Im Schatten der starken Frau

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. November 2010. Er ist ein Vertreter längst vergang'ner Zeiten, ein Behäbiger, dem Wort vertrauender, ein Zigarre rauchender und in der Vergangenheit schwelgender Politiker. Bei Goethe im Jahre 1774 ist er, Götz von Berlichingen, ein Freigeist, ein Idealist, ein Held. Einer, der sich selbst und seinem Volke treu ist.

Pralinen, Zigarren, Kapitulationsangebote

In Dušan David Pařízeks Inszenierung ist Götz einer, der allzu gemütlich sitzen bleibt, einer, der Hornbrille trägt und Asbach-Uralt trinkt, einer der sich selbst gerne reden hört, sich maßlos auf Pralinen stürzt und auch mal kurzatmig cholerisch wird. Dann kommandiert er seine Frau Elisabeth (Hedi Kriegeskotte) - die in ihrer strengen und souveränen Überlegenheit genauso gut seine Mutter sein könnte - und seine Schwester Maria (Julia Nachtmann) so aufbrausend cholerisch herum, dass er schon nicht mehr ernst zu nehmen ist.

Kurz gesagt. Götz, den Markus John am Hamburger Schauspielhaus gibt, ist ein rührendes Weichei, ein symphatisches Muttersöhnchen. Das berühmt gewordene Zitat, das er einem Hauptmann entgegen schmettert ("Er kann mich im Arsche lecken!") kommt in Pařízeks Inszenierung folglich nicht aus seinem Mund, sondern aus dem einer ziemlich zornigen Elisabeth, die diesem Ausspruch gleich eine herrliche Wut- und Hasstirade anhängt. Es ist eine großartige Szene, in der sich Hedi Kriegeskotte aus einem Guckkasten der holzgetäfelten Rückwand (Bühne: Dušan David Pařízek) neben ihren angetrunkenen, erschlafften Mann in all ihrer schmalen Geradlinigkeit aufrichtet und das Kapitulationsangebot seitens des Kaisers in Grund und Boden wütet.

Zwischen Komik und Klischee

Sowieso ist Hedi Kriegeskotte, die die Elisabeth bis dahin recht trocken und überlegt gespielt hat, ein bisschen die Hauptfigur des Abends. Es scheint, als lenke und dirigiere sie die Geschicke ihres Götz', nicht zuletzt natürlich auch dann, als sie das Reclam-Heftchen aufgeklappt und fast schulterzuckend "Stirb Götz, Du hast dich selbst überlebt!" vorliest. So, als sei es nicht mehr als eine notwendige Regieanweisung.

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Götz von Berlichingen © Kerstin Schomburg

Kriegeskotte spaziert sehr geschickt über den schmalen Pfad zwischen Komik und Klischee, den Parizek seinen Darstellern gelassen hat. Auch Markus John gelingt dies hervorragend, genauso Janning Kahnert als allzu integerer Franz von Sickingen. Lukas Holzhausen gibt in dieser Reihe einen charmant-windigen Schwerenöter und Michael Prelle spielt einen gewitzten Bischof, der sich zwischenzeitlich eine papierne Krone für seine Kaiserrolle faltet.

Julia Nachtmann als Maria hingegen ist zu sehr schnippisches, schulterzuckendes Girlie im gepunkteten Sommerkleid (Kostüme: Kamila Polivkova) und auch Ute Hannig in der Rolle der Intrigantin Adelheid von Walldorf schießt über das Ziel hinaus. Dass sie ihre Liebschaften karrieregesteuert belebt - ein kurzer Carla-Bruni(-Sarkozy)-Chanson hilft ihr dabei - versteht man schnell. Ihre anhaltende Sprödheit, ihr grönlandeiskalter Blick und ihre körperliche Dauerüberspanntheit erzählen mehr als den Rest.

Kleine politische Gemeinheiten, Bilder brennender Barrikaden

Genau gearbeitet und doch mit leichter Hand inszeniert der tschechische Regisseur Goethes Frühdrama, zeigt den freiheitsliebenden Raubritter des Sturm-und-Drang als einen, der an den schnelllebigen Verhältnissen scheitert. Als einen, der die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat und sich mit seinem kleinen Wunsch nach Selbstbestimmung geradezu lächerlich macht. Vor einer bühnenhohen Holzvertäfelung lässt er die Darsteller die erste Hälfte des Abends von schlichten Klassenzimmerstühlen aus agieren. Viel Freiraum bleibt ihnen nicht. Später wird diese Wand umkippen und einen nahezu leeren Bühnenraum in ein lediglich imaginäres Schlachtfeld verwandeln. Ein riesiges Beil, eine Schachtel Pralinen, ein Strauß weißer Nelken, einige Flaschen Asbach-Uralt sowie etliche Zigarren spielen außerdem mit.

