Verstehenwollen im bunten Glühbirnenwald

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. Dezember 2010. "Mit Ödipus kann ich meinen Alltag nicht bewältigen." - Mit einer Absage an den antiken Helden beginnt Angela Richter ihre Neu-Inszenierung von Jon Fosses "Tod in Theben". Im Salzburger Festspielsommer war sie mit der Erstaufführung seiner Ödipus-Fassung in scharfe bis vernichtende Kritik geraten. Auf Kampnagel, das neben dem HAU in Berlin und dem Centraltheater Leipzig als weitere Spielstätte geplant war, zeigt sie jetzt eine völlig neue Version, die nun "Der Ödipus Antigone Komplex" heißt, Dauer nur mehr anderthalb Stunden statt der dreieinhalb in Salzburg.

Ab sofort verknüpft Angela Richter die antike Inzesttragödie mit den großen und kleinen Dramen der Produktionsgeschichte (weggebrochenes Geld, ausgebrochene Schauspieler, entfesselte Kritiker, eigene Zweifel, unüberwindbare Ängste). Ab sofort steht Angela Richter selbst mit auf der Bühne, äußert sich zu ihrem Versagen, verflucht die Boshaftigkeit des Feuilletons und die schweren Mauern von Salzburg.

Gedoubelte Bekenntnisse

Tatsächlich ist es nicht Angela Richter selbst, die in Holzfällerhemd und Jeans (das Mikro im Bund) den gesamten Abend in der Aufführung rumstochert, Regieanweisungen gibt und Gefühlsvorgaben macht. Tatsächlich wird Angela Richter von Melanie Kretschmann gespielt, und zwar grenzenlos weinerlich und verzweifelt. Ein Double also übernimmt die Flucht nach vorn, die Anklage, die Rache, die Bekenntnisse. Diese Idee ist dann auch – wohlwollend gesagt – die charmanteste, weil ironischste, des Abends. Es ist ein kleiner Kniff, ein Augenzwinkern, ein Spiel mit den Wirklichkeiten zwischen Privatheit und Professionalität: Es ist das, was Angela Richter in ihren Inszenierungen am liebsten und gekonntesten macht.

Gemeinsam mit den anderen sieben Darstellern steht Melanie Kretschmann vorne am Bühnenrand - im Hintergrund dimmt stimmungsvoll Katrin Bracks bunter Glühbirnenwald – und erzählt ein bisschen von sich, von Wikileaks und dem 11. September. Sie wirft Schlagworte in den Raum, will sich und die Welt verstehen, Ödipus jedoch nicht.

Trauerkonventionen, Chor-Wut, modernes Schicksal

Dieses vorsätzliche Nichtverstehenwollen ist vielleicht auch der Grund, warum dieser Abend daneben geht – in Salzburg war ich nicht. Den antiken Stoff und seine Tragödien tauscht Richter gegen persönlich-biografische Annäherungen. Wenn also von der Trauer um Polyneikes die Rede ist, dann artet das bei der Ismene-Darstellerin (Sarah Franke) in einen Monolog über Trauerkonventionen aus, wenn der Chor auftreten soll, dann brüllt sich Christoph Theußl aus eigener Erfahrung seine Wut über Einar Schleef und dessen Chor-Theater aus dem Leib, wenn vom Orakel gesprochen wird, erzählt Oana Solomon von ihrer schicksalhaften Berlin-Zeit, wenn Antigone in den Hades gehen soll, schweift Eva Löbau ab in Selbstzweifel über Mütterlichkeit und berufliche Transformationen und so weiter.

Diese Auswege aus dem Text hält Angela Richter in regelmäßigen Abständen für alle Darsteller bereit, sie sind mal mehr (Eva Löbau, Christoph Theußl) und mal weniger gut gespielt, sind mal mehr und mal weniger interessant, mal mehr und mal weniger bewegend. Und ja: Schicksal und Schicksale gibt es auch heute noch.

Die eigenen Verhältnisse

Das Drama selbst wird im Laufe des Abends zur Nebensache, dessen komplizierte, tragödienhafte Familienzusammenhänge mehr ver-, denn entwirrt. Statisch, kühl und recht belanglos bleibt der Abend über weite Strecken – allein die Musik – Prokofjew! The Doors! - und die unterschiedlich gedimmte Bühne sorgen für Emotionales. Natürlich ist es auch ein bisschen lustig, wenn Melanie Kretschmann aus der ein oder anderen Kritik zitiert oder Jon Fosses mutmachende Mail vorliest. Doch über die "eigenen Verhältnisse," über die sich Angela Richter Gedanken machen wollte, über "die eigene Wirklichkeit" erfährt man herzlich wenig, über Jon Fosses Annäherung an die griechische Tragödie noch viel weniger.

Der Ödipus Antigone Komplex
Regie: Angela Richter, Bühne: Katrin Brack, Kostüme: Steffi Bruhn, Musik: Dirk von Lowtzow / Tocotronic, Video: Philipp Haupt
Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Jens Dietrich, Strickobjekte: Brigitta Pöcksteiner.
Mit: Yuri Englert, Sarah Franke, Melanie Kretschmann, Dietrich Kuhlbrodt, Eva Löbau, Ingolf Müller-Beck, Oana Solomon, Christoph Theußl.

www.kampnagel.de

Mehr zu Angela Richter: Im August 2010 entstand Tod in Theben im Rahmen des Young Directors Project bei den Salzburger Festspielen. Im April 2009 inszenierte sie Der Fall Esra nach Maxim Billers verbotenem Roman auf Kampnagel in Hamburg.

 

Kritikenrundschau

Mut der Verzweiflung bescheinigt ein "asti" kürzelnder Kritiker im Hamburger Abendblatt (18.12.2010) Angela Richter und der Neuauflage ihrer gescheiterten Salzburger Inszenierung. Doch "Was einmal vermurkst ist, ist vermurkst." Aber mutig sei es doch. "Wohlwollen und Respekt unter den Besuchern spürbar."

"Auf den ersten Blick ziemlich verwegen," findet Klaus Irler in der taz Hamburg (18.12.2010) die Art, wie Angela Richter sich in dem Remake ihrer Salzburger Inszenierung "ohne Fiktionalisierung eins zu eins selbst zum Thema macht". Auf den den zweiten Blick jedoch wirkt das "verdammt narzisstisch" auf den Kritiker, der den "1-A-Nabelschautheater"-Abend manchmal lustig, häufig aber eher peinlich findet. Denn seine ironischen Brechungen funktionieren seiner Ansicht nach nur gelegentlich.

 

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