Peter Pan im Arbeitswahnsinnskreislauf

von Georg Kasch

Berlin, 13. November 2010. Irgendwann hat man es dann selber drauf, das Mantra der schönen neuen Arbeitswelt, die eigentlich nur eine Variante des alten deutschen Nach-oben-Buckeln-und-nach-unten-Tretens ist: "freundlich sein, grüßen, lächeln, nachfragen, zuhören, freundlich sein, grüßen, lächeln, nachfragen, zuhören..." Ole Lagerpuschs Daniel Putkammer knipst dazu ein Lächeln an, irr und süßlich und leicht bekifft. Eine Puppe an langen, aber sicheren Fäden, eine, die funktioniert. Neu ist der eine Tag im Leben eines gebeutelten Angestellten nun wirklich nicht.

Schleifpur aus Wut und Hass
Neu ist in Oliver Klucks Drama-Skizze "Warteraum Zukunft" nicht einmal, dass der kleine Mann selbst ein Karrierist ist, der seinen Hass in zunehmenden Dosen verspritzt: stumm, als inneren Monolog, und wenn laut, dann nach unten, klar. Der sein Privatleben ruiniert, schnöselig seine Mitmenschen, vor allem die weiblichen, ins Visier nimmt und, nachdem er im Suff einen Radfahrer übergebügelt hat, sich endlich mal wieder befreit fühlt.

Und doch besticht die Wut- und Hass-Schleifspur, die durch den Text pulst. Bezeichnend, dass in Simon Solbergs Drittaufführung des Stücks in der Box des Deutschen Theaters die zweite Hälfte von Klucks Arbeitswelt-Mantra fehlt: "ihnen mit Eisenstangen auf ihre Fingergelenke schlagen, ihnen von hinten in den Nacken boxen, in die Knie treten". So richtig fies darf Putkammer nicht sein. Stattdessen erzählt Solberg "Kleiner Mann, was nun?", also vom gebeutelten Arbeitnehmer, der auf dem globalisierten Markt ein Leben aus dem Pappkarton führt und auch sonst nicht zu beneiden ist.

Das treibt Solberg wie gewohnt rasant und witzig voran, zaubert eine charmante, prall gefüllte Zitaten-Wundertüte in seine Welt aus Pappe hin, wo die Kartonwände alles hergeben, was das Büro-Herz begehrt: Kaffeeautomat, Kopierer, Computer, sogar eine Badewannne. Aus dämlichem Smalltalk, erotischen Herausforderungen und Demütigungen vom Chef fügt sich hier eine comichaft geschnitzte Soap-Persiflage mit Hang zur Kabarett-Nummer: Virtuos steigern sich Claudia Eisinger und Elias Arens in ihre Perücke-auf-Dialekt-an-Ich-bin-sechs-Charaktere-Orgien, und Lagerpuschs trotz Ekel-Alfred-Anfällen sympathischer Putkammer macht dazu ein schrecklich nettes, geradezu putziges Gesicht.

Hohepriester der neoliberalen Arbeitsreligion
Mit Günther-Jauch-Harmlosigkeit blickt er ins Publikum, ein Peter Pan des digitalen Zeitalters, der sein eindimensionales Leben auf der Vorspultaste versurft. Zwischen schreiend komischen (da spielt Arens Putkammers TV-Zapping als Solo zwischen "Titanic" und "Dirty Dancing") und ziemlich naheliegenden Assoziationen (der Gewerkschafter heißt Andreas, die Kollegin Ulrike – klingelt's? na klar: RAF!) spitzt sich der Improvisationsreigen beim Firmen-Meeting zu, wo der Chef als Hohepriester der neuen Religion Arbeit auf einem riesigen Pappsessel thront, während Eisinger das Publikum zum Quiz-Raten animiert und Lagerpusch an der Tafel den Satz zusammenbastelt: "Obwohl der Dax gefallen ist, sind unsere Aktien wegen neuer Absatzmärkte in den Schwellenländern in die Höhe geschossen". Und in der Vertragsverhandlung absolvieren Putkammer und der Chef zwischen Fallschirmsprung und Thai-Massage so viel Action, dass auch der Zuschauer von der bösen Vertragspointe überfahren wird: Die angekündigte Beförderung führt Putkammer direkt nach Rumänien.

