Echoräume des Ungeheuerlichen

von Andreas Klaeui

Zürich, 8. Januar 2011. Ungeheuer ist viel, doch nichts ungeheurer als der Mythos. "Ödipus und seine Kinder" nennt Sebastian Nübling die Tetralogie, die er (mit der dramaturgischen Mitarbeit von Katja Hagedorn und Hajo Kurzenberger) aus vier Labdakiden-Tragödien zusammengestellt hat, ganz ähnlich wie jüngst Roger Vontobel in Bochum, jedoch nicht wie dort mit "König Ödipus", sondern "Ödipus auf Kolonos" von Sophokles, dazu "Sieben gegen Theben" von Aischylos, "Die Phönizerinnen" von Euripides und Sophokles' "Antigone".

Eine geballte Ladung Mythos in dreieinhalb Marathonstunden – "Guided Tours through the Complex" steht an der Bühnenwand, und es ist schon frappant, wie sich in der Verdichtung die Texte und Figuren spiegeln und sich eine eigentümliche Symmetrie ergibt: von reflektiven Seiten- und aktionsbetonten Mittelstücken, von der großen Bilanz, die der blinde alte Ödipus im Exil zieht, über die Rivalität und den vernichtenden Kampf seiner Söhne bis zur Diskussion von Herrschermacht und übergeordnetem (göttlichem) Recht in der Auseinandersetzung von Kreon und Antigone.

Schwere Stockschläge im Hallraum

Muriel Gerstner hat dazu einen offenen Verhandlungsraum in den Schiffbau gestellt: eine halbrunde Agora mit umlaufenden Galerien, vor einem steil ansteigenden Zuschauerpodest fast wie im griechischen Theater (allerdings nicht mit der Akustik von Epidauros; in den hinteren Reihen höre man schlecht, klagten Zuschauer).

Mit antikischem Gewicht fängt der Abend an, mit schweren Stockschlägen in bedeutsamem Hallraum. So meldet sich Ödipus in Kolonos an, blutunterlaufene Augen, zerzaustes Haar, während Töchterchen Antigone (in Schulmädchenuniform) hübsch angekränkelt singt "Sometimes I feel like a motherless child". Lilith Stangenberg ist da ganz "Fille à papa", sie hängt an Ödipus' Lippen, schlüpft in sein Kleid, sie klammert sich an ihn und schmiegt sich ihm symbiotisch an, angemessen inzestuös, muss man sagen.

Es ist Sebastian Nüblings Stärke, Körperbilder zu finden für psychische Vorgänge, Schauspielerhaltungen, die ihre eigene deutliche Sprache sprechen – der hohle Macho Kreon (Markus Scheumann), der narzisstisch machtgierige Eteokles (Nicola Fritzen). Das geht allerdings auch immer nur von außen an die Figuren heran, und darin liegt natürlich ein Problem. Wenn ein Schauspieler dies nicht mit einer eigenen Authentizität zu füllen vermag, bleibt es als Form belanglos.

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Tim Porath als Ödipus
© Matthias Horn

Herausgeblaffte Hysterie

Tim Porath zum Beispiel, als Ödipus, erreicht nicht die Unmittelbarkeit des Mythos, er kasperlt ihn vor. Er spielt irgendwie tragisch vor; es ist aber nicht tragisch, sondern verschwitzt. Auch Lilith Stangenbergs Antigone – in "ihrem" vierten Teil, "Zu lieben, nicht zu hassen bin ich da" – ist eine große Enttäuschung. Sie ist zu sehr fixiert auf eine einzige Spielweise, diese trotzig herausgeblaffte Hysterie, als dass sich Spannung oder überhaupt irgend etwas entwickeln könnte.

Toll sind die beiden rivalisierenden Brüder, Eteokles und Polyneikes, ihr Streitgespräch wird zum schlagfertigen Highlight des Abends, und ziemlich schick auch ihre auftrumpfende Aufzählung der Helden, die sie vor den Toren Thebens gegeneinander antreten lassen.

