Aufbruch sieht anders aus

von Dina Netz

Köln, 14. Januar 2011. In Köln ist alles längst vorbei, der Kirschgarten abgeholzt, die Bühne eine riesige Fläche aufgeschütteter Erde. Aber die Geschwister Ljubow Andrejewna Ranjewskaja und Leonid Andrejewitsch Gajew wollen nicht wahrhaben, dass der Ort ihrer Kindheit dem Untergang geweiht ist. Ljubow (Lena Schwarz) kommt gerade nach fünf ausschweifenden Jahren aus Paris zurück, ihre Heimkehr auf das russische Landgut mit dem riesigen Kirschgarten wird wie ein Einzug in die Manege mit Musik und Tanz zelebriert.

Statt sich um Lösungen für das verschuldete Familiengut zu bemühen, gibt sie die neurasthenische, überspannte Pariser Dame und stimmt traurige französische Chansons an. Wenn sie sich mal wieder mit jemandem überworfen hat oder sonstwie nicht mehr weiter weiß, ruft sie "Musik", alle tanzen im Kreis herum und feiern eine permanente dekadente Untergangs-Party. Ljubows Bruder Leonid (Matthias Bundschuh) benimmt sich wie ein großes, selbstmitleidiges Kind, hält hochfahrende Reden, die niemand mehr hören will. Während die Geschwister an der Rampe immer dieselben Fragen diskutieren, die zu nichts führen, laufen andere hinten im Kreis wie Manegenpferde.

Die Depressionen feiern und Wodka trinken

Derweil rückt der Tag der Versteigerung unaufhaltsam näher. In der Bühnenmitte dreht sich sinnfällig eine große Scheibe, die immer mal wieder als Karussell benutzt wird – mit den Worten des ewigen Studenten Pjotor (gespielt von Jan-Peter Kampwirth): "Wir sind doch mindestens 200 Jahre zurückgeblieben, klagen über unsere Depressionen und trinken Wodka." Und damit meint er ganz sicher nicht nur den russischen Adel, dessen Abgesang Tschechow im "Kirschgarten" anstimmt. Kirschblüten gibt es nicht auf diesem Acker (Bühne: Kathrin Frosch), nur der Geschäftsmann Lopachin (Charly Hübner) trägt zwischendurch ein rosa T-Shirt.

Er ist auch der Einzige, der eine Idee hat, wie man das Gut retten könnte – um den Preis der Abholzung des Kirschgartens: Lopachin will Ferienhäuser auf dem Terrain errichten. Er redet auf die Geschwister ein, den Schritt selbst zu gehen. Aber die sind in Nostalgie und Lethargie gefangen, so dass Lopachin schließlich das Gut ersteigert. Von der Bühnendecke werden blinkende Leucht-Kirschblüten heruntergelassen. "Auf in ein neues Leben" rufen die anderen am Schluss und rennen wie kopflose Hühner hin und her. Ein Aufbruch sieht anders aus.

Gliederpuppen, die nicht mehr aufzustellen sind

Dieser Abend ist ein Fest der Schauspieler, wie so oft in letzter Zeit in Köln. Noch zu nennen sind Marie Rosa Tietjen, die die jüngste Tochter Anja (die einzige in der Familie mit einem Sinn fürs Handfeste) mit natürlichem Jungmädchen-Charme spielt. Yorck Dippes Kontorist Semjon lässt kaum einen Slapstick aus, stolpert sogar ins Becken des Schlagzeugers und tut einem trotz seiner übertriebenen Dusseligkeit leid: "Mein Leben ist eine einzige Katastrophe." Lina Beckmann als Adoptivschwester Warja ist zum Schreien komisch, wenn sie vor Freude über die Ankunft der Mutter ein Rad schlagen will, aber auf halber Strecke auf den Bauch plumpst. Als Lopachin sie am Schluss einfach stehen lässt, wo er sie eigentlich schnell noch heiraten wollte, geht einem dieser "Kirschgarten" auf einmal doch noch nah.

Denn über weite Strecken lassen einen diese unglücklichen Russen leider ziemlich kalt. Vielleicht weil Regisseurin Karin Henkel die Schauspieler in ihren Rollen wie Karikaturen ihrer Figuren agieren lässt. In einer symptomatischen Szene schubst Yorck Dippes Semjon die Gesellschafterin Charlotte (Brigitte Cuvelier) um, die umfällt wie eine Gliederpuppe und nicht mehr aufzustellen ist. Minutenlang faltet er an ihr herum, bis ihm die anderen helfen, sie wieder aufzurichten.

Das ist sehr komisch, also ganz im Sinne Anton Tschechows, der seinen "Kirschgarten" immer als Komödie verstanden wissen wollte. Aber Gliederpuppen sind halt auf Dauer nicht sehr bewegend, selbst wenn sie bewegt werden. Irgendwie fehlt diesem "Kirschgarten" das Herz.

 

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Deutsche Fassung von Elisabeth Plessen nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme
Regie: Karin Henkel, Dramaturgie: Rita Thiele, Bühne: Kathrin Frosch,
 Kostüme: Nina von Mechow Licht: Hartmut Litzinger, Musik: Cornelius Borgolte, Musiker: Henning Beckmann / Michael Lücker

Mit: Lena Schwarz, Marie Rosa Tietjen, Lina Beckmann, Matthias Bundschuh, Charly Hübner, Jan-Peter Kampwirth, Michael Weber,
Brigitte Cuvelier, Yorck Dippe, Laura Sundermann, Jean Chaize, Maik Solbach.

www.schauspielkoeln.de

 

Andere Kirschgärten? In Dresden schickte Tilmann Köhler im Mai 2010 die unglücklichen Russen in die innere Emigration und liess dabei gelegentlich Tschechow-Weihrauch aufsteigen. In Leipzig fand Sebastian Hartmann im November das berühmtet Tschechow-Gefühl, die eigene Zeit sei abgelaufen, im Heute und uns allen wieder.

