Spielwütig im Paradies

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 23. November 2010. Zehn Männer sitzen in einer Reihe auf der Bühne, splitternackt, mit traurigen Gesichtern. Spielen auf Gitarre, Melodica, Rohrblattflöte schwermütig eine traurige Weise, bis einer aufsteht, sich einen dunkelroten Morgenmantel überwirft: Es ist Orsino, Herzog von Illyrien: "Das Lied noch mal, es starb so schön dahin", entfleucht es gebieterisch seinen Lippen. Wie wahr!

Ein starkes Bild, mit dem Regisseur Christian Weise William Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" beginnen lässt, die gestern in einer der Interimsspielstätten des Staatsschauspiels Stuttgart in der Türlenstraße, in der kleinen "Box", Premiere hatte. Stark, weil es einen denkbar großen Kontrast herstellt zur Komödie: Nackte Körper können ihr Geschlecht nicht verbergen, sind schutzlos auf sich selbst zurückgeworfen. In "Was ihr wollt" aber geht es um Sein und Schein, um Täuschung, Verwechslung, Uneindeutigkeit: Da wird sich verkleidet, versteckt, in die Falschen verliebt, in die Falle gelockt, was das Zeug hält.

Doppelte Travestie mit Slapstick-Dichte

Im Mittelpunkt Viola, eine Frau, die sich als Mann verkleidet hat, aus Selbstschutz, um dem Herzog dienen zu können. Christian Weise treibt die Travestie noch weiter: Er besetzt alle Rollen mit Männern, auch die weiblichen - wie es bei den Kollegen im Jahre 1602, als "Was ihr wollt" uraufgeführt wurde, gang und gäbe war. Die doppelte Travestie macht das geschlechtliche Kuddelmuddel perfekt: Viola ist ein Mann, der Mann und Frau nur spielt.

Auch der melancholische Vorspann täuscht: Ihm folgt ein rasanter Theaterabend, mit einer ungeheuer schnell getakteten Slapstick- und Pointendichte, mal grob boulevardesk, mal liebevoll im Detail. Immer mit Spielwucht und voller Überraschungen. Drei Stunden Theater ohne Längen. Selbst ins finale Lied des Narren "Und als ich ein winzig Bübchen war" wird noch eine Pointe hineingehauen: Dienstmagd Maria läuft mit dem Junker Rülps auf dem Arm durchs Bild, der ein Brautsträußchen ins Publikum wirft, während beide hysterisch vor sich hingiggeln.

In Cranachs Paradies

Gespielt wird auf einer minimalistisch schwarzen, rechteckigen Fläche, die im Hintergrund durch Projektionen auf die Schiebewände erweitert wird: Julia Oschatz hat Gemälde von Botticelli und Cranach wirkungsvoll videoanimiert. Ständig wird das Geschehen ironisch kommentiert: In Cranachs Paradies segeln träumerisch Blätter hernieder, wenn Gräfin Olivia ihren Trauerschleier hebt, um dem geliebten Cesario alias Viola ihr schönes Gesicht zu präsentieren, später fliegt Amor durchs Bild und schießt seine Pfeilchen, und am Ende sind die Protagonisten selbst Teil des Paradieses, wo sie nackend Ringelreihen tanzen und Liebe machen. Jens Dohle am Synthezizer und E-Piano und als Geräuschemacher sorgt für witzige musikalische Pointen und die Begleitung der Lieder.

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"Was ihr wollt" © Cecilia Gläsker

Durch die erweiterte Travestie zentriert Weise Shakespeares Liebeskummerkomödie auf die Komik und ihre spielsüchtige Seite. Man sieht den Darstellern an, dass sie sich mit Haut und Haar der Sache verschrieben haben. Grandios Martin Leutgeb in einer Doppelrolle: als Orsino schwermütig, schwerfällig, männlich, und als Olivias Dienstmädchen Maria eine schlaue Schlampe mit verrutschter Perücke, füllig, aber behände, haarig, aber herzig. Zum Totlachen, wie Leutgeb Maria eine gewisse elefantöse Zierlichkeit verleiht, sie zwischen mädchenhafter Koketterie und verdorbenem Draufgängerinnentum lavieren lässt.

