Der Teufel schlägt Stalin mit den eigenen Waffen

von Reinhard Kriechbaum

Graz, am 12. Dezember 2010. Das Team ist innig zusammengeschweißt: der ungarische Regisseur Viktor Bodó und seine Dramaturgin Anna Veress, der österreichische Bühnenbildner Pascal Raich, die ungarische Kostümbildnerin Fruszina Nagy und der deutsche Komponist und Arrangeur Klaus von Heydenaber. Mit Peter Handkes Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten waren sie zum Berliner Theatertreffen 2010 und zum Moskauer NET-Festival eingeladen. Kafkas "Schloss", Carolls "Alice in Wonderland", zuletzt Molnárs Liliom – all diese Inszenierungen verbindet die Kombination aus Alltag und Magie, aus spielerischem Ernst und todtraurigem Humor. Solche Geschichten liegen diesem Grüppchen von ambitionierten Fabulierern. Indem Bodó die Grazer Ensemblemitglieder mit Darstellern aus seiner Budapester Szputnyik Shipping Company zusammenbringt, hat er ein schier unerschöpfliches Reservoir an schrägen Typen, komischen Käuzen und tragischen Alltags-Clowns beisammen. Seit fünf Jahren realisiert der 1978 geborene Viktor Bodó jährlich eine Produktion in Graz. In diese Serie fügt sich fugenlos die neue Bühnenfassung von Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" ein.

Skurriles Höllenpersonal im Moskau der Stalin-Ära

"Es bedarf keines Standpunkts, er hat einfach existiert." Kann es einen überzeugenderen Fürsprecher geben für die Existenz Gottes als den Teufel selbst? Sein selbstloser Einsatz für den göttlichen Kollegen im Himmel kommt nicht von ungefähr. Leute, die an jenen nicht glauben, zweifeln bekanntlich auch am Belzebub. Einen fürwahr diabolischen Lacher setzt Franz Solar auf, wenn er mit seinem skurrilen Höllenpersonal das Moskau der Stalin-Ära aufmischt. Dort durfte man zu jener Zeit (der Roman entstand zwischen 1928 und 1940) ja nicht von Gott reden, und das Böse benennen schon gar nicht. Genau so wie der Teufel in Gestalt des schwarzen Magiers Woland Leute zum Verschwinden bringt, so hat es auch Stalin gehalten.

Der Teufel, der in dem Fall das Böse nicht will und das Gute schafft, schlägt das Stalin'sche System mit den eigenen Methoden. Die Zensur hatte Hochbetrieb, als Bulgakows Text auf den Schreibtischen landete.

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"Der Meister und Margarita" © Peter Manninger
Parodistische Effekte, boshafte Ironie

So wie bei Bulgakow der "Meister" einen Roman über Pontius Pilatus (und Jesus) geschrieben hatte, so erging es letztlich auch dem Autor selbst. Aber: "Manuskripte verbrennen nicht" – das weiß sogar der Teufel. Als grandiose Bühnen-Eskapade formt Viktor Bodó nicht nur jene Szene, wenn die gleichgeschalteten Literaturkritiker zusammensitzen und es einzelnen merklich schwer fällt, ihre (gute) Meinung zum Roman zu verbergen. Sehr plastisch arbeitet Bodo die Diskrepanz zwischen Sein-Wollen und Scheinen-Müssen heraus.

Dass die beständige Verstellung im Leben wie auf der Bühne leicht in die Groteske kippt, ist einsichtig. Bodó spart nicht mit grellen, parodistischen Effekten. Die Plakativität lässt nicht selten an Cartoons denken. Aber genau das ist eben die Theaterhandschrift des Ungarn und die passt ganz vorzüglich zu Michail Bulgakows teils boshafter Ironie.

Tiefenscharfe Psychogramme

Die meisten Schauspieler übernehmen fünf und mehr Rollen in dem immens figurenreichen Stück. Das lässt die Typen ineinanderfließen, jene, die sich anpassen, mit dem Strom schwimmen, die Duckmäuser oder die Beinahe-Aufmüpfigen. Köstlich Claudius Körber als Iwan Heimatlos, der in der Psychiatrie landet, weil er zuviel von seiner Begegnung mit dem Teufel erzählt hat. Der "Meister" – Jan Thümer – hat hier freiwillig ein Exil gesucht und gefunden. Hier lebt es sich ungeniert als freier Dichter.

Birgit Stöger ist die zartgliedrige Margarita, die ihr (erfolgreich) subversives Wesen nicht mit Heroinengestus auslebt, sondern mit leise glühender Emphase. Das ist ja auch ein Merkmal von Viktor Bodós Theatersprache: So krass die Figuren gezeichnet sind, so parodistisch und popig Farbe aufgetragen wird: Im entscheidenden Moment entstehen genaue, tiefenscharfe Psychogramme und damit Figuren von hohem identifikationswert für die Theaterbesucher. Der Jubel nach der Premiere fiel entsprechend üppig aus.