Pařízek bringt sein Publikum zum Schmunzeln, indem er die Handlung auf knappe Dialoge verkürzt und den Text dann und wann kommentiert, etwa indem er kleine lokal-politische Gemeinheiten einflicht. Der Bauernaufstand wiederum, dem Götz von Berlichingen gegen Stückende als Hauptmann vorsteht, wird mit Bildern von brennenden Barrikaden und prügelnden Polizisten illustriert, als ob Pařízek schnell noch dem Gegenwartsbezug Rechenschaft zollen müsse. Insgesamt jedoch ist ihm eine amüsante, streckenweise sogar ironische Inszenierung gelungen. Denn glücklicherweise ist er kurz vor der Klischeefalle noch mal abgebogen in Richtung knappe Kurzweiligkeit.

Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand
von Johann Wolfgang Goethe
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polivková.
Mit: Michael Prelle, Markus John, Hedi Kriegeskotte, Julia Nachtmann
Michael Prelle, Lukas Holzhausen, Ute Hannig, Janning Kahnert
Aleksandar Radenkovic.

www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Dušan David Parizek: wir besprachen seine Inszenierung von Dantons Tod, die im Oktober 2009 ebenfalls am Deutschen Schauspielhaus Hamburg entstand.

 

Kritikenrundschau

Eine fatale, uninteressierte Beiläufigkeit wirft Michael Laages im Deutschlandfunk (19.11.2010) der Inszenierung vor und empfiehlt, "dieses halbgare Bemühen" schnellstens zu vergessen. Pařízeks 'Götz'-Inszenierung karriole "viel zu unentschieden hin und her zwischen den Phantasien, die beim gemeinsamen Lesen des Textes noch entstehen können." Es werde viel geschrien, "es herrscht auch sehr viel ironische Fallhöhe im auf Alltagston herab nivellierten Goethe-Sound; es wird auch eine Axt geschwungen und eine Vergewaltigung simuliert - am Ende aber, im Bauernkrieg (im 5. Akt bei Goethe) wird nur noch unordentlich durcheinander gestorben. Wie überhaupt alles, jedes Wort, jede Handlung, jede Geste wie vorgezeigt wirkt – schaut mal, das war früher mal Goethe; aber Ihr müsst das jetzt nicht etwa ernst nehmen."

Der Abend hat für Monika Nellissen auf Welt-Online (20.11. 2010) am Ende nicht viel mehr Format, als die gelben Heftchen, die in jede kleine Tasche passen. Der tschechische Regisseur habe wohl, so ihr Eindruck, "mit einem Blick von Außen auf deutsche Verhältnisse schauen" wollen und eine Klassikertetralogie inszeniert, die nun mit dem 'Götz' abschließe. "Dabei hatte er Politiker der Nachkriegszeit vor Augen, die opportunistisch angepasst oder prinzipientreu agieren." Diese Bezüge aber stellen sich sie speziell im 'Götz' allerdings nicht her. "Wir sehen Menschen mit karikaturhaften Zügen, die sich in einem im Umbruch befindlichen Wertesystem behaupten und immer dann, wenn sie oder auch der Regisseur selbst, nicht weiter wissen, Lieder, Späßchen oder comicartige Einschübe der platten Art zum Besten geben." Das besondere Manko dieser Inszenierung ist aus ihrer Sicht, dass sich der Regisseur nicht entscheidet, ob er Goethes Text ernst nehmen soll. Wenn er es allerdings tue, "bekommt die Inszenierung Spannung –, ob er es auf eine Satire anlegt oder ob er deftiges Volkstheater im Sinn hat, das zwischen historisierendem Anspruch und Modernität flottiert."

Der Abend sei das schwache Schlusslicht der Klassiker-Reihe dieses Regisseur, schreibt Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (20.11.2010). Pařízeks Zugriff auf das um alle Bauern- oder Schenken-Szenen bereinigte Schauspiel funktioniert Witzelings Ansicht nach jedoch nur teilweise, "was das Premieren-Publikum auch durch enden wollenden Beifall bekundete." Nicht mal die einzige Anspielung des Regisseurs auf die Lokal- und Kulturpolitik habe wirklich gezündet: "Fällt die von Pařízek in seinen drei vorigen Klassiker-Inszenierungen verwendete, doch immer abgewandelte Holzvertäfelung zu Boden, gibt sie ein Modell des Schauspielhauses frei: die von Haudegen des Hamburger Sparprogramms belagerte 'Burg'.

 

 
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