Überlebenskämpfer am Abgrund

Selbst an der Klappe der Hausbar scheitert Johannes Benneckes prollig-berlinernder, notgeiler, durch ständige Alkoholzufuhr schwer koordinationsgestörter Junker Rülps, der während seiner grotesken Stolperpirouetten auch mal kurz auf die Bühne kotzt. Cornelius Schwalm als dümmlicher, schlaksiger, ständig hysterische Lachsalven herausdonnernder Junker Bleichenwang tanzt herrlich zappelnd-virtuose Luftsprünge, Sebastián Arranz' bartschattige, aber zierliche und wunderschöne reiche Gräfin Olivia betört durch Eleganz, kokette Augenaufschläge und spanisch-melancholische Gesänge in schwarzem Flamencokleid.

Boris Koneczny spielt den Narren als einen Überlebenskämpfer am Abgrund, gelegentlich weltweise, aber meistens grob, depressiv oder gar gewalttätig. Einer, bei dem man nie genau weiß, woran man ist. Und dem Mobbingopfer Malvolio verpasst Michael Stiller schmierigen Berlusconi-Charme. Ihm gelingt an diesem Abend wohl die subtilste Komik bei gleichzeitiger Nähe zur Tragik: Am Ende ist das Mitleid auf seiner Seite.

Beklemmender Augenblick der Entblößung

Die große Qualität von Weises Inszenierung ist, dass sie ihr Tempo bis zum Schluss hält. Sie steigert sich nach der Pause durch virtuos-knochenbrecherische Fecht- und Prügelszenen, bei denen auch ganze Bretter auf Köpfen zertrümmert werden – sehr akrobatisch hier Toni Jessen als Violas Zwillingsbruder Sebastian.

Für die reflektierenden Augenblicke sorgt im Karussell der Liebeswirren vor allem Lukas Rüppel als Viola: Sein doppeltes Spiel, das auch eigene Verwirrung und innere Zerrissenheit zur Folge hat, die in einer mitreißenden Interpretation des Prince-Songs "Purple rain" Entladung finden, geht unter die Haut. Und in seiner finalen Rückverwandlung in eine Frau – flugs entkleidet er sich und klemmt sein Gemächt zwischen die Beine –, in dieser krassen Entblößung zeigt sich plötzlich die ganze Zerbrechlichkeit, Gefährdung und Einsamkeit des Menschen – ein erschütternder, zutiefst beklemmender Augenblick inmitten des Klamauks.

Was ihr wollt
von William Shakespeare
deutsch von Frank Günther
Regie und Bühne: Christian Weise, Raum: Jo Schramm, Kostüme: Katharina Müller, Musik: Jens Dohle, Video: Julia Oschatz, Dramaturgie: Christian Holtzhauer.
Mit: Sebastián Arranz, Johannes Benecke, Boris Burgstaller, Jens Dohle, Toni Jessen, Boris Koneczny, Martin Leutgeb, Michael Stiller, Lukas Rüppel, Cornelius Schwalm.

www.staatstheater.stuttgart.de/schauspiel


Mehr zum Regisseur Christian Weise finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Christian Weise inszeniert Shakespeare so authentisch übermütig, "als säßen wir im Globe Theater und nicht in der Box in der Türlenstraße, wo man durchs Fenster die Züge in den nächtlichen Hauptbahnhof ein- und ausfahren sehen kann", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.11.2010). Die sparsam, aber durchaus phantasievoll eingesetzten Requisiten gehören zu einem Illusionstheater der billigeren Sorte: " Eine Sprühflasche macht den Regen, der Musiker das Geräusch von Schritten auf Kies, Feste übernimmt das Vogelgezwitscher." Dafür werde das Stück fast ungekürzt gegeben, mit allen Fecht- und Kampfsportszenen, traurigen Liedern, schamlosen Späßchen und Slapsticks. "Das Schönste an diesem Abend", so Halter, seien zweifellos die Video-Kulissen. Alte Paradiesbilder von Botticelli bis Cranach werden heiter ironisch animiert, "ein surrealistisches Such- und Wimmelbild wie von Max Ernst oder Dalí, das dem weniger subtilen Treiben auf der Bühne immerhin einen altmeisterlich verspielten Rahmen gibt."

