Einzelschicksale, Generationskonflikte, Wertedebatten

von Bernd Mand

Heidelberg, 3. Dezember 2010. Die Familie also. Die Familie als lebender Beweis dafür, dass zwischenmenschliche Angelegenheiten nicht ganz so leicht zu verhandeln sind, wie der Einkauf neuer Wandfarbe. Dieser Mikrokosmos, den wir auf die eine oder andere Art ein Leben lang mit uns herumtragen müssen, steht hier hell ausgeleuchtet auf der Bühne im Heidelberger Zwinger 1. Die Würzburger Autorin Eva Rottmann hat sie dort nämlich abgestellt. Beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt erhielt die Absolventin der Zürcher Hochschule der Künste mit ihrer Arbeit "Unter jedem Dach (ein Ach)" den Publikumspreis und Dominique Schnizer inszenierte jetzt die Uraufführung im Theater unter dem Schlossberg.

Auf leicht erhöhtem Podestboden wird im offenen Theaterraum die Geschichte einer Familienzusammenführung erzählt, die für keinen der Beteiligten so richtig nach Plan läuft. Schon der Anlass ist kein Grund zur Freude. Es ist die Beerdigung ihrer Mutter, die Franziska und Max zurück in die Provinz an den elterlichen Hof bringt. Kaum angekommen, entdecken sie, dass ihre Schwester Christine, die den Vater bislang versorgte und die Mutter bis zuletzt gepflegt hat, verschwunden ist. Nur eine ausführliche Anleitung zur Versorgung des alten Vaters hat sie für ihre ratlosen Geschwister hinterlassen, die sich längst ihr Leben in Ferne eingerichtet haben, während Christine in der alten Heimat zurück geblieben war.

Lakonisches Fragmentspiel zwischen den Zeiten
In knappen Sätzen lässt Rottmann ihre Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählen. Rückblicke zeigen die älteste Schwester und den Vater in einseitigen Gesprächen mit der kranken Mutter, die fast schon an Selbstgespräche erinnern, während Franziska und Max in unfertigen Dialogfetzen über ihre neue Lage nachdenken. Immer wieder scheint es dabei so, als würden den Menschen hier schlicht die Worte fehlen.

Eva Rottmanns Text gibt sich oberflächlich betrachtet als lakonisches Fragmentespiel, das Zeiten und Perspektiven im steten Wechsel gegenüberstellt. Und doch schafft die sprachliche Knappheit nicht mehr als ein grobes Bild der vier Protagonisten in kontraststarkem Schwarz und Weiß, aus dem auch Schnizers Regiearbeit sie nicht befreien kann. Susanne Buchenberger und Bastian Semm stecken als Franziska und Max fest in der Uniform des zeitgenössisch entwurzelten Großstadtmenschen. Auf der anderen Seite stehen Christina Dom als Christine und Ronald Funke als Vater, die in teils unerträglicher Einfachheit gezeichnet werden. "Das ist so ein Gewürz aus Indien" erklärt Christine ihrem Vater beim Essen die neuerliche Zutat, die der Sohn der Nachbarin aus der großen Welt mitgebracht hat.

Schwerfällig und klischeefreudig werden die beiden Lebensräume gegenübergestellt. Dominique Schnizer behält in seiner Inszenierung alle vier Darsteller ständig im Spiel und lässt die verschiedenen Zeitebenen immer wieder in einander fließen. Wenn sich hier alle vier am Tisch versammeln und doch getrennt von einander in ihrer Geschichte verharren, dann entstehen mitunter zwar kräftige Bildsequenzen, doch können sie dem rigiden Wortraster nur wenig entgegensetzen.

Schwere Tristessebrocken
Trocken und schleppend verstreichen daher die anderthalb Stunden unter kaltem Licht in der reduzierten Bühneneinrichtung von Christin Treunert. Zwischen Esstisch und elterlichem Doppelbett steht das Ensemble recht verloren in einer Geschichte herum, die sich selbst nicht sicher zu sein scheint, warum man sie erzählen sollte. Daran können auch die zahlreichen, kurz angerissenen Konflikte auf der Bühne nichts ändern.

Christines Überforderung und Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, die Angst der Geschwister vor der neuen Verantwortung oder die Entdeckung des Vaters, dass Christine das Kind eines anderen ist – alles wird zu einem schweren Tristessebrocken zusammengebaut, an dem man nicht einmal anfangen möchte zu kauen. Schnell wird einem klar, dass die nüchterne Textvorlage wirklich keinen Spaß versteht und somit gerät die stereotype Familiengeschichte zu einem befindlichen und faden Aufguss eines alten Themas. Hilflos und wenig reflektiert stolpert Rottmanns Stück dabei zwischen Einzelschicksalen, Generationenkonflikten und Wertedebatten herum. Schön mit anzusehen ist das nicht.

