratbeschluß fassen, allen Hallenser 2 Stunden am Tag den Strom abzustellen um das Tarifsteigerungsloch zu füllen. Ceaușescu hat das im Winter immer mit der Heizung in Rumänien gemacht um sein Land zu entschulden... die Leute sind erfroren aber Rumänien war das einzige RGW-Land, das keine Schulden beim Westen hatte... Wenn ich´s wüßte, wie es geht, wäre ich der Geschäftsführer... da ich es nicht weiß, bin ich es auch nicht, verlange aber, dass der, der es ist, Rolf Stiska seinen Job macht. Dafür wird er trotz Rentenalters teuer bezahlt... und die Stadt Halle sollte darüber mal nach denken...
#10 Dirk Lauckes Brandbrief: Apokalyptiker langweilenProspero 2010-10-25 15:32
Nennen Sie mich zynisch, aber mich langweilt diese ganze Debatte rund um Sparmaßnahmen etc. Vor allem aber die Hysterie, mit der hier der Niedergang der deutschen Kulturlandschaft prophezeiht wird. Spar-Kampagnen sind nichts neuen, das haben wir immer wieder mal seit 20 Jahren und genauso haben wir seitdem die Apokalyptiker, die das Ende der abendländischen Kultur kommen sehen. Und was ist passiert? Die deutsche Kulturlandschaft und v.a. das Theater ist nicht langweiliger, nicht weniger kreativ und nicht weniger lebendig als vor 20 Jahren. Und warum: Weil Theatermacher jenseits der durchaus im Einzelfall berechtigten Proteste die Krise als Chance gesehen haben, auch weil sie zum Teil aus der hochsubventionierten gemütlichen Kuschelecke (erinnert sich noch jemand an das Schillertheater?) herausgetrieben und gezwungen wurden, ihr Tun zu hinterfragen und Antworten zu erarbeiten. Und ein Theater, dass sich an der Wirklichkeit reibt, vielleicht auch, weil es nicht anders kann, ist nicht zwangsläufig etwas schlechtes.

PS: Das betrifft jetzt nicht den Fall Thalia - hier bin ich zuwenig im Thema. Mir geht es nur um die Überreaktion derer, die reflexartig den Niedergang des deutschen Theaters an die Wand malen, wenn irgendwo ein Theater in Gefahr ist.
#11 Dirk Lauckes Brandbrief: irgendwann nur noch Ärztekinderlothar 2010-10-25 15:48
Hallo Prospero, ist wohl sturm... Hier schreibt doch keiner über den Niedergang der deutschen Kulturlandschaft... außerdem kann ich dieses Wort "Subventionen" nicht mehr hören... Bei dem Gehalt eines Bürgermeisters oder dem Justizar einer Stadtverwaltung spricht man doch auch nicht von Subventionen... und ja, ich erinnere mich noch an das Schillertheater... es geht um die Entwicklung, die das Ganze geht und das irgendwann nur noch extistentiell abgesicherte Ärztekinder (nichts gegen Ärztekinder) in diesen Bereichen werden... und dann wird ein Beruf zum Hobby...
#12 Dirk Lauckes Brandbrief: Fakten Teil 1Eric Ender 2010-10-25 16:58
1. Teil: Versuch einer Antwort.

Liebe/r jaja,

hier der erste Bericht über den „Vorgang“ aus der Mitteldeutschen Zeitung (online-Ausgabe) vom 8. Okt. 2010:

„Der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle hat am Freitag (8. Oktober 2010) die Schließung des Thalia Theaters beschlossen. Zugleich sprach sich der Aufsichtsrat für die zügige Aufnahme von Verhandlungen über den Abschluß eines Haustarifvertrages aus. Käme es dazu, könnte die Umsetzung des Schließungsbeschlusses für eine "Galgenfrist", die begrenzte Laufzeit des Haustarifvertrages, ausgesetzt werden.
Im Falle des Scheiterns der Verhandlungen über einen solchen Vertrag soll das traditionsreiche Thalia Theater in der Kardinal-Albrecht-Straße bereits zum Ende der Spielzeit im kommenden Sommer geschlossen und das Ensemble aufgelöst werden. Die Fortführung der Theaterarbeit für Kinder und Jugendliche soll dann durch Spielangebote aller verbliebenen Sparten der GmbH, insbesondere durch eine erhöhte Zahl von Aufführungen für Kinder im Puppentheater und für Jugendliche im Neuen Theater, sichergestellt werden, hieß es aus dem Aufsichtsrat.
Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) sagte nach der Sitzung: "Für mich hat der Haustarifvertrag absoluten Vorrang gegenüber der Umsetzung einer schnellen Schließung.“

Das ist also der Fakt.

Zur Erklärung: Haus-, Firmen oder Werkstarifverträge werden auf der Arbeitgeberseite nur von einem einzelnen Arbeitgeber und nicht vom Arbeitgeberverband geschlossen und gelten daher nur für ein einzelnes Unternehmen. Die Laufzeit eines solchen Vertrages wird im Vertrag geregelt.

Die oben genannte „Galgenfrist“ bezieht sich aber nicht nur auf die Laufzeit des Haustarifvertrages. Denn der derzeitige Vertrag zwischen Stadt und Land zur Finanzierung der Kultur in Halle läuft 2012 aus. Ab dann ist also wieder alles offen. Neue Verhandlungen wird es sicherlich erst nach der nächsten Landtagswahl (März 2011) geben.

