In der Zyniker-Geisterbahn

von Dieter Stoll

Nürnberg, 23. Oktober 2010. Ein großer Anteil Schmierentheater steckt in jeder der bislang immer irgendwie überstandenen Weltwirtschaftskrisen. Also hat die junge britische, in Deutschland noch weithin unbekannte Autorin Lucy Prebble jedes Recht, grelle Mittel für die Schilderung der Verantwortlichen einzusetzen. Ihr Stück "Enron" legt die 60-Milliarden-Dollar-Pleite des amerikanischen Energie-Riesen aus dem gar nicht so fernen Jahr 2001 wie eine Folie über die aberwitzige "Gier ist geil"-Mentalität, wo nach gefühlten Schrecksekunden stets alles so ähnlich bleibt wie vorher.

Zur Londoner Uraufführung 2009, einen Supergau später, fuhren Bus-Transparente den speziellen Werbe-Spruch spazieren: "Es gab eine Warnung: Enron". Die deutsche Erstaufführung am generalsanierten, neu eröffneten Nürnberger Schauspielhaus verzichtet auf solchen Kurzschluss-Kitzel – sie hebt den Finanz-Skandal als moralischen Bankrott schienenschnittig auf eine Endlosschleife. Der Börsianer-Jux geht am Ende einfach fröhlich weiter: Nach der Krise ist vor der Krise. Klaus Kusenbergs Inszenierung ist da zwar grade ins seifige Melodram abgerutscht, lässt aber keinerlei Rest-Hoffnung.

Wo die Dinosaurier wüten

Eine scheinbar irreale Welt von durchgeknallten Geschäftemachern öffnet sich dem Einblick. Sie leben in einer Zyniker-Geisterbahn. Zappelige Broker, die mit ihren Weisungs-Pantomimen ungeahnte Vermögenswerte in Bewegung setzen, sind zwischen Bilanzkurven und Börsen-Blasen das Basislager für Giganten. Sie machen Disco im Irrenhaus und meinen, das wäre Tanz auf dem Vulkan.

Der Vorstandsvorsitzende spielt Golf mit dem jeweiligen US-Präsidenten, der Firmenchef winkt die Luftbuchung als kreatives Modell der Gewinnmaximierung durch. Sein kauziger Vertrauensmann, leider kein Fan von "Wallstreet" sondern von "Jurassic Park", entwirft das Bad-Bank-Muster von schuldenfressenden Raptoren, die an roten Zahlen knabbern bis sie platzen. Die Folgen sind bekannt. Im Stück und in der Aufführung darf es metaphorisch sein, denn da verschlingen, während zwei Cowboy-Clowns als Lehman-Brothers vorerst noch überleben, die mit Dollarnoten angefütterten Dinosaurier brüllend die schöne, heile Sparkassen-Welt.

Zeitgenossen-Theater der Leichtgewichtsklasse

Autorin Lucy Prebble lässt Infotainment wuchern. Sie stapelt die panische Verwunderung von 2008 auf die verdrängten Nachrichten von 2001 und treibt eine Täter-Sippe durch die Szenen, die dem Zuschauer bestens bekannt ist. Nicht aus der Wirklichkeit, aber aus Kino und TV-Serien, wo sie am Rande der Comedy gerne Gott und Geld vernaschen. Der Text ist Schnellschuss, die Dialoge kratzen ihre Kabarett-Lackierung durch gelegentliches Moralapostolat und rabiate Wortgewalt ein wenig auf. Wer das "Revue" nennt, hat gleich die Erlaubnis für Tanz und Gesang mitgebucht. Ein Kostüm von Cher darf also auch sein.

Dass Nürnberg solches Zeitgenossen-Theater der Leichtgewichtsklasse wie ein Leitmotiv zur Eröffnungs-Premiere des 38 Millionen Euro teuren Umbaus ansetzte, ist kein Zufall. Spartendirektor Klaus Kusenberg pflegt seit Jahren seine Vorliebe für die Bodenständigkeit des angloamerikanischen Bedeutungs-Boulevards, schätzt die Direktverbindung zwischen Gebrauchs-Poesie und Alltags-Behauptung so sehr wie das verständnisinnige Kopfnicken seines Publikums. Immerhin, Insider-Handel ist das nicht!

