Die Abschaffung der Welt

von Willibald Spatz

München, 4. November 2010. Ein rechter Demenzregen geht zurzeit über die deutschen Bühnen herab: Theaterstücke, Kabarettprogramme, Performances thematisieren Alzheimer, das Vergessen und den Persönlichkeitsverlust und zollen einem Trend Tribut, der nicht mehr aufzuhalten ist, weil Deutschland immer älter wird. Im Moment leben 1,2 Millionen Betroffene innerhalb dieser Grenzen, jährlich werden es angeblich 250 000 mehr.

So steht es im Programmheft von Helena Waldmanns "revolver besorgen". Das Theater ist ein denkbar geeigneter Ort einer solchen Auseinandersetzung, denn die Bühne ist ein Ort des Erinnerns – vergisst ein Schauspieler seinen Text, fällt er aus seiner Rolle. Das kann lächerlich werden und peinlich und damit wird er einem Dementen ähnlich. Der hat auch keinen passenden Text mehr zur Situation, er weiß nicht mehr, was der Augenblick erfordert, im frühen Stadium leidet er darunter, weil ihm das noch bewusst wird. Später scheint er den Frieden mit sich gefunden zu haben.

Der Zugriff auf die Welt: verloren

"revolver besorgen" zeichnet diesen Weg nach: Die Tänzerin Brit Rodemund marschiert zu zackiger Musik auf einer bis auf einen orangefarbenen Tütenhaufen leeren Bühne auf und ab, hin und wieder rattert der Ton von Maschinengewehrfeuer durch die Musik. Rodemund ahmt ihn nach, leicht verzögert, es geht ihr was verloren: die Erinnerung, der Zugriff auf die Welt von früher, ein Stück Persönlichkeit. Sie zieht sich ihre Schuhe aus, die sie eben zum Stampfen auf den Boden noch benötigt hat und moderiert stumm einen Streit zwischen den beiden, die nun keine Schuhe mehr sind, sondern Gesichter. – Die Wirklichkeit verändert sich, sie behält für den, der sich in ihr bewegen muss, aber ihre Logik.

Auf Worte verzichtet die Aufführung nicht ganz. Sie kommen aus dem Off und stammen großteils aus Interviews und O-Tönen von Patientenbegegnungen für ein Radiofeature, das Helena Waldmann zusammen mit Dramaturgin Dunja Funke produziert hat. Diese Feature-Fetzen amüsieren und irritieren allein schon beim Hören; die darübergelegten Aktionen Rodemunds lassen eine eigenartige Faszination für diesen schwebenden, traumähnlichen Demenzzustand entstehen. Wir hören die Sexualassistentin Nina de Fries einen Mann anleiten, ihre Vagina zu erkunden und sehen dazu Rodemund am Boden mit dem Rücken zum Publikum. Zwischen ihren Beinen streckt sie ihre Hand aus und vollzieht grapschende Bewegungen.

Der Pathologe Frank Heppner ist zu hören, wie er ein Gehirn seziert, in Scheiben schneidet und jeden Schritt detailliert erläutert. Als er beim Großhirn angekommen ist, packt Rodemund ihre Schuhe stellvertretend für die beiden Hirnhälften in Plastiktüten. Dieses Hirn wiege nur 1088 Gramm, ein eindeutiges Zeichen für Hirnschwund.

Der Ego-Zentriertheit entkommen

Das Finale ist hirntechnisch gesehen identisch mit dem Anfang: Man wird wieder zum Kind. Für das Kind ist alles neu auf der Welt, man darf alles zum ersten Mal erfahren, sich daran freuen und darüber lachen. Das Kind kennt keine Sorgen und keine Tragik, es lebt jeden Tag wie den ersten und zugleich den letzten. Jede Beschäftigung mit einer Sache ist absolut, es gibt keinen Zweck mehr, alles geschieht nur für sich selbst – die perfekte Kunst. Nur das Kind und der hochgradig Demente können dorthin gelangen. Zu Kinderlachen vom Band kriecht Rodemund in den Tütenhaufen, der die ganze Zeit auf sie gewartet hat – ihr Hirn, mit dem sie nun ganz eins ist. Die Welt ist ausgeschlossen.

Helena Waldmann hat sich bei den Recherchen für dieses Projekt tief hineinziehen lassen. Und dem Gedanken ans (eigene) Ende die Chance abgerungen, mit dem Verlust der Persönlichkeit der Ego-Zentriertheit unserer Gesellschaft zu entkommen.

Deswegen ist "revolver besorgen" keine Sekunde kitschig oder bitter oder zynisch – in diese Richtung gleiten andere Alzheimer-Geschichten auf der Bühne gern ab. Hier sorgen kraftvolle Bilder und berührendes Wortmaterial für eine schöne Erkenntnis. Schade nur, dass die Uraufführung im Rahmen des alle zwei Jahre abgehaltenen Dance-Festivals stattgefunden hat. Aus Angst, nur ein Spartenprogramm serviert zu bekommen, meiden zu viele die Veranstaltungen des Festivals. Um "revolver besorgen" gut zu finden, muss man allerdings kein Anhänger von Tanztheater sein.

 

revolver besorgen (UA)
Konzept, Regie und Choreographie: Helena Waldmann, Tanz: Brit Rodemund, Stückentwicklung und Dramaturgie: Dunja Funke, Licht: Herbert Cybulska, Radiofeature: Dunja Funke, Helena Waldmann, Tonschnitt: Tito Toblerone, Kostüm: Mari Krautschick, Choreographische Mitarbeit: Tim Plegge, Tourneetechnik/Licht/ Technische Leitung: Carsten Wank, Ton: Stephan Wöhrmann.

www.dance2010.de/
www.helenawaldmann.com/

 

Mehr zu Helena Waldmann? 2005 war sie mit Letters From Tentland beim Fadjr-Festival im Iran.

 

Kritikenrundschau

Das Konterfei von Waldmanns Vater blicke einen in der Glashalle des Gasteigs an, bevor im Carl-Orff-Saal die überaus diskrete Ballerina Brit Rodemund vor einem Berg orangefarbener Plastiktüten in Pantoffeln, klack, klack, marschiert und salutiert, schreibt Eva-Elisabeth Fischer im München-Teil der Süddeutschen Zeitung (6.11.2010). "Sie demonstriert fußflink in Ballettvariationen, wie das Körpergedächtnis plötzlich aussetzt und damit jede Bewegung sterben lässt." Die Off-Stimme eines Neurologen erläutere dazu die Symptome von Gehirnschwund. "Die Hand der Ballerina wandert in den Schritt und zeigt, dass das Begehren nicht aufhört, dass aber das Schamgefühl schwindet mit dem Verstand." Fazit: "Waldmann findet wie je kluge und klar konturierte Bilder für das, was sie erzählen will. Aber keine dieser Metaphern, auch nicht die finale, als die Tänzerin in Plastik versinkt, sagt so viel wie das Gesicht ihres Vaters auf der Fotografie."


 
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