Die Freien und das Stadttheater

15. Dezember 2010. "Öffnet die Theater!", forderte Jochen Sandig, Leiter des Radialsystems in Berlin, "klassische Erbhöfe sind anachronistisch!" Andere wollten gleich die Schließung der Stadttheater (eine Forderung, die auch hier in den Diskussionen auf nachtkritik.de immer mal wieder erschallt). Zum ersten Mal seit seinem zwanzigjährigen Bestehen hat der Bundesverband Freie Theater einen Kongress ausgerichtet, und Adrienne Braun fasste ihn für die Süddeutsche Zeitung (15.12.2010) zusammen. Obwohl es eigentlich um Schlachtpläne ging, einen Unternehmerstammtisch und Dramaturgie-Blogs, die die rund 300 Theaterleute über Coaching und Cross-Marketing, mehrsprachiges Theater und Landfluchtdebattierten, kamen sie immer wieder auf ein Thema zurück, "das gar nicht das ihre ist: die Krise der Stadttheater."

Doch zunächst fragt Braun nach einer verbindlichen Definition von freiem Theater, die nicht existiere, wie eine Untersuchung der Hamburger Theaterwissenschaftlerin Caroline von Sassmannshausen darlege: "Sie hat die Förderstrukturen der Länder verglichen, auch wenn das kaum möglich ist. Denn in Hamburg versteht man unter freien Theatern professionelle Ensembles ohne feste Spielstätte. Bayern und Nordrhein-Westfalen werfen sie dagegen in einen Topf mit den Privattheatern, andere Bundesländer zählen wiederum die Amateure mit."

Hauptsächlich die Freien spielen für den Publikumsnachwuchs

Höchstens drei Prozent des städtischen Etats würden in Deutschland jährlich in die Kultur gesteckt, davon gingen 0,3 bis 2,5 Prozent an die freien Theater. Obwohl die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages 2008 festgeschrieben habe, dass die freien Theater eine unverzichtbare Säule der Theaterlandschaft darstellen und den kulturellen Nährboden fruchtbar halten, gebe es in kleinen Städten oft gar keine Förderung (weshalb viele auch nicht vom Fonds Darstellende Künste profitieren können, der eine Förderung durch Stadt oder Land voraussetzt).

Ob die freien Theater "innovativer als die großen Häuser sind, ob ihre Ideen tatsächlich von den Großen abgeschöpft werden – oder sich die großen Häuser sogar mehr Experimente leisten können, das wurde auch bei dem Stuttgarter Kongress nicht geklärt. Belegbar ist aber, dass hauptsächlich die Freien für den Publikumsnachwuchs spielen. 'Sie sind der Marktführer im Bereich Kinder- und Jugendtheater', sagt denn auch der Baden-Württembergischen Staatssekretär Dietrich Birk, 'wir sind auf ihre Unterstützung angewiesen.'"

Vorsprung bei der Jugend und der "Diversity"

Nicht nur in Sachen Kinder- und Jugendarbeit, auch bei allem, "was derzeit unter dem Stichwort 'Diversity' diskutiert wird", seien die freien Gruppen meist näher an der gesellschaftlichen Realität – "sei es bei den Stücken mit Behinderten, die am Verein Kunstwerk in Hamburg entstehen, sei es durch die zahllosen Schulvorstellungen, in denen viele Kinder mit Migrationshintergrund sitzen. Das Stichwort kulturelle Bildung könnte also die große Chance für die Freien sein. Dafür müssten sie allerdings sichtbarer werden. Ein Schritt dahin ist die neue Geschäftsstelle des Bundesverbandes, die im kommenden Jahr im Berliner Künstlerhaus Bethanien eröffnet wird."

Die Hoffnung liege letztlich darin, dass der finanzielle Druck der Kommunen zu einer Umgestaltung der Theaterlandschaft führt – und die Freien davon profitieren. "Bevor der Verband aber bundespolitisch mitmischen kann, muss er auch intern noch einige Hürden nehmen. So wollte man eine Theaterstatistik erstellen, um eine bessere Argumentationsgrundlage zu haben. Einige Landesverbände haben sich gar nicht erst beteiligt, andere haben die Fragen nach Gutdünken verändert – so dass das Projekt erst einmal gescheitert ist. Bürokratie, Statistik, Lobbyarbeit sind eben nicht zwangsläufig Sache freier Theaterschaffender. Und so rief einer mitten in der schönsten Aufbruchsstimmung: 'Die Anarchie muss wieder rein!'"

(geka)

 

 
Kommentar schreiben