An der Schlachtbank

von Kai Bremer

Frankfurt, 13. Januar 2011. Christine sitzt mit hängenden Schultern auf einem Stuhl und löffelt den Joghurt mit den Fingern. Ihre Augen sind verheult, der knallrote Lippenstift, der eben noch die Blässe ihres Gesichts betont hat, ist verwischt. Mit dem Finger im Mund erinnert sie an ein abgemagertes Kälbchen – ein Opfer billiger Fleischeslust, das zwar Mitleid provoziert, aber trotzdem geschlachtet wird.

Sie wird für einen Moment ganz ruhig, scheint ganz bei sich zu sein, sich ihres Elends bewusst zu werden. Sie ist sich sicher, ihr Fritz hat sie sitzen gelassen. Aber dann tritt ihr Fritz ein und plötzlich dreht sie wieder auf. Sie löchert ihn mit Fragen, wo er herkommt. Sie zupft sich nervös am roten Röckchen und küsst ihn ein ums andere Mal ab, wenn er was Nettes zu ihr sagt. Unvermittelt verwandelt Kathleen Morgeneyer das Kälbchen in eine besinnungs- und bedingungslos liebende Göre, der es egal ist, wie wenig sexy sie gerade wirkt mit ihren verheulten Augen und ihrem verwischten Lippenstift. Irritiert starrt ihr Fritz sie an: erst ein Häufchen Elend, dann glühende Leidenschaft. Wie geht das zusammen?

Flirten mit "SingStar"

Arthur Schnitzler hat Christine, der Hauptfigur seines Dreiakters "Liebelei", "käthchenhafte" Züge attestiert. Das dürfte, angesichts der Wertschätzung von Kleists Ritterschauspiel im 19. Jahrhundert, nur freundlich gemeint gewesen sein. Man darf sich aber fragen, ob die bedingungslose Leidenschaft wie Leidensfähigkeit dieser Christine nicht in erster Linie eine ziemlich abgeschmackte Männerphantasie ist, mit deren Hilfe sich wunderbar mitleiderregende Tragik provozieren lässt. Stephan Kimmig hat sich im Schauspiel Frankfurt dieser Frage gestellt.

Das ist bei "Liebelei" möglich, weil mit Mizi (Franziska Junge) Christine eine Freundin gegenüber gestellt wird, die trotz all ihrer Abgeklärtheit in Sachen Männer nie überheblich auf die Freundin einredet, sondern sie wie eine große Schwester ins Fahrwasser des Liebeslebens zu bringen versucht. Wenn die beiden in Fritz' Wohnung eine Karaoke-Party veranstalten und sich als Gloria Gaynor und Annie Lennox versuchen, sind sie Mädels von Nebenan, die "SingStar" auf der Playstation spielen und dabei die beiden Jungs anmachen, die erst zögernd zum Mikro greifen, um schließlich beherzt mitzugröhlen. Alles ganz harmlos, nicht bedingungslos. Wer will es angesichts solcher Ausgelassenheit Fritz verübeln, dass er nicht weiter an die Möchtegern-Sternchen denkt und ihn stattdessen die Duellforderung erschüttert. Sein Kumpel Theodor (Sascha Nathan) packt und stützt ihn, hilft ihm, die Contenance zu wahren. Die Party ist trotzdem vorbei.

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"Liebelei" © Birgit Hupfeld
Proseccodöschen im Kühlschrank

Seien wir ehrlich. Es ist eine ziemliche Unverfrorenheit der Literaturgeschichte, wenn sie für Christine unendlich viel Mitleid fordert und sich um Fritz' Gefühlshaushalt nicht eine Sekunde kümmert. Man muss diesen Kerl, der zwei Frauen gleichzeitig glücklich macht, nicht mögen. Trotzdem ist Isaak Dentlers Fritz Lobheimer kein zynischer Frauenverschleißer, sondern einer, der sich immer wieder von Christines absoluter Leidenschaft überwältigen lässt. Er genießt das Glück, wenn sie ihn mit ihrer Liebe überschüttet – wer wollte es ihm verübeln? –, und vergisst für Momente das anstehende Duell. Nachdem er sie aus ihrem Joghurt löffelnden Elend erlöst hat und sie sich zur nächsten Euphoriewelle emporgeschaukelt hat, gehen die beiden Hand in Hand, ganz bedächtig, an den Bühnenrand. Nur wenige Meter hinter ihnen ragt bis zur Decke eine breite Plexiglaswand empor, die durch ein Tapeten-Patchwork grundiert wird (Bühne: Anne Ehrlich). Diese großformatige Zerrissenheit ändert sich nicht, sie gibt den Blick nie frei in die Tiefe des Bühnenraums; egal ob wir in Fritzens oder in Christines Zimmer blicken.

Kaum jemand würde es zu sagen wagen: "Du, ich hab morgen ein Duell, wegen einer anderen Frau!" Einem echten Mann von Ehre ginge das kaum über die Lippen. Und erst diesem Fritz? Der ist weder bei Schnitzler noch bei Kimmig ein echter Kerl. Er hat sogar Prosecco-Dosen im Kühlschrank. Das sagt doch alles. Trotzdem ist sein fehlender Mumm kein Grund, diesen Frauenbeglücker einfach zur Seite zu wischen. Allein schon deswegen, weil er für Christine mehr übrig hat als altväterliches Mitleid.