Patrick Güldenberg vermag Polyneikes einiges an verzweifelter Größe zu geben; er, der wissend sein Unheil vollziehen muss, wird (abermals eine schöne Symmetrie) so zur eigentlichen Gegenfigur von Ödipus, dem Unwissenden.

Obacht, Tragik!

Problematisch bleibt der Chor: Nübling lässt chorisch sprechen, rhythmisch stampfen, klatschen und skandieren; das bekommt in den besten Momenten eine martialische Kraft, in den schlechteren wirkt es wie eine Mischung aus Flamenco und Eurythmie. Im Ganzen bleibt es eher anstrengend, wie auch einige Zusatzhäppchen-Mätzchen im Stil eines unwitzig trotteligen Boten (Fritz Fenne).

Überhaupt macht es den Anschein, als schrecke Nübling zuletzt vor dem eigenen Mut zurück. Wie will er sich der Ungeheuerlichkeit des Mythos stellen? Sich der Wucht der Worte anheimgeben und sie klingen lassen? Oder den Stoff im Gegenteil aktionistisch zudecken und ironisieren?

Viel zu vieles wirkt zunehmend technisch an diesem Abend, Variation um der Variation willen. Und aus dem übermäßig eingesetzten Echo-Effekt hallt vor allem eines nach: Obacht, Tragik! Die sollte sich aber auf anderem Wege einstellen.

Aus vier ganzen Tragödien wird so doch nur eine halbe Sache.

 

Ödipus und seine Kinder
Tragödie nach Sophokles, Aischylos und Euripides.
Aus dem Griechischen nach den Übersetzungen von Dietrich Ebener ("Ödipus auf Kolonos"), Durs Grünbein ("Sieben gegen Theben"), Rüdiger Bittner ("Die Phönizerinnen") und Stephan Müller/Hajo Kurzenberger ("Antigone").
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüm: Muriel Gerstner, Musik und Einstudierung Chor: Lars Wittershagen, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Katja Hagedorn, dramaturgische Mitarbeit: Hajo Kurzenberger.
Mit: Tim Porath, Lilith Stangenberg, Franziska Machens, Fritz Fenne, Markus Scheumann, Patrick Güldenberg, Friederike Wagner, Nicola Fritzen, Jirka Zett.

www.schauspielhaus.ch

 

Alles über Sebastian Nübling auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

In den Chorszenen zeigt Nübling laut Cornelie Ueding vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 9.1.2011), "was er kann": Die Orakel der archaischen Zeit seien "nichts anderes als die frühe Form der Medien, die das Schicksal, von dem sie kündeten, erst eigentlich herstellten. Und das Pendant zu dem, was im antiken Drama der Chor war, sind heute Fan-Gruppen, Groupies und Hooligans, eine manipulierte und manipulierende Masse. Ein stampfender, rhythmisch zuckender (...) Schwarm, der von Fall zu Fall die Idole wechselt, an die er sich anlagert." So seien "Disko-Volk-Massenszenen" die "beweglichsten, bewegendsten und politisch aufschlussreichsten Elemente der Inszenierung". Gerade diese "virtuosen Chor-Szenen" machten "schlagartig klar", was Nübling "nicht vermochte und fast kommentarlos verschwieg: die enormen Spannungen in und zwischen den wuchtigen Theater-Figuren psychologisch und mythologisch auszuloten". Viel wuchtiger Text werde "wie bildungsbeflissen abgespult, viel und deklamatorisch über Leid, Schmerz und Hass gesprochen. Entstehen konnte keines dieser Gefühle auch nur für Augenblicke." Dem Abend gelinge es, "das Theater als Kraftwerk der Gefühle (...) fast totzumachen".

