Die nächsten 20 Jahre Umbau

28. Dezember 2010. "Das Ende des Pappenstiels" ist ein Interview überschrieben, das Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung mit Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Bundes-Kulturstiftung des Bundes, geführt hat. Die Stiftung kann sich über eine Mittelerhöhung von zwei Millionen Euro freuen. Aber damit, sagt Völckers, könne der Bund einer drohenden Erosion der Kulturlandschaft nicht begegnen. "Auch wenn es mehr wäre, mit einer einmaligen Finanzspritze lässt sich ein strukturelles Problem nicht lösen."

Ein Nothilfefonds für Kultur wäre für Völcker ebenfalls keine Lösung. "Ein solcher Fonds erspart uns Streit und Diskussionen nicht. Es bleibt - wie heute - die Frage nach der Verteilung des Geldes. Nach meiner Ansicht befinden wir uns gegenwärtig in einem Schrumpfungsprozess. Dabei machen die großen Kulturverbände eine sehr gute Arbeit, indem sie dafür kämpfen, den Status quo zu halten. Das führt dazu, dass es kaum Veränderungen, Bewegungen gibt, um andere, vielleicht besser passende oder angemessenere Strukturen zu entwickeln. Diesen Blockademechanismus müssen wir durchbrechen."

Die Kulturstiftung wolle das mit einem Projekt über "Kulturen des Bruchs" versuchen. „Da wird es darum gehen, wie man eine Gesellschaft zukunftsfähiger machen kann. Das scheint uns ja in allen Bereichen sehr schwerzufallen."

Den klammen Kommunen helfe nur eine größere Handlungsautonomie bei den kommunalen Selbstverwaltungsaufgaben, so Völckers. "Das ist das Einzige, was funktionieren kann. (...) Die Kommunen müssen finanziell besser ausgestattet werden. Dann können sie sich auch etwas freier bewegen. Und dann müssen letztlich die Bürger stärker entscheiden, was sie in der Kultur haben wollen und was nicht. Das ist riskant. Man kann nur inständig hoffen, dass da gekämpft wird um diese Orte, um Theater, Museen, Bibliotheken. Manche Sachen wird man nicht mehr behalten können und wollen, andere schon. Das regelt eine Kommune im Idealfall selber, solche Wertentscheidungen müssen einfach auf kommunaler Ebene getroffen werden." Spezialisten sagen, dass es ungefähr 20 Jahre dauert, eine Kommune umzubauen.

Dass als Folge der Krise die Schere zwischen Gutverdienern und Hungerleidern größer werde, "das muss und kann man nicht hinnehmen. Deswegen kämpft etwa Rolf Bolwin vom Bühnenverein für die Einhaltung der Tarife und sagt, noch weiter runter kann man nicht gehen, denn dann ginge es an die Substanz. Dann gäbe es im Theater eben nur noch Projektarbeit." In der Freien Szene gebe es kein Limit nach unten "- da ist es fast wie in New York, wo im Grunde keiner von der Kunst leben kann". In ihrem Heimatland Argentinien arbeiten die Künstler zum Teil drei Jahre an einem Stück, proben zu Hause. Das sei unendlich charmant und habe auch Qualität, "aber das kann man nicht vergleichen mit dem, was wir hier in der Ensemblearbeit an unseren Stadttheatern leisten. Für die Professionalität und den Zauber unseres Systems braucht man feste Häuser und ein ordentliches Tarifsystem. Ich finde, es wäre eine Katastrophe, wenn dieses immer noch sehr reiche Land einen Bruch mit dieser, seiner tradierten Kultur vollziehen würde."

 

 
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