Das erträgliche Leben im unerträglichen

von Willibald Spatz

München, 11. Dezember 2010. Sie hatten alle eine fette Vergangenheit, aus der sie gern etwas in ihre Gegenwart hinüberretten wollten, die alten Menschen in "Der einsame Weg". Zumindest glauben sie, dass früher alles möglich war, dass es möglich war, alles richtig zu machen, und sie glauben, dass sie in der Gegenwart nur noch den Schlamassel, in dem sie stecken, verwalten können. Daneben gibt es noch die jungen Leute, die theoretisch noch etwas richtig machen könnten, aber sie bauen auch schon kräftig mit am Haus der Selbstlügen.

Tanz auf dem Altar

Da ist zum Beispiel Johanna, die bei ihrer schwerkranken Mutter blieb bis zum Tod und womöglich weiter daheim bleibt bei ihrem Vater und dabei weiter träumt vom Weggehen und von den Verheißungen der Welt da draußen. Bei Stephanie Leue ist sie ein ungelenkes Indie-Girl, das ihr Gegenüber misstrauisch und krumm anstiert. Es gibt einen Moment, in dem sie sich unbeobachtet fühlt, vor dem Traueraltar ihrer Mutter, da traut sie sich zu tanzen, ihr Inneres in Bewegung und zum Ausdruck zu bringen.

Die Musik, die dazu läuft, ist "Hurt", in der Version von Johnny Cash ein zu hundert Prozent wirksamer Große-Gefühle-Erzeuger. Dabei geht man normalerweise nicht ab: Johanna macht es, sie wälzt sich auf dem Boden, in ihr steckt so viel Unterdrücktes, so viel Sehnsucht. Und auch so viel Unschuld, dass man beinahe laut aufschreien möchte, als sie sich dem Schriftsteller Sala zum Kuss an den Hals wirft. Ausgerechnet diese, von Christian Nickel toll aufgeblasene Null, dieser Lackaffe verkörpert für Johanna alles, wonach sie sich sehnt, weil er wegreisen wird mit einer Expedition, auf der sie eine antike Stadt ausgraben wollen.

Leere Zimmer, Ankommen oder Aufbrechen?

Jens-Daniel Herzog findet in seiner Inszenierung heutzutage mögliche Äquivalente für die Schnitzler-Figuren von damals, er muss dafür den Text nicht verändern oder kürzen. Sie bewegen sich auf der von Mathis Neidhardt eingerichteten Drehbühne in weitgehend leeren Räumen, die bezugsfertig wirken oder die auch eben geräumt sein könnten. An den Wänden hängen Haken für Bilder, unbenutzt. Zimmer, die zu warten scheinen auf jemanden, der sich in ihnen einrichtet.

Tatsächlich sind die Figuren hier ständig am Aufbrechen oder Ankommen, sie schneien kurz herrein, wollen aber bald wieder weg sein. Da ist der Bruder von Johanna, Felix, er ist beim Militär, Jungoffizier. Die Mutter nochmal sehen, bevor sie stirbt, bei der Beerdigung vorbeischauen, den Maler Julian Fichtner um ein Bild bitten, von dem die Mutter an ihrem Sterbetag geredet hat – all das erledigt Oliver Möller in dieser Rolle, ohne sich niederzulassen, ein eifriger Junge, der sich schnell begeistern lässt und seine Aufgaben ernst zu Ende bringt. Das heißt, beim Maler setzt er sich doch hin und raucht eine Zigarette mit, dieser Mann fasziniert ihn irgendwie. Er ist auch, wie er im Lauf des Stücks herausfinden wird, sein leiblicher Vater. Und nach dieser Erkenntnis verachtet er ihn, den leiblichen, und zieht daraufhin bewusst den vermeintlichen und offiziell vollziehenden Vater vor.

