Zum Straucheln brauchts den Strauch nicht

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 27. November 2010. "Ich arbeite letztlich an der Glaubwürdigkeit", erklärt Michael Jackenkroll in einer der ersten Szenen. Leute wie er stehen normalerweise nicht auf der Bühne, nicht mal im Programmheft. Er ist Sprecherzieher. Einmal in der Woche, so erfahren wir, kommt er nach Graz und arbeitet mit den Schauspielern: einer der unbedankten Berufe im Theater, mit wenig Chance, vom Publikum wahrgenommen und je mit einem Gesicht verknüpft zu werden. Der Schauspieler hat in der Hinsicht entschieden bessere Karten.

Aber halt. Wir haben uns ja nicht ins Beruferaten verirrt, auch wenn diesmal Herr Jackenkroll eine der beiden Hauptfiguren ist. Mit der typischen Handbewegung täten wir uns auch schwer in seinem Fall. Der 1979 in Basel geborene Regisseur Boris Nikitin will uns mit seinem auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses uraufgeführten Bühnen-Essay "Der Fall Dorfrichter Adam" mitnehmen auf eine Reise ins pulsierende Herz (oder womöglich in die schwarze Seele) des Theaters. Was ist schon wahr von dem, was wir dort sehen, erfahren, was uns mit Übereifer eingebläut oder wohlmeinend mitgegeben wird?

Steine, Anstösse, was jeder in sich trägt

Zwei Leute (der zweite ist der Schauspieler Gustav Koenigs) fangen ganz unbefangen an, über sich zu reden. Wie sie das geworden sind, was sie sind. Was sie tun im Theater. Wann und wobei sie sich gut oder nicht ganz so gut fühlen. Daraus wächst eine scheinbar alltägliche Arbeits-Situation, man feilt an den ersten Sätzen aus dem "Zerbrochnen Krug".

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Wer bist du, Adam? © Lupi Spuma

Da wird also Dorfrichter Adam gefragt, was ihm passiert sei. Und der antwortet mit gefinkelter Aufrichtigkeit: Gestrauchelt sei er. Rhetorische Finte: "Ist ein Strauch hier?" Den braucht es nicht, denn "jeder trägt den leid'gen Stein zum Anstoß in sich selbst". Alles wäre schon offenkundig, würde der Gerichtsdiener Licht seinen Chef bloß beim Wort nehmen. Aber das Wort ist trügerisch und schlüpfrig. Die Sprache, "sie kann unser Inneres nicht malen", hat Kleist geschrieben. Eher unförmige Kleckse und Patzer also rund um die Fläche, die eigentlich zum Wort-Bild werden sollte?

Wie ein Lügendetektor

Aus ein paar Partikeln nur besteht der anregende achtzigminütige Dialog auf nackter Spielfläche, der in Graz uraufgeführt wurde. Immer wieder heben die beiden an mit ihren eigenen Lebensgeschichten, und die Biographien verändern sich zusehends. Ist die Variante eins oder eine der Abwandlungen wahr? Warum sind wir bereit, eher der einen oder doch der anderen Variante zu glauben? Wieso erzählen die beiden überhaupt so viel von sich, wo sie doch offenbar zusammengekommen sind, um eine Szene zu proben? Wie ist das mit der Rolle und dem Menschen dahinter?

Raffiniert verschränkt entwickelt sich ein beinah ins Philosophische schraubender Diskurs, der doch immer ganz nahe am (Theater)Leben bleibt, greifbar scheint und sonnenklar, wie von Bühnenscheinwerfern beleuchtet. Es sind aber bloß Neonröhren, und die flackern manchmal wie Lügendetektoren.

Win-win-Situation für alle

Sprecherzieher und Schauspieler, "zwei Experten für glaubwürdiges Verstellen verhandeln ihren Fall" - so trocken klingt das auf dem Programmzettel. Tatsächlich wird man hineingezogen in ein raffiniertes Text-Elaborat aus Hintergründigkeit und feinem Humor. Man darf schon auch schmunzeln, wenn der Schauspieler bündig erklärt: "Ich habe etwas davon gehabt und das Publikum auch - eine Win-win-Situation."

Einmal brennt sogar ein Notlicht durch und der Erste-Hilfe-Kasten explodiert. Und ein andermal kommen die beiden ins Raufen, während sie sich immer und immer wieder die eine Theaterszene gleichsam um die Ohren hauen. Es steckt eben viel energetisches Potential drin, wenn man sich mit Kleist und einem diskurs-freudigen Regisseur und Stückerfinder wie Boris Nikitin einlässt auf eine Betrachtung von Sprache und ihrer (Un)Schärfe. Das Premierenpublikum war begeistert, aber es waren natürlich viele theaternahe Menschen in der Aufführung. Wirkt der Abend auch auf weniger bühnenkunst-affine Menschen? Das müssen die Folgeaufführungen zeigen.


Der Fall Dorfrichter Adam
Regie und Konzept: Boris Nikitin, Bühne und Kostüme: Matthias Meppelink, Dramaturgie: Regula Schröter.
Mit: Gustav Koenigs und Michael Jackenkroll.

www.schauspielhaus-graz.com

 

Mehr zu Boris Nikitin: Seine Arbeiten "F wie Fälschung" und "Woyzeck" waren zum Impulse Festival 2009 eingeladen, wo er und der Schauspieler Malte Scholz mit dem Dietmar N. Schmidt-Preis ausgezeichnet wurden.

 

Kritikenrundschau

"Ehe sich 2011 der Todestag Heinrich von Kleists zum 200. Mal jährt, haben Ensemblemitglied Gustav Koenigs, Sprecherzieher Michael Jackenkroll und Regisseur Boris Nikitin einen Abend entwickelt, der sich als Kleinod erweist", so Christian Ude in der Kleinen Zeitung (29.11.2010). "Was dürfen wir dem 27-Jährigen glauben (dem Schauspieler Gustav Koenigs), wo hört die Privatperson auf, wo beginnt das Schauspiel? Und was hat das mit Kleist zu tun?" - diese Fragen stelle der Abend, auf den man sich einlassen müsse, aber der Gustav Koenigs einmal mehr als hochbegabten Künstler auszeichne, "der hell leuchten und zugleich dunkel schimmern kann - und in Jackenroll einen kongenialen Partner fand. Frenetischer Applaus für das Duo."

 

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