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (16.1. 2011) hat Karin Henkel Tschechows Kirschhgarten zwar "auf einen Punkt gebracht", aber dabei doch seinen Radius nicht zugelassen. Sie nehme ernst, was Tschechow als Genre vorgebe, die Komödie nämlich. "Eine Gesellschaft wird gezeigt, die, statt dem Bankrott ins Auge zu sehen, in den Untergang tanzt. Ausgelassen, enthemmt, liebestoll." Dabei tanze sie, "wie sie Rokoko-Kostüme mit Salongarderobe der vorletzten Jahrhundertwende und heutiger Alltagskleidung" wechsele, auch durch die Zeiten. So um den konkreten historischen Hintergrund gebracht, werden die Charaktere aus Sicht des Kritikers allerdings zu "Typen des Boulevards". So ausführlich erzähle die Regie von "einem mit Amüsement vertanen Leben", dass sich die Tragik von Stück und Stoff schließlich verflüchtige.

Tschechow sei "immer auch Komödie: Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (17.1.2011). "Aber nicht nur weil die Figuren komische Gestalten sind - und das Kölner Ensemble spielt in Höchstform -, geht die Zirkus-Metapher hier so gut auf. Denn Zirkus heißt auch Disziplin, heißt Zähne zusammenbeißen, den Kummer weg lächeln, und Zirkus verströmt jene Unschuld vergangener Zeiten, die längst von der Moderne überrollt wurden und in die man sich doch so kindlich romantisch zurücksehnen kann." Der Manegensand sei dunkel, verbrannte Erde, auf der Tschechows Lebensartisten "tanzen wie auf dem Vulkan (...) In dieser fahl beleuchteten Endzeitwelt bleiben der illustren Gesellschaft nur ein kleines, blinkendes Drehpodest und eine Zweimannkapelle. Der Rest ist Erinnerung, Phantasie, Selbsttäuschung." Lena Schwarz gelinge es, die Ranjewskaja "so in der Schwebe zu halten, als habe sie wirklich die Bodenhaftung verloren: flüchtig in anderen Sphären, wie es oft Lena Schwarz' Art ist, aber auch energetisch, ansteckend lustvoll, überdreht." Und für die Aufführung insgesamt gelte: "So überzeichnet, so wahr."

Karin Henkel versuche für ihren Kölner "Kirschgarten" "nicht, Tschechow neu zu erfinden, auch bei ihr sehen wir zuerst einmal sehr gutes, streckenweise großes Schauspieler-Theater", meint Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (17.1.2011). "Aber sie hat das Tempo straff angezogen. Und schon betrachten wir die Tschechow'schen Unglücksmenschen wie die Protagonisten eines zu schnell abgespielten Films, sie drehen und wenden sich zappelnd durch eine unverrückbar gleichgültige Welt." Wer mitleiden wolle, solle sich "besser Amélie Niermeyers Düsseldorfer Inszenierung von 'Die Möwe' ansehen. Auch dort drehen sich die nutzlosen Menschen im Kreis, aber sie tun es in Zeitlupe und gewähren uns Zeit, ihr fehlendes Fortkommen zu bedauern. Trotzdem ist Henkels Tschechow die spannendere Arbeit, weil sie in grotesker Deutlichkeit zeigt, wie die Menschen auf ihre Abschaffung reagieren, wie der Mangel an Geld und Zielen das Nervensystem angreift."

In Karin Henkels Aufführung würden "fast alle gewogen und für zu leicht befunden", meint Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (17.1.2011): "charmante Flaneure, die zum Schluss hektisch von links nach rechts und rechts nach links über den zurückgelassenen Diener Firs hinwegrennen - 'auf in ein neues Leben!', in dem sie vermutlich nie ankommen. Im pointierten Konzept dieser Inszenierung passt all dies millimetergenau zusammen." Doch Wilmes erinnert sich auch an Tschechow-Deutungen, "in denen das anders war, so dass Leichtsinn sich an Traurigkeit, Fatalismus an Wehmut rieb. So beschleicht einen im prasselnden Schlussapplaus das Gefühl, dass Kurzweil und grimmige Botschaft ihren Preis haben: den Verzicht auf die schmerzlichen Widersprüche der menschlichen Existenz."

"Bei aller Lust an hinreißenden Einzelleistungen" werde Karin Henkels "Kirschgarten" als Ganzes doch "zu komödiantischem Kleinholz", sagt Stefan Keim auf Deutschlandradio Kultur (15.1.2011). "Er bleibt Spielerei und bekommt keine Dringlichkeit. Das Potential des Stückes bleibt ungenutzt als Spiegel einer Zeit, in der Krisendiskussionen und Finanznot die Kommunen lähmen, in der alles Kosten-Nutzen-Rechnungen unterworfen wird und Theaterintendanten reden müssen wie Betriebswirtschaftler." Keim hält einen "schärferen 'Kirschgarten'" am Schlosstheater Moers dagegen, "mit nur fünf Schauspielern, die sich in allen Rollen durch das Stück kämpfen. Eine surreale, die Kraft der Fantasie feiernde Aufführung, die in einem Ausbruch brutaler Gewalt endet. Lopachin zerstört mit der Axt ein Klavier, dass die Splitter fliegen." Solche Augenblicke, "die über sich selbst hinaus auf gesellschaftliche Zusammenhänge weisen", würden in Köln fehlen.

 
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