Ernste Lage, wenig knallige Effekte

Diese alten Idioten befinden sich seit Jahrzehnten in einem inoffiziellen Wettkampf darüber, mit welcher Lüge sich dieses Leben am schmerzärmsten verbringen lässt. Der inzwischen erfolglose Künstler Julian Fichtner (Götz Schubert) mit lichtem Pferdeschwänzchen, der auf einer Matratze schläft und lebt und seine Habe in Umzugskartons verstaut hält, ist der biologische Erzeuger. Er tritt an gegen den im bürgerlichen Sinne erfolgreichen Professor Wegrat (Rainer Bock), der den Vater nur spielt und lustig mit seiner kranken Frau im Rollstuhl im Wohnzimmer herumdüst, bis der Arzt Einhalt gebietet: Die Lage ist ernst.

Meistens inszenierte Jens-Daniel Herzog in den vergangenen Jahren Musiktheater. Im kommenden Jahr wird er Intendant der Oper Dortmund. Im Schauspiel arbeitet er nur hin und wieder. Zuletzt konnte man von ihm am Residenztheater eine in eine Fernsehshow versetzte "Turandot" – das Stück von Gozzi, nicht die Oper – sehen. Hier beim "Einsamen Weg" bemüht er kaum knallige Effekte: Es gibt zwar zwischen den Akten Lichtwechsel und laute Musik, dazu ein paar hübsche Videoeinspielungen von Philipp Batereau, wenn Johanna eam Ende ertrinkt.

Doch im Wesentlichen setzt er auf seine Schauspieler und tut gut daran. Sie schaffen es, dass einen der Grundpessimismus im Text nicht nervt, sondern dass man beginnt, diese irrenden Menschen zu mögen, ihnen irgendwie helfen zu wollen. Sie sehen vor lauter Ego den anderen nicht mehr, auf den sich einzulassen zumindest ein Option wäre. Stattdessen sind sie lieber tot oder krank oder unglücklich, zumindest in der Version Mensch, die Arthur Schnitzler am liebsten beschrieben hat.



Der einsame Weg
von Arthur Schnitzler
Regie: Jens-Daniel Herzog, Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt, Musik: Chris Weinheimer, Video: Philipp Batereau, Dramaturgie: Georg Holzer. Mit: Stephanie Leue, Barbara Melzl, Ulrike Willenbacher, Peter Albers, Rainer Bock, Oliver Möller, Christian Nickel, Götz Schubert.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr Inszenierungen von Schnitzlers Der einsame Weg: Christian Petzold ließ in seiner Inszenierung im März 2009 am Deutschen Theater Berlin die Echtzeit von Film und Theater aufeinander prallen. Armin Holz inszenierte das Stück im Mai 2007 in Bochum als einen narzisstischen Reigen.

Kritikenrundschau

Ziemlich zackig fertigt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.12.2010) Jens-Daniel Herzogs Inszenierung ab: Sie sei "in der ersten Hälfte ein eisiges Sezieren des Stücks, als läge der Text auf der Couch und würde der Analyse unterworfen." Eine kalte und leere Zimmerlandschaft drehe sich, "unbehaust sind darin die Figuren, Gespräche eine Abfolge von Stichworten". Im zweiten Teil "drängen die Emotionen, auch dank der Musik, nach außen, zwischen schroffem Desinteresse und Weinerlichkeit liegt nur noch ein schmaler Grat." Tholl lobt Rainer Bock, Barbara Melzl und Stephanie Leue, ohne die die Aufführung "bloße Rhetorik" bliebe: "Drei Mal Leben, der Rest ist kalt."

"Wäre da nicht Rainer Bock als stilles Kraftzentrum, müsste man die Aufführung schlichtweg als missglückt abhaken", befindet auch Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (13.12.2010). In Herzogs "klinisch-steriler Inszenierung" herrsche ein kurz angebundener, schroffer Ton: "Feindseligkeit auf der ganzen Linie – wohl gegengebürstet aus Angst vor einem Schnitzlerschen Wiener Konversationston." Illustrative Regie-Einfälle gebe es genug: "Da muss der als Penner ausstaffierte Fichtner bei der Erwähnung von Bergsteigen den Türstock hinaufklettern. Seine frühere Geliebte, eine Schauspielerin, ist immer noch scharf auf ihn: Barbara Melzl spielt die preziöse Halbkokotte, die den Liebhaber sofort frontal sexuell anspringt, überzeugend"


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