Hier noch ein zweiter Fakt: vom 11. September 2009

Nach monatelangen Verhandlungen zwischen dem Deutschen Bühnenverein, Bundesverband der Theater und Orchester, Köln und der Deutschen Orchestervereinigung e.V., Berlin konnte endlich der Haustarifvertrag für die Staatskapelle Halle abgeschlossen werden. Er sichert den Bestand der Musiker der Staatskapelle bis 2016.
Bis dahin wurde vereinbart, daß keine betriebsbedingten Kündigungen im Orchester ausgesprochen werden. Mit dem Haustarifvertrag wird der Beschluß des Stadtrates der Stadt Halle vom 26. November 2008 umgesetzt, eine langfristige Reduzierung der Staatskapelle vorzunehmen und gleichzeitig das Orchester in die Lage zu versetzen, seinen öffentlichen Verpflichtungen nachzukommen und die kontinuierliche künstlerische Arbeit und Entwicklung des Klangkörpers zu gewährleisten.
Also betrifft die neue Forderung nach einem Haustarifvertrag offensichtlich die übrigen Angestellten in der TOO gGmbH.

Teil 2 folgt …
#13 Dirk Lauckes Brandbrief: Fakten Teil 2Eric Ender 2010-10-25 17:11
2. Teil: Versuch einer Antwort.

Die Mitarbeiter der Kultur-GmbH hatten sich, wie mehrfach berichtet, bereits am 1. Oktober 2010 auf einer Vollversammlung auf einen Haustarifvertrag verständigt. (Der jetzt also mit allen Beteiligten – Gewerkschaften, Geschäftsführung etc. verhandelt werden muß.)
Das Verwirrende ist sicherlich, daß die Schließung der Sparte Thalia Theater aber schon am 8. Oktober beschlossen wurde, die Nichtverlängerungsmitteilungen bereits bis 31. Oktober schriftlich erfolgt sein müssen, die Verhandlungen über den Haustarifvertrag aber erst am 2. November beginnen sollen.
Was darüber hinaus auch unklar ist, und das scheint nicht nur mir das Wichtigste zu sein: Was wird aus denjenigen Mitarbeitern, die ihre Nichtverlängerungsmitteilung bis zum 31. Oktober zu erwarten haben? Werden sie nach erfolgreichen Verhandlungen wieder eingestellt? Werden neue Leute verpflichtet oder, und das ist die gegenwärtige Forderung, gibt es auch andere Möglichkeiten die Kinder- und Jugendsparte, also das Thalia, in seiner gegenwärtigen oder einer sehr vergleichbaren Form zu erhalten bzw. fortzuführen?

Da durch den Aufsichtsrat der GmbH und die Geschäftsführung bereits Fakten geschaffen wurden, in rechtlicher, wie politischer Hinsicht, braucht es, denke ich, zähe und mutige Verhandlungen, um vernünftige Strategien für, im besten Falle, neue Strukturen zur Finanzierung und Arbeitsweise der Theater in Halle (und darüber hinaus) zu entwickeln.

Ich habe in dieser Zusammenfassung jetzt mal alle Vermutungen und emotionalen Äußerungen über das Zustandekommen der gegenwärtigen Situation vermieden. Das scheint mir zu genüge diskutiert. Entscheidend wird m.E. sein, ob der entstandene Konflikt und seine jetzt noch nicht zu übersehenden Konsequenzen ein Initial für eine radikalere und dringend nötige Strukturdebatte und –reform sein kann und welche Visionen und Strategien sich tatsächlich für ein zukünftiges Selbstverständnis zu Kultur, Bildung, Umgang mit Demokratie und Beteiligung und Finanzierung des öffentlichen Lebens entwickeln.
#14 Dirk Lauckes Brandbrief: TariflichesGDBA - Hauptgeschäftsstelle 2010-10-25 17:28
@lothar eine Korrektur:
auch Chor und Opernsolisten sind auf NV Bühne beschäftigt. Die Solisten zu den gleichen Bedingungen wie die Schauspieler (und z.B. Solotänzer oder Dramaturgen) unter der Sonderregelung Solo. Der Chor arbeitet unter NV Bühne Sonderregelung Chor, analog die Gruppentänzer unter Sonderregelung Tanz. Das Orchester hat einen anderen eigenen Tarifvertrag. Und auch Schauspieler nehmen an Tariferhöhungen teil, so denn Tarifanpassungen für alle vereinbart und nicht durch Haustarife ausgesetzt werden.
#15 Dirk Lauckes Brandbrief: lieber kreativ prosperierenEric Ender 2010-10-26 07:12
Sehr geehrter Herr(?) Prospero,
ich käme nicht auf die Idee, Sie zynisch zu nennen. Verwundert bin aber schon, daß Sie als reger Poster/Kommentator hier auf nachtkritik nichts Wesentlicheres zu einer Debatte beizutragen haben, als zu konstatieren, daß es seit Jahrzehnten Spardebatten und gleichlang den "kulturellen Niedergang prophezeiende (ja, das ist die richtige Schreibweise) Apokalyptiker" gibt und trotzdem alle weiter "schaffen und wirken". Ermutigt Sie diese Feststellung nicht dazu, Vorschläge zu unterbreiten, wie diesem Spar-Gegenprotest-Wir-tun-so-als-gäbe-es-kein-strukturelles-Problem-machen-einfach-so-weiter-Karussel, begegnet werden kann. Sind Sie wirklich so gelangweilt? Ich wage, das zu bezweifeln. Kommen Sie, sein Sie kreativ oder prosperieren Sie! Ich bin sicher, es wird Ihnen gedankt. Nicht nur vom Thalia in Halle, sondern auch von dem in Hamburg. Auch das Deutsche Schauspielhaus in HH wird Ihnen dankbar sein und darüber hinaus alle, die dringend Unterstützung brauchen, um sich wieder zu bewegen, hin zu einer gloriosen Zukunft freier Kunst- und Kulturschaffender, die im Augenblick, pressiert, unfähig zu sein scheinen, sich selbst am Schopf aus diesem, tja(?) Sumpf(?) zu ziehen.

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