 

Unter jedem Dach (ein Ach)
von Eva Rottmann
Regie: Dominique Schnizer, Bühne & Kostüme: Christin Treunert, Dramaturgie: Julia Reichert & Jan Linders.
Mit: Christina Dom, Bastian Semm, Susanne Buchenberger, Ronald Funke.

www.theaterheidelberg.de

 

Der Publikumspreis des Heidelberger Stückemarktes war der einzige Preis, der 2010 vergeben wurde. Denn die Jury konnte sich in diesem Jahr für keinen Preisträger entscheiden, was u.a. ein Protestschreiben der eingeladenen Autoren provozierte, den auch die 1983 in Würzburg geborene Dramatikerin Eva Rottmann unterschrieb.

 

Kritikenrundschau

Eva Rottmann verrate "schon zu Beginn mit manieriert wirkenden Einwortsätzen und lakonischen Statements, dass sie uns die Sprachlosigkeit zwischen den Familienmitgliedern quasi didaktisch um die Ohren schlagen will", meint Christian Gampert auf Deutschlandradio Kultur (3.12.). Eva Rottmann habe aber "leider nicht die Mittel, dieses wunschlose Unglück dramaturgisch interessant zu machen. Es gibt viele gute Ansätze, die aber nicht wirklich ausgeführt werden." Und leider sei auch "der ländliche Kosmos, in dem all das stattfindet, nicht ausreichend beschrieben - ein wenig mehr Kroetzsche Enge hätte, auch sprachlich, nicht geschadet." Dominique Schnizer lasse zuerst "die ganze Alterstristesse dieses Stücks zeitlupenhaft ausspielen; die Schwächen des banalitätenlastigen Texts werden dadurch nur umso sichtbarer. Allerdings gelingt es Schnizer mit zunehmender Spieldauer, einzelnen Figuren einiges abzugewinnen". Und er rette die Uraufführung, "indem er zum Ende hin eine atmosphärisch immer dichter werdende Grabesstimmung inszeniert."

Eva Rottmanns Stück führe vor Augen, wie sehr man in einer Familie "auch gemeinsam einsam sein" könne, schreibt Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (6.12.2010). Dominique Schnizer erzeuge "durch harte Montage von vergangenen und gegenwärtigen realen wie auch von Traum- und Sehnsuchtswelten zwar einen multiperspektivischen Blick auf das nur vordergründig schlichte Tableau des Landlebens, aber dem dargebotenen Geschehen fehlt doch der innere Spannungsbogen." Schweige-Strecken führten "nicht selten zu Längen", und auch "die guten Schauspielerleistungen ändern nicht den Gesamteindruck: Die Konfliktsituation der sehr irdischen Familie wird zwar klar umrissen, aber sie berührt nicht wirklich."

Zunächst befindet Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (9.12.2010), es sei "kein großes Stück" – um es danach umso nachdrücklicher zu loben. Beim Heidelberger Stückemarkt sei es "in aller 'Ach'-Seligkeit" vorgelesen worden, "in Weh-Moll. Mit viel Pedal." In der jetzigen Uraufführung sei das Stück "zu seinem Vorteil verändert: das "Ach" wurde nicht nur im Titel gestrichen. Die Sentimentalitäten sind weg. Die Gefühle bleiben." Der junge, mutig nüchterne Regisseur Dominique Schnizer (...) macht aus dem Bauern einen König". Es gelte nun also "keine Klischeefamilie (...) zu entlarven, sondern eine Königsfamilie (...) zu bestaunen", mit Ronald Funke als grünem König Lear "im tabletten- und schnapsdurchtränkten Gefühlseispanzer, der fassungslos und wutstur seinem verlorenen Reich nachtrauert - und seiner toten Königin". Christina Dom spiele "mit dem Strahlen eines Aschenbrödels, das zur Prinzessin wird", "ganz aus der Zuneigung zu dieser kleinen, wunderschön unglücklichen Figur. So liebevoll und zuneigungsgewitzt wie der ganze Abend."

"In schnellem Wechsel springt die Handlung zwischen den Ebenen: dem Warten auf die Beisetzung; den Rückblenden auf Christines Alltag mit der todkranken Mutter; ihrem möglichen Schritt in ein neues Leben", beschreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (10.12.2010). "Mit den Zeitebenen verschränken sich die Handlungsstränge, ein Blick wechselt aus der einen Geschichte in die andere, ein Wort bleibt zwischen beiden hängen." Rottmann kreiere einen Mikrokosmos des Totschweigens und Verdrängens. "Wie die Stückvorlage wirkt auch Schnizers Inszenierung stellenweise unentschlossen, ob die Figuren nun bewusst als Stereotype konstruiert sind". Fazit: Die stärksten Momente des Abends blieben die formalisiert-überzeichneten, die ohne Geschrei auskommen.

 

 
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