Nah am Think Tank

von Gerhard Zahner

St. Gallen, 8. Januar 2011. Die Frage ist so alt wie das Theater selbst. Gibt es für ein bestimmtes Theaterstück den idealen Ort? Einen Ort, wo ein Stück für immer aufgehoben und gespielt werden sollte. Vielleicht um dem Anspruch des Theaters ans Erzieherische zu genügen, mit der Maßgabe, dass an diesem Ort die größtmögliche Wirkung auf das Publikum ausgeübt werden kann. Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns" hat vielleicht einen solchen Ort gefunden.

Von hier die ganze Welt

Ohne seine Wirtschaftshochschule wäre St. Gallen nur ein schmuckes Städtchen in der Ostschweiz, unweit dem Bodensee, hübsch gelegen und alt angelegt. Wer aber in St. Gallen Wirtschaft studiert, ist in seinem Leben ein anderer. Der Abschluss von St. Gallen öffnet in London, New York und Wien die von Elfriede Jelinek beschriebenen Kaufmannstüren.

Wenn Elfriede Jelinek über jene Kaufleute schreibt, die Anleger in den Ruin treiben – in St. Gallen findet ihr Stück tatsächlich eine der Quellen der Schuld. Denn St. Gallen, Schweiz, ist der Ort, der diese Kaufleute ausbildet. St. Gallens Universität ist als Think Tank renommiert, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, nur einer der vielen, ist St.-Gallen-Absolvent und -Dozent. Die Finanzwelt rekrutiert in St. Gallen ihren Nachwuchs, denn dieser ist zielgerichtet vorbereitet und ethisch glatt geschliffen. Zitat aus dem Prospekt der Universität: "Die Universität St. Gallen beheimatet die größte betriebswirtschaftliche Fakultät im deutschsprachigen Raum – Basis für herausragende Forschung und exzellente Lehre an der Executive School ...
Themenführerschaft ...
Persönlichkeiten fordern und fördern ...
Wir wollen für unser universitäres Umfeld geschätzt werden, in dem sich Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten entwickeln ...
Diverse Rankings platzieren uns unter den führenden Wirtschaftsuniversitäten Europas ..."

Darum also ist St. Gallen der ideale Ort, vielleicht der Ort, an den dieses Stück dauernd gehört.
Wenn gewissenlose Bankenvorstände, Milliarden verspekulierten, oder ihre Mitarbeiter im Mittelbau in gleicher Gewissensarmut Anleger übervorteilen, haben die Prägungen ihre Quelle auch in St. Gallen. St. Gallen ist der deutschsprachige Wehrturm des Wissens, die Denkfabrik.

Weit weg von der Schuld

Wenn das Theater in St. Gallen "Die Kontrakte des Kaufmanns" spielt, dann spielt eine städtische Bühne es am Ort der Wirklichkeit, die diese Wirtschafts-, Banken- und Eurokrise herbei erzogen hat, weil die Verantwortlichen der Krise in Steinwurfnähe des Theaters ausgebildet und wertgeprägt wurden. St. Gallen und die wenigen anderen Eliteuniversitäten schweigen nachhaltig angesichts des Vorwurfs, eine Elite ohne Moral erzogen zu haben.

Kein anderes Publikum denkt sich weiter weg von eigener Schuld, korrumpiert mit Applaus das eigene Versagen, blickt in den Spiegel und erkennt nicht die Fratze des Widerspruches. Ein Stück findet seine Quelle.

Bekanntlich hat das Stück einen wahren Hintergrund. Julius Meinl, österreichischer Industrieadel und Kaffeeröster, gibt über eine Bank und Unterfirmen Zertifikate mit hohen Zinsversprechungen aus. Zehntausende von Anlegern stürzen in den Ruin, der Schaden ist milliardenhoch. Und hier ist die Pointe: Auch Meinl ist Absolvent der St. Galler Hochschule. Ohne dieses Studium, an diesem Ort, in diesem Umfeld, er würde vielleicht heute noch Kaffee rösten, hätte keine Bank gegründet und Tausende würden über den Ruin nicht verzweifeln.

Chor der Kleinanleger, Totalverlust, Trauergestecke

Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson verankert dieses Stück im Ort St. Gallen, zerstückelt die Textfläche, sucht nach Häufigkeiten in der Jelinek'schen Motivwelt, um mit Assoziationspassagen das Zerschnittene wieder als ein Ganzes zusammen zu bringen.