Nübling präsentiere "eine gesampelte Reader's-Digest-Story - aber er verliert die Architektur der Originale, ihre Gedankenökonomie, ihren Rhythmus, (...) ihren 'Sinn'", so Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (10.1.2011). Trotzdem möchte die Kritikerin den "unerschrockenen Impetus loben, mit dem sich Nübling daranmacht, griechische Klassik ins Heute zu transportieren", indem er auf Aktualisierungen verzichte und stattdessen für alte Inhalte neue Formen finde. Einem heutigen Publikum die Geschichte des Ödipus nahezubringen, sei "ein nicht zu verachtendes bildungsbürgerliches Programm". Doch weder Lilith Stangenberg noch Tim Poraths können sie überzeugen, auch der Chor leuchtet ihr wenig ein. Ein durchgehendes Problem der Inszenierung sieht sie in der "heterogenen Überfülle an stilistischen Versatzstücken". Immerhin komme die Sprache "in glänzender Pracht zu ihrem Recht". In den chorischen Szenen zahle Nübling seinem "bewunderten Vorbild Einar Schleef den Zoll über Gebühr", streckenweise gleiche das Ganze einem "martialischen Sportstück". Dabei choreographiere Nübling die Volksmassen "so effektvoll wie ermüdend-überdeutlich". Am Ende bleibt der Eindruck: "Ödipus als Baustelle - der postmoderne Neubau wackelt noch, doch es stützt ihn das antike Fundament."

Nicht nur die Statuen im Bühnenbild, sondern "manchmal leider auch die Schauspieler" sehen für Martin Halter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.1.2011) wie Schaufensterpuppen aus. Nübling biete eine Tour durch den "Ödipuskomplex für Jugendliche und Anfänger, Freuds Eros und Todestrieb für Fortgeschrittene". Nübling verzichte fast ganz "auf Popsongs, moderne Zitate und selbstreflexive Brüche", sondern versuche, "mit archaischen Mitteln einen zeitlosen Generationenkonflikt" zu beschreiben: "Vor den autoritären Vätern sterben die Söhne, die ihren gewalttätigen Starrsinn geerbt haben, und die Töchter, die sie vergebens mit ihrer fast inzestuösen Liebe umgarnen." Der Auftakt sei zäh, doch auch diesmal sorgten Nübling und Wittershagen mit dem Chor wieder "für furiose choreographische und rhythmische Akzente". Allerdings bleibe "die Jugend-trainiert-für-Olympia-Bewegung (...) doch eher äußerlich, das Zittern der Glieder Behauptung, die Ekstase aufgesetzt."

"Riesengroß" ist die Vorfreude auf dieses Mammutprojekt bei Simone Meier von der Süddeutschen Zeitung (10.1.2011) gewesen. "Diejenigen, die in Theben hocken, sagen: Alles Fremde ist böse, und 'Hier wird noch Griechisch gesprochen!' Die andern, die draußen unterwegs sind, Ödipus, Antigone, Polyneikes, sagen: Alles ist böse, aber am bösesten ist, wer uns die alte Heimat weggenommen hat." Das könnte "eine explosive, aktuelle Mischung sein aus Schweizer Einwanderungspolitik", "dem Inzest aus 'Verbotene Liebe'" und "Marienhof". "Oder atemberaubend tragisch. Oder berauschend brutales Poptheater." Phantastisch sei immerhin Muriel Gerstners Bühnenbild: "Wie aus einem Western sieht das aus, einer jener Orte mitten in irgendeiner Landschaft, wo alle aufeinander schießen." Mindestens bis zur Pause stagniere die Inszenierung allerdings, es werde "geredet und geredet, und jeder Ausbruch (...) wirkt dabei aufgesetzt und albern". Nach der Pause offenbare sich dann "Stärke und zugleich Schwäche der Inszenierung: Natürlich ist der Chor (...) toll in markiger Stimm- und Stampfgewalt. (...) Fast scheint es, als habe es in diesem Interesse für die Masse an der Energie fürs Individuum gefehlt."

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