Kimmig inszeniert Fritz nicht als Typen, sondern als Charakter. Vielleicht wäre das nicht derart deutlich geworden, wenn darauf verzichtet worden wäre, Christine so entschieden als manisch-depressiv zu begreifen. Das ist auf die Dauer anstrengend. Aber wie soll man sich gegenüber einem Menschen verhalten, bei dem Zuneigung und Egozentrik in eins fallen, Leidenschaft immer auch Eifersucht bedeutet. Anlässlich der Frankfurter Lulu-Inszenierung vor knapp einem Jahr hatten wir Kimmig attestiert, dass er ein Frauenrollen-Spezialist ist. Das zu sein, hat er in der Frankfurter "Liebelei" gar nicht erst versucht. Vielleicht entwickelt er sich gerade zu einem Männerversteher.


Liebelei
von Arthur Schnitzler
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Katharina Kownatzki, Musik: Michael Verhovec, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Isaak Dentler, Heidi Ecks, Michael Goldberg, Franziska Junge, Felix von Manteuffel, Kathleen Morgeneyer, Sascha Nathan.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr Schnitzler-Inszenierungen? In München servierte Jens-Daniel Herzog souverän Der einsame Weg, Christian Petzold kam damit in Berlin auf einen weniger grünen Zweig. An Das weite Land versuchte sich Tobias Wellemeyer in Potsdam, in Bochum inszenierte es Dieter Giesing, als wär's von Billy Wilder.

 

Kritikenrundschau

"Die Aufführung betrügt das Stück," schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.1.2011). Der "ziemlich gedankenfreie Spielvogt Stephan Kimmig" zeige eine "dümmliche Aktualinstallation aus einem leicht ansteigenden, durchsichtigen Glasboden, der auf eine riesige, verstrebte Glaswand zuläuft, hinter die schäbige Tapetenreste geklebt sind." Auch um sein Personal werde das Stück gebracht. Beispiel Christine: Schnitzler selbst zeichne mit dieser Figur "fast überlebensgefühlsgroß die autonome, nur sich selbst gehorchende Frau" und damit "ein fast unheimlich modernes" und "beängstigend kunstlebensvolles" Geschöpf. Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer mache, so Stadelmaier, aus aus ihr das, was diese "begabte, aber höchst gefährdete Darstellerin" inzwischen aus allen ihren Figuren mache: ein "hysterisches Penetranzhühnchen, das an jedem Satzende zuverlässig über seine Nervenstränge schlägt, weil es dort die Silben ("Woh-nööng", "Freun-düünn") in eine Neurosentonhöhe hinaufjault. Die Privatkunstmarotte dieser Akteurin. Sie benötigte weniger einen Regisseur als einen Enthysteriseur." Für den Kritiker bringen Kimmig und Morgeneyer auf diesem Weg "in schnöd reaktionärem Schwung eine große, unberechenbare Figur von gestern abstandslos auf eine kleine, ausrechenbare von heute herunter." Dieses Irgendwie, das bloß Behauptete, Ungefähre, plump Dumme, kennzeichnet für ihn die ganze Aufführung. "Die Schauspieler ziehen die Figuren an sich, quengeln ein bisschen an ihnen herum und lassen sie dann links liegen."

Es sei gewiss keine große Aufführung, sie sei sogar gescheitert. Aus Sicht von Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (13.1.2011) lohnt es sich aber trotzdem, diesen Abend anzusehen und über ihn nachzudenken. Stephan Kimmig zeige keine Figuren aus dem Fin de siècle, und er entwickele auch keine Figuren von heute, auch wenn die sich hier am Anfang kurz die Rübe wegtanzen. Vielleicht habe er nicht einmal Schnitzlers Stück inszeniert. "Die Aufführung interessiert sich für eine einzige Angelegenheit: Das vernichtete, grauenvolle und ausweglose Gefühl, in dem Christine steckt, gespielt von Kathleen Morgeneyer." Morgeneyer spiele das mit aller Wucht, "sie bohrt sich in Christines Verlassen- und Hilflosigkeit. Sie spielt nicht die Tragik einer Frau, sondern - sehr heftig - die Verlassenheit eines Kindes." Hier fangen für Michalzik dann die Probleme der Aufführung an. "Morgeneyer hat sich in diese Hilflosigkeit so verbohrt, wie wenn hier alle Wahrheit wäre. Irgendwann aber schmerzt das nicht mehr, sondern strapaziert die Nerven. Die Schauspielerin leidet an Überidentifikation mit Christine und die Aufführung an Überidentifikation mit Morgeneyer."

"In Frankfurt gibt es wundersame Momente," schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (15.1.2011). Etwa "wenn der Fritz des Isaak Dentler zum Seelenverwandten der Christine wird, und die beiden sich mit gehauchten Küssen umgarnen, als könnte alles noch gut werden. (...) Fritz macht eine Grimasse, Christine imitiert sie und schon purzeln den Todesvögeln Zentnerlasten von der Seele. So könnte das was werden." So ein Aufatmen gebe es in dieser Aufführung jedoch nur einmal. "Danach sacken Christine und Fritz wieder in ihrer Liebesklaustrophobie zusammen." Zwar habe die Art, wie Kathleen Morgeneyer das Sehnen ihrer Figur hin zum Geliebten spiele, "etwas grandios Endgültiges". Zunehmend problematisch wird für den Kritiker jedoch, dass da "nur diese in sich gekrümmte Liebe der Verzweiflung ist und sonst nichts."

 

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