Karrieristen-Wrestling ohne Tiefschläge

Auf der Bühne wird ehrlich effektvolles Theater gemacht. Auf einem Kubus-Gelände enthüllen Kabinenwürfel die Krisen-Aktivisten als Laborratten des Systems, TV-News brechen wie flachgeplättete Shakespeare-Geister herein und der ständige Einsatz der fabrikneuen Maschinerie macht die Aufführung zum Hebebühnen-Happening. Schwebezustand für Pappkameraden, die an den eigenen Charakter-Fassaden klettern. Jochen Kuhl schmeckt als oberster Unverantwortlicher süffisant die kreidigen Dialoge ab und schlägt in einem Anfall von Senioren-Fitness beifallumrauscht ein Rad, Michael Hochstrasser und Elke Wollmann spreizen auf der nächsten Ebene erst die Beine und dann ihr Gewissen beim attackierenden Karrieristen-Wrestling, Marco Steeger hechelt den Loser dazu.

Das ist solide Routine-Komödiantik in Beschränkung auf Oberflächen-Reiz. Den Durchbruch zur Groteske schafft die an allen Sinnen kitzelnde Inszenierung nicht, weil sie immer wieder ganz realistisch mit "Wahrheit" hantiert. Aber was ist da wahr? Der Tiefschlag, der den Zuschauer beim Wiedersehen mit bekannten Fakten nach Luft schnappen ließe, wird eher von der wilden Cornelia Crombholz zu erwarten sein, die das Stück in Graz vorbereitet.

Bei der Nürnberger Premiere gab es verhaltene Zustimmung fürs Bestätigungs-Entertainment. Für fleißige Regie, gute Schauspieler, ähnlich reibungslos funktionierende Bühnen-Technik und für Maulschellen gegen die Phantome der Bonus-Börse. Für alles, was mal gesagt werden musste. Eine "Sensation der Saison", die "Enron" laut FAZ in London gewesen sein soll, ist das nicht.


Enron (DSE)
von Lucy Prebble, deutsch von Michael Raab
Regie: Klaus Kusenberg, Bühne und Kostüme: Günter Hellweg, Video/Musik: Tom Wolter, Musikalische Einstudierung: Bettina Ostermeier, Dramaturgie: Horst Busch
Mit: Jochen Kuhl, Michael Hochstrasser, Marco Steeger, Elke Wollmann, Jutta Richter-Haaser, Nicola Lembach, Thomas Klenk, Felix Axel Preißler, Hartmut Neuber, Aurel Bereuter, Michael Nowack.

www.staatstheater-nuernberg.de


Mehr zur Finanzkrise auf dem Theater? In Bielefeld untersuchte das Festival Voices of Change die amerikanische Mentalität nach dem Crash 2008. In Luxemburg sah nachtkritik.de Dow Jones von Nico Helminger. Weiterhin hält Elfriede Jelineks Kontrakte des Kaufmanns das finanzkritische Monopol auf heimischen Bühnen, etwa in den Inszenierungen von Nicolas Stemann in Köln, Johan Simons in Gent/Berlin, Pedro Martins Beja in Berlin oder Lukas Langhoff in Potsdam.

 

Kritikenrundschau

Der Nürnberger Schauspieldirektor Klaus Kusenberg habe bei seiner "unterhaltsamen Einweihungsparty fürs neue Haus" ausgiebig mit den technischen Möglichkeiten desselben gespielt, so Hans-Peter Klatt von der Nürnberger Zeitung (25.10.2010). Herauskomme "ein kubisches Requisiten-Ballett, von Geisterhand bewegt". Optisch habe die Inszenierung von Lucy Prebbles "Enron" also "einiges zu bieten", Langeweile komme bei ständig wechselnden Szenerien nicht auf. Manches sei allerdings auch "zu grell und plakativ geraten", als wolle die Regie "jeden trockenen Anschein eines wirtschaftspolitischen Lehrstücks vermeiden". Genau ein solches habe Prebble allerdings geschrieben. Am Ende gelange man im Grunde jedoch nur zu der "allgemeinen, eigentlich zu pauschalen Einsicht, dass die Bosse (...) die Milliarden verzocken, die ihnen nicht gehören" und der "kleine Mann" die Schuldenberge abtragen muss. Die menschlichen Folgen der Fehlspekulationen kämen im Stück viel zu kurz. Überhaupt wirke "das Menschliche" hier stets "aufgesetzt", erscheint Klatt als "emotionale Aufpfropfung". Die Lehman Brothers verharmlose Kusenberg "als albernes Clownsduo", "eher marginal bleiben auch die Verstrickungen der Politik ".