Hexensabbat im Scherenschnitt

Auch das Bühnenbild ist ein kleines Bravourstück an Imaginationskraft. Sadowaja 302b, Wohnung 50 – die Adresse gibt's wirklich in Moskau – ist hier eine Raum-Skulptur aus kleineren und größeren schäbig tapezierten Zimmern, verbunden mit vielen Türen und einer steilen Treppe. Oben raucht es heraus aus diesem Zins-Haus, wo es dauernd klopft (das Synonym für das plötzliche Erscheinen des Geheimdiensts). Individuelles Leben ist nur an einem Ort möglich: im Narrenhaus, wo die einzigen "Normalen" ernsthafte, aufrichtige, mutige Gespräche führen.

Als Theater-Faszination schlechthin erweist sich jene Szene, in der sich Margarita als "Ballhexe" des Teufels verdingt: ein Hexensabbat als Scherenschnitt, der noch weitere Wunder des Bühnenbilds offen legt, zugleich eine präzis choreographisch durchgeformte Szene in sagenhaftem Einklang mit der Musik, wie er auf einer Schauspielbühne kaum einmal erreicht wird. Aber das ist ja das Besondere an Viktor Bodós länder- und spartenübergreifender Arbeitstechnik: Wenn da von "Fremden" die Rede ist, dann kommt das ungarische Idiom durch, und für theatrale Grenzgänge hat er auch Leute mit Begabung zur Tänzerin und zur Sängerin parat.

Der Meister und Margarita
von Michail Bulgakow
Deutsch von Thomas Reschke
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Pascal Raich, Kostüme: Fruszina Nagy, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Anna Veress und Regula Schröter.
Mit: Franz Solar, Jan Thümer, Birgit Stöger, Péter Jankovics, Zoltán Szabó, Anna Hay, Sebastian Reiß, Steffi Krautz, Thomas Frank, Sophie Hottinger, Kata Petö, Leon Ullrich, András Lajos.

www.buehnen-graz.com

Mehr Adaptionen des Bulgakow-Romans auf der Bühne? Im April 2008 inszenierte Sebastian Baumgarten ihn in Düsseldorf.

 

Kritikenrundschau

"Fantasievolle, auf Komik bauende zweieinhalb Stunden", hat Norbert Mayer (Die Presse, 14.12. 2010) gesehen. Es sei hier "eine erfrischende Kurzfassung des Klassikers gelungen. 15 Darsteller in gut drei Dutzend Rollen können sich richtig austoben." Die Figur des Wolan werde von Franz Solar "nicht satanisch, sondern schalkhaft mephistophelisch angelegt. Er ist Ausländer, also an sich suspekt. Wenn dieser Spezialist für schwarze Magie aus tiefem Inneren lacht, beben seine Zuhörer." Die höllischen Begleiter seien "virtuos und artistisch" unterwegs. "Richtig böse hingegen sind die Momente, in denen Genossen Genossen vernadern, im Flüsterton und anonym. Es zeigt sich dann, aber eben nur punktuell bei Bodó, der Terror, die Zersetzungskraft der Lüge." Er beton jedoch lieber "das Zauberhafte an Bulgakow, die reine Satire". Sie sei hier "eine reichhaltige Schale, bis zum Finale wird aus dem Vollen geschöpft".

Viktor Bodó sei "einer der ganz wenigen Regisseure, der über die Fähigkeit und den Weitblick verfügt, aus verzweigtesten Geschichten die entscheidenden Essenzen zu filtern", schreibt Werner Krause (Kleine Zeitung, 14.12. 2010). Hier sei ihm "schier Unmögliches" gelungen: "In seiner rundum sensationellen Bühnenversion (...) klingt in vielfachen, unerhörten Tönen die Stimme einer kreißenden, mit Unheil, Chaos und Wahnsinn schwangeren Zeit." Bodó liefere "mit einem großartigen Ensemble in Dutzenden Kurzepisoden Befunde von einer Gesellschaft im völligen Ausnahmezustand". Es ist "ein kolossales Bilder- und Sprachmosaik". Es verwischten sich die Konturen, "Zeit und Raum stürzen ineinander, und alles Irrlicht, es findet seinen Höhepunkt in einem Schattentheater". Es werden hier, so Krause, "die Möglichkeiten des Theaters neu ausgelotet, sie nähern sich (...) frühen Kintoppzeiten".

"Mit böser, argwöhnischer Hast rast ein höchstbegabter Regisseur durch das Moskau der Moderne. Er hetzt seine Schauspieler von Station zu Station", berichtet Ronald Pohl (Der Standard, 14.12. 2010). Und jeder Einzelne danke es "mit einer scharf umrissenen Skizze". Bodós Vision sei "eine filmische, und sie hat mehr mit den Tramps und Verlierern aus Hollywood gemein als mit dem Pathos der sozialistischen 'Aufbaujahre". Bulgakow aber schuf ein Spiegelkabinett." Bodó habe Bulgakows Spiegel zerbrochen, "er lässt die Scherben auch unfassbar kurzweilig auf die Grazer niederregnen. Er hetzt sein österreichisch-ungarisches Ensemble durch das Nadelöhr der Artistik: Wenn von der Moderne etwas geblieben ist, so ja doch nur der Eindruck unglaublicher Geschäftigkeit." Dieses Theater mag "kein Modell der Zukunft sein. Aber in der Zwischenzeit lässt es sich mit ihm vortrefflich leben".

 

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