"Das Recht befindet sich nie auf Seiten der Mehrheit!"

von Charles Linsmayer

Solothurn, 14. Januar 2011. Obwohl es immer wieder Aufführungen zustande bringt, die durchaus internationalen Standards gerecht werden, findet das Theater Biel Solothurn, gleichsam im medienmäßig toten Winkel zwischen Bern, Basel und Zürich gelegen, in den großen Schweizer Blättern kaum je die Aufmerksamkeit, die es verdienen würde. Das wird wohl auch im Fall von Ibsens "Volksfeind" nicht anders sein, der von der Regisseurin derart eigenwillig umgearbeitet worden ist, dass das Resultat eigentlich nicht mehr als "von Ibsen", sondern als "nach Ibsen von Katharina Rupp" bezeichnet werden müsste.

In einem Bühnenbild, das mit großen beweglichen Wänden etwas Nüchtern-Modernes ausstrahlt und dem Geschehen auch räumlich etwas gleichzeitig Irritierendes und Dynamisches vermittelt, beginnt der Abend mit einem Fernsehauftritt des Stadtpräsidenten, zu dem sich Ibsens Stadtrichter und Polizeidirektor Peter Stockmann gemausert hat. Ibsens Badeanstalt ist zu einem Aquