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Gefährliche Liebschaften mit dem ausgesetzten Kind

von Kai Krösche

Wien, 9. Dezember 2010. Irgendwas stimmt von Beginn an nicht. Zu glatt, zu hilfsbereit und schleimig kommt dieser Mann, Anfang 40, daher, wenn er der alten, reichen Cléo zuerst die Hütte am See abkaufen möchte, dann plötzlich eine vermeintliche Verschwörung des gesamten Dorfs gegen sie wittert und sie schließlich ausgerechnet mit einer gemeinsamen Heirat vor den fiesen Erbschleichern zu retten sucht. Nein, dieser personifizierten Midlife-Crisis mit ihren neu-spießbürgerlichen Ansichten und Sehnsüchten nach freier Entfaltung in der Natur, weit weg von den ihr unerträglichen Gegebenheiten einer Arbeitswelt, die ihr nur Geld und dabei zu wenig Selbstverwirklichung bietet - diesem Kerl in seinem schicken Anzug und dem lässigen, offenen Hemd mag man einfach nicht so recht die ehrliche Hilfsbereitschaft abnehmen.

Unterschwellig getrieben, stetig mit den Händen fuchtelnd verkörpert Alexander Pschill diesen "Martin Solberg" - immer auf der zwiespältigen Grenze zwischen undurchsichtigem Charmeur und aufrichtigem Helfer. Nicht weniger von Unruhe durchtrieben seine Gegenspielerin: Ulli Maier als die 85jährige Cléo, vergeblich umhersuchend nach etwas Unbestimmtem, voll unterdrückter Sehnsucht nach einem anderen Leben, für das sie keine Zeit mehr hat, dessen Möglichkeit sich dennoch in dem plötzlich in ihr Leben tretenden Gast widerspiegelt: Ja, etwas Spannendes brodelt da auf der Bühne des Theaters in der Josefstadt, etwas Uneindeutiges, schwer Zuordenbares brodelt.

Und brodelt und brodelt

Doch so richtig was aufbrechen will nicht in "Kap Hoorn", dem neuen Zwei-Personen-Stück des 46jährigen Autor-Regisseurs Igor Bauersima (der sich 2006 mit seinem mäßig gelungenen "Boulevard Sevastopol" am Akademietheater für vier Jahre aus Wien verabschiedet hat). Die stillen und zugleich besten Augenblicke des Stücks sind rar. Wohingegen sich die ständigen Gespräche zwischen der alten Frau und dem mitteljungen Mann in langen zweieinhalb Stunden umso mehr im Kreis drehen.

Mögen Martins Verdächtigungen anfangs noch spannend sein, entpuppen sie sich schon bald als zu fundiert, um noch wirklich skeptisches Rätseln aufzugeben. Dabei sind die endlosen und gezwungen die Geschichte vorantreibenden Gespräche aber zu dominant, um als reines Vehikel für Enthüllungen tieferer und ernstzunehmender Sehnsüchte der beiden Figuren zu dienen: Selbst wenn Cléo ihr finsterstes Geheimnis enthüllt - nämlich, dass sie ihren Sohn kurz nach der Geburt einfach ausgesetzt hat - dann kommt das nicht nur viel zu bemüht und kaltlassend daher.

Reden als Vehikel

Für den aufmerksamen Zuschauer ist da schon klar, dass es sich bei Martin um diesen Sohn handeln muss (schließlich wurde er adoptiert, wie er sehr früh schon beiläufig äußert). Und klar: Es dauert zwar noch was, aber schlussendlich kommt's dann doch raus, natürlich erst nach der Heirat zwischen Mutter und Sohn, wenn die enttäuschte Cléo Martin in besagter Hütte einsperrt und diese in Brand setzt (dann wiederum lodert's und lodert's und lodert's). Das bewusst uneindeutige Ende, das das zuvor Gesehene als vielleicht nur imaginierte Phantasie Cléos in Frage stellt, verleiht dem Ganzen dann auch nicht mehr Witz.

Dabei hätte "Kap Hoorn", zumindest lässt sich das Andeutungen im Programmheft entnehmen, vielleicht das Potential gehabt, eine spannende Reflexion über Fragen nach dem Begriff eines "erfüllten Lebens" und dem Wert von Besitz und Reichtum, über Lebenskonzepte und verpasste Chancen zu werden. Doch die interessanten Ansätze zerbröckeln in der allzu konstruierten und dafür dann wieder zu konventionell dahinplätschernden "Story", die dramatischen Musikeinspielungen (Rachmaninov und Mahler) und die zwar gut gemachten, aber schlussendlich doch nur stimmungsvoll bebildernden oder naturalistisch-raumdefinierenden Videoprojektionen auf der einfachen (Dreh-)Bühne vermögen das Schauspiel lediglich zu untermalen, anstatt ihm neue Dimensionen abzugewinnen.

Allzu glaubwürdige Maske

Um einen interessanten Ansatz bringt sich Bauersima selbst, wenn er seine im Programmheft formulierte Idee, die Rolle der 85jährigen Cléo mit einer "viel jüngeren Schauspielerin" zu besetzen, verwirft - und stattdessen die zwar erst 53jährige, aber dank perfekter Maske und tattriger Stimme zur überaus glaubwürdigen (und dann aber eben doch wieder nur gespielten) alten Dame transformierte Ulli Maier besetzt und damit jedwede Reibung zwischen Schauspieler und Rolle unsichtbar macht.

Durch Verzicht auf ein solches psychologisches Sprechtheater und einen freieren Umgang mit dem Text hätte tiefer gegraben werden können. Bleibt also noch zu hoffen, dass eventuelle künftige "Kap Hoorn"-Inszenierungen einen radikaleren Weg einschlagen. Derart in Konvention erstickt, kratzte die Wiener Uraufführung allenfalls an einer so unterhaltsamen wie handwerklich einwandfreien, leider aber folgenlosen Oberfläche.

Kap Hoorn (UA)
von Igor Bauersima
Regie und Bühnenbild: Igor Bauersima, Kostüme: Johanna Lakner, Video: Georg Lendorff, Dramaturgie: Silke Ofner. Mit: Ulli Maier, Alexander Pschill.

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

"Das Schauspiel dauerte sehr lange. Leider." seufzt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (11.12.2010). Nach zehn Minuten ahnt Mayer, wohin die Sache führen wird. Nach dreißig Minuten weiß man er es dann. Er hofft noch auf ein, zwei weitere Verwicklungen. Umsonst. Denn "danach läuft diese konstruierte Geschichte ganz nach angeblicher Bühnenlogik ab, so glatt, dass sie glatt enttäuscht. Tod, Hochzeit, das Geständnis der Kindesweglegung und eine aberwitzige Brandstiftung steigern sich zu einem Melodram. Doch dieser Kontrapunkt kommt zu spät, um den textlastigen Abend noch zu retten." Seinen Hut ab nimmt der Kritiker jedoch vor der Leistung von Ullli Maier.

Eher zu Unrecht hat Igor Bauersima aus Sicht von Martin Lhotzky von der Neuen Zürcher Zeitung (11.12.2010) seine Rückkehr auf die Bühne mit viel Geheimniskrämerei aufgeladen. Denn sein "Kap Hoorn", trotz "wohl bei Hitchcock entlehnten" Wendungen, findet der Kritiker recht flach geraten. Schon die aufdringliche Untermalung mit Musik, "die hauptsächlich von Rachmaninow stammt, aber auch in einem Suspense-Thriller gut Platz fände", stört ihnsehr. Auch mit der Logik des Plots scheint es zu hapern. Und die Rückkehr der Schauspielerin Ulli Maier an cen Ort ihres Karrierestarts vor 30 Jahren scheint Lhotzky nicht wirklich gelungen, der darüber hinaus bedauert, "dass Bauersima nicht den Mut aufbringt, das eigene Stück zu straffen. Eine knappe Stunde weniger hätte der Aufführung gutgetan und eine gelungene Komödie gebracht. So aber erhaschen die bunten und bewegten Szenenwechsel (die Josefstadt ist wirklich stolz auf ihre Drehbühne) mehr Interesse als der Fortgang der gedehnten, an einen Arztroman erinnernden Handlung."

"In einer Welt, die das Illusionistenhandwerk den Beamern (Lichtprojektoren) anvertraut, kann nur ein Schmalspurdramatiker wie Igor Bauersima reüssieren," schreibt Ronald Pohl im Wiener Standard (11.12.2010). Bauersimas Zwei-Personen-Stück Kap Hoorn sei ein arg umschweifiges Fortsetzungsdrama "zu allen Mutter-Sohn-Stücken, deren Wurzeln im Quark der Atriden vergraben liegen." Hier nun sieht der Kritiker bald alle Handlungsstränge auf die "erwartbare ödipale Katastrophe" zulaufen. Dabei renommiere das Stück "mit seinem schlechten Plot wie ein minderer Patricia-Highsmith-Roman". Lob gibt es nur für die Schauspieler und die eingespielte Rachmaninow-Musik.

"Es ist ein einigermaßen abenteuerliches Stück-Konstrukt, mit dem sich der Schweizer Igor Bauersima am Theater in der Josefstadt Wien als Dramatiker zurückmeldet", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (29.12.2010): "ein textlastiger, in den Dialogen oft hölzerner Psychothriller mit etlichen Erbschleicher-Verdachtsmomenten und abgezirkelten Suspense-Pirouetten auf dem Boulevard des gepflegten Salontheaters – und mit merklichen Anleihen bei Hitchcocks 'Rebecca'". Bauersimas Regie sei erstaunlich betulich, länglich und konventionell, nur die zwei Schauspieler seien stark: "Alexander Pschill spielt einen so verständnisvollen Sympathieträger der Marke 'too good to be true', dass man schon deshalb dran bleibt, weil man immer nach dem Haken sucht. Und wie die famose Ulli Maier – bis zur Unkenntlichkeit auf alt getrimmt – die schroffe, eigenbrötlerische Cléo spielt, ist eine reife Leistung."