Christian Weise knüpfe an die historische Aufführungspraxis an, indem er alle Rollen mit männlichen Darstellern besetze, "ohne die Verkleidungs- und Verwechslungskomödie zur bloßen Homo-Sause zu erwärmen", schreibt Martin Mezger (Esslinger Zeitung, 25.11.2010). Und damit gleich klar sei, "dass hier Rollen-Männlein wie -Weiblein Schöpfung der Herren sind, marschiert die Schauspielmännerriege zu Beginn in paradiesischer Nacktheit auf - vor dem wenig paradiesischen Fensterblick aufs nächtliche Stuttgart-21-Areal". Das Motiv vom verlorenen Garten Eden korreliere freilich mit dem Inhalt, denn Shakespeares Illyrien. Dass es Weise nicht nur "um - und gegen - strikte Geschlechter-Ordnung geht, sondern Identitätszwänge schlechthin", zeigt er, "indem er die Rolle der um ihren Bruder trauernden Olivia von dem argentinischen Schauspieler Sebastián Arranz spielen lässt". Der spanische Muttersprachler bringe "ein irritierend fremdes kulturelles Identitätsmuster ins Spiel, um es zur Disposition zu stellen". Letztlich feiere "Weises Delirienillyrien" die "träumerische Utopie aufgehobener Ordnungen, ihre Auflösung in eine Harmonie spielerischer Identitätswechsel, wo Rollenfixierungen nichts mehr zählen, weibliche Seelenanteile im Manne zulässig sind". Und so gerate "die Anarchie vor der Harmonie zu einer lauten, lustigen, prall theatralischen und absolut sehenswerten Show".


Thomas Rothschild schreibt in der Stuttgarter Zeitung (25.11.2010): In der Shakespeare-Zeit habe man "einen Mann, der eine Frau spielt, die einen Mann spielt" auf der Bühne gesehen. Für die Genderforschung heute ein "gefundenes Fressen", auch für heutige Regisseure? Obwohl der "Klamauk" drohe "funktioniere es größtenteils" in Christian Weises Inszenierung. So "komplex" wie Shakespeares Malvolio, dem man den Spott gönne und doch bemitleide, würden heutige Komödienfiguren kaum noch entworfen, die Stuttgarter aber hätten mit Johannes Benecke als Tobias Rülps, Cornelius Schwalm als Christoph von Bleichenwang, Boris Koneczny als Narr und Martin Leutgeb ein "prächtiges Komikerquartett zur Verfügung". Michael Stiller als Malvolio sei "köstlich", Lukas Rüppel bewältige die schwierige doppelte Geschlechtsverwandlung als Viola und Sebastian "virtuos".

In den Stuttgarter Nachrichten (25.11.2010) schreibt Armin Friedl: Das Gegenlicht der gewaltigen Straßenlaterne in der brachlandschaft von Stuttgart 21 sorge dafür, dass man am Beginn von den nackten Männern nicht allzu viel sähe. In Christian Weises Inszenierung ging es "heftig zur Sache". Am auffälligsten sei, dass die Frauenrollen von Männern gespielt würden. Der "frisch von der Schauspielschule Gekommene" Lukas Rüppel mache das ls Viola "sehr souverän", aber "auf Details" komme es auch "nicht so sehr an". Da sei das lärmende Trio Johannes Benecke, Cornelius Schwalm und Boris Koneczny vor, "ergänzt durch Martin Leutgeb". Sebastián Arranz sei eine "wirklich betörende Olivia", die auch im Flamencokleid eine gute Figur mache. "Dieser Shakespeare ist zum einen ganz derb, später aber auch ganz poetisch und sinnlich."

 

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