Nach schweißtreibenden 90 Minuten aber, in denen Lagerpusch sich durch alle Stimmungslagen gezappt hat, sitzt er am Ende zwischen den Unfalltrümmern und hält ein Stück Pappe wie den toten Radfahrer, während um ihn herum ein neuer Arbeitswahnsinnskreislauf beginnt. Da bleibt Mitleid, vielleicht. Aber mit Klucks fäkalsprachbrodelnder Wut, für die "Warteraum Zukunft" mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet wurde, hat das kaum etwas zu tun. Deshalb funktioniert der Abend als schwindelerregende Komödie mit kalauernden Wiedererkennungseffekten. Aber so überschaubar wie bei Solberg sind die Fronten zwischen Gut und Böse in der globalisierten Arbeitshölle einfach nicht.

 

Warteraum Zukunft
von Oliver Kluck
Regie und Bühne: Simon Solberg, Kostüme: Sara Kittelmann, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Elias Arens, Claudia Eisinger, Ole Lagerpusch.

www.deutschestheater.de


Die Uraufführung von Oliver Klucks Stück Warteraum Zukunft inszenierte Alice Buddeberg im Mai 2010 im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen als Koproduktion mit dem Hamburger Schauspielhaus.

 

Kritikenrundschau

Im Berliner Tagesspiegel (15.11.2010) fragt Andreas Schäfer: Wenn einer morgens im Auto auf der Fahrt zur Arbeit schon beim Verkehrsfunk aus "Ekel vor dem Immergleichen kotzen" könnte, nun warum stelle der das Radio nicht einfach aus? Das dürfe man Klucks Stück aber nicht fragen, sonst würde der "virtuose Erregungsmonolog in sich zusammenstürzen" und seinen "Motor" verlieren: die aus Ohnmacht erwachsende Wut. Auch wenn die "Analyse des Arbeitsalltags banal" ausfalle, so sei Klucks Furor doch dramatisch. Und Solbergs Inszenierung "mitreißend". Nur böse sei an "diesem Klamauk" nichts. Von der Hölle bliebe ein "Höllentempo". Solberg lasse die Schauspieler ein "Kasperletheater für Große durchhetzen". "Jede Szene werde von "kabarettistischem Augenzwinkern" begleitet oder durch "Zitate aufgemotzt". "Rasende Unterhaltung, bei der alles andere auf der Strecke bleibt."

In der Berliner Zeitung (15.11.2010) schreibt Dirk Pilz, der Abend habe es auf einen einzigen "Schockmoment" kurz vor Schluss "angelegt". Wenn nämlich Ole Lagerpusch als Daniel Puttkamer mit der "Schreckenserkenntnis" ringe, dass er das Leben eines Fremden auch deshalb zerstört habe, weil sein eigenes Leben eine Katastrophe ist. Lagerpusch spiele mit "Panik im Blick und Entsetzen im Gesicht" als sei er "unvermutet in eine Tragödie geraten". Auf diesen Augenblick habe Solberg alles "hininszeniert". Man "sieht es deutlich, aber es erreicht einen nicht". Weil solche Schläge das "entsprechend figurenscharfe Inszenierungsumfeld" benötigten. Solberg aber "knallt" eine "von Comic, Soap und Slapstick eingeseifte Persiflage auf die Pappkarton-Bühne". Claudia Eisinger, Elias Arens und Lagerpusch seien "grandiose Komiker", nur habe ihr Treiben mit dem "formal und sprachlich experimentierfreudigen" Stück "Warteraum Zukunft" kaum "etwas zu schaffen". Kluck stelle nicht die Schuld-, sondern "die Systemfrage". Solberg werfe sie seiner "groben Spaßmaschine zum Fraß" vor, die auch den großen Schock-Moment verschlinge.

 

 
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