"Die nächste Krise kommt bestimmt", suggeriert Prebbles Stück für Steffen Radlmaier von den Nürnberger Nachrichten (25.10.2010). "Denn der Fehler steckt im System, das auf ein paar einfachen Prämissen beruht: Gier ist gut, Geiz ist geil und Geschäft ist Geschäft." Auch Radlmaier konstatiert, die Dramatikerin interessiere sich nicht "für die menschlichen Tragödien, (...) sondern für die Mechanismen, die zu der Spekulationsblase führten. Es geht um Schuld(en) und Sühne." Dieses "auf den ersten Blick spröde Lehrstück" inszeniere Kusenberg "als hysterischen Tanz um das goldene Kalb" und setze die neue Bühnentechnik dabei geschickt ein. All die "arbeitsgeilen Erfolgsmenschen", die einem in "Enron" begegnen und "die mitunter wie Karikaturen wirken, sind der Realität ziemlich genau nachempfunden". Dazu gibt's aber auch den "harten Kontrast": "Als poetisches Gegenbild zur Welt der Gewinnzahlen steht Skillings kleine Tochter, die auf ihre kindliche Frage nach dem Sinn des Ganzen keine Antwort bekommt." Außerdem zeige das Stück auch, wie nicht nur Banker, sondern ebenso Politiker, Juristen und Wirtschaftsprüfer "das gigantische Betrugsmanöver und seine verheerenden Folgen ermöglicht" haben.

Prebbles Stück, "in dem Ross und Reiter beim Namen genannt werden", sei "ein exemplarisches Wirtschaftskönigsdrama zur Finanzkrise" mit "fast historischer Dimension", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.10.2010). Trotz der Fakten sei dies "kein Doku-Drama, sondern eine interessante – wenn auch nicht astreine – Mischung aus Wirtschaftskrimi, Reality-Show und Börsen-Kabarett". Die Autorin bediene sich bei "Trash und Tragedy" gleichermaßen, "greift hier Richtung Musical, dort hehr nach Shakespeare und fällt mitunter in einen arg didaktischen 'Ich erklär jetzt mal die Finanzwelt'-Ton", breche diesen "pädagogisch-aufklärerischen Gestus der Bescheidwisserin" dann aber wieder "mit surrealen Momenten". In ihrer Inszenierung ließen Kusenberg und Hellweg "keine Gelegenheit aus, die Hebebühne in Bewegung zu setzen und die Muckis der Maschinerie zu demonstrieren". Kusenbergs Revue in "klotziger Großkotz-Welt" setze "auf den gemäßigten Comedy-Showeffekt", sei "hochglanzhübsch poliert, edelboulevardesk-komisch und handwerklich sauber gemacht, manchmal sogar ein wenig schrill – böse aber, ätzend und zudringlich ist sie nicht" und wolle auch nicht richtig zünden. Im "absteigenden Kurvenverlauf des Abends" treffe man, bei ebenfalls absteigender Spannung, auf "Klischeefiguren, Knallchargen und Karikaturen aller Art".

"Der Nürnberger Schauspielchef und Regisseur Klaus Kusenberg decouvriert hinter dem Betrug dreier Konzernmagnaten, an dem sich schließlich alle beteiligen, Anwälte, Wirtschaftsprüfer und nicht zuletzt die Lehman Brothers, die hier auftreten als zitterndes Clownspaar, das Glaubenssystem", berichtet Barbara Bogen im Deutschlandfunk (25.10.2010). "Da, wo Kirche und Staat keine tauglichen Lebensentwürfe mehr anbieten können, wird Enron zum neuen Symbol für eine Religion der Gier und des Geldes, wird zum Ideenkraftwerk wie es einmal heißt im Stück." Das Nürnberger Theater bemühe sich nach Kräften, die neu installierte Hightech durch viel Aktion und Dynamik vorzuzeigen und zu beeindrucken: "Das gelingt zwar auch. Das Problem der deutschen Erstaufführung ist eher, das sie garantiert konsensfähig ist. Die Manager sind gierig, geldgeil, böse. Und haben den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Nichts also, was irgendein Zuschauer nicht unterschreiben könnte und nicht schon vorher gewusst hätte."

 

 
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