Dreißig Kleinanleger, Laiendarsteller mit lokalem Bezug, Symbole des Untergangs, stellen sich nacheinander vor das Publikum, jeder wie ein kurzer Gebetstext, eine menschliche Formel über das Nichts und den persönlichen Ruin, "... alles was wir hatten, hatten wir eingesetzt, als Pfand für uns". Das Nichts des Totalverlustes ist der Stein um den Hals, der diese Leute herab zieht.

Die Inszenierung ist immer am Punkt, verfügt über ein Ensemble, das der Regie blind folgt. St. Gallen liefert eine Aufführung, liefert letztlich den Triumph, im Sinne, dass nicht alles vergeblich ist, was das Theater zeigt. Schuld wird sichtbar.

Die Bühne schwarz geteilt mit einem rotem Teppich und weißen Rosen in schwarzen Schalen wie auf einer Trauerfeier, darauf glitzert der Abgesang des Ruins, der die Zuschauer nach Tanz und Komödie endlich in den Schlachthof der Finanzwelt führt. Ein blaues Schweinchen, Sparschweinchen, oben auf der Bühne. Es wird gesammelt für einen Ethikkurs, ein Notrappen für die Moral, für die ansässige Universität und Business School.


Die Kontrakte des Kaufmanns (Schweizer Erstaufführung)
von Elfriede Jelinek
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Simon Birgisson, Kostüme: Anna Run Tryggvadottir.
Mit: Hanna Binder, Diana Dengler, Ines Schiller, Matthias Albold, Christian Hettkamp, Dominik Kaschke, Romeo Meyer, Marcus Schäfer.

www.theatersg.ch

 

Mehr zu Thorleifur Örn Arnarsson gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Was man in St. Gallen zu sehen bekam, war für Andreas Tobler vom Tages-Anzeiger (10.1.2011) "nicht abendfüllend". Hier würden Auszüge aus der "grossartigen Wirtschaftskomödie" Jelineks, der "bedeutendsten Theatertexterin der Gegenwart", präsentiert. Wie Lösch lasse Arnarsson "einen Laienchor auftreten", jedoch einfach "30 sympathische Menschen einzeln ans Mikrofon treten zu lassen", dauere Ewigkeiten und sei "nichts anderes als der fragwürdige Versuch, Jelineks mit Wirklichkeit vollgepumpten Text mit Wirklichkeit vollzupumpen". Die "zweite Inszenierungsidee", derzufolge jedes Ensemble-Mitglied eine selbstausgedachte Nummer zu dem Text präsentiere, bezeuge die "Ideenlosigkeit" Arnarssons. Das Ensemble habe sich "angesichts der dürftigen Regie" wacker geschlagen, gegen Ende allerdings schrie der Kritiker ob mehrerer Regieeinfälle nach eigenem Bekunden "innerlich nach Erlösung".

"Selten so befreit gelacht und so angeregt mitgedacht, selten so heiter einen (...) Theaterabend verbracht", hat hingegen Peter Surber vom St. Galler Tagblatt (10.1.2011). Diese "Kontrakte" seine "eine lohnende Investition". Die 30 Statisten läsen die "Jelinek-Monstersätze glaubhaft - auch wenn man ihnen anzusehen meint, dass ihnen anderes wichtiger ist als Geld. Zum Beispiel Theater." Für Surber zeigen Fremdtexte und Lokalbezüge: Arnarsson nehme sich "alle Freiheiten" und nehme auch Jelinek damit "erst ganz beim Wort". So wie sich auch die Schauspieler "aus dem Textsteinbruch" herausbrechen, "was sie interessiert und was sie können". "Kurzum: ein bunter Abend", bei dem der Regisseur und sein Team "all das richtig" mache, was in der Finanzkrise falsch gelaufen ist. Sie bringen ihre eigenen Ressourcen ein, holen sich neben Jelineks verlockendem, aber auch toxischem Textkapital solide Fremdmittel ins Portefeuille und spekulieren an jener Börse, die sie beherrschen: der Ideenbörse des Theaters."

Dass bei Thorleifur Örn Arnarsson Jelineks "Chor der Kleinanleger" aus dreißig realen Menschen besteht, ist ein Coup, auch wenn es sich in die Länge zieht, berichtet Claudio Steiger in der Neuen Zürcher Zeitung (19.1.2010): Schuldige wie ihre Verfolger des Meinl-Skandals kamen von der HSG. Am Theater nun alterniere in einer dunklen Glitzerwelt Musikalisches "mit grausigen Szenen" und ergebe "dank den brillanten Schauspielern ein geniales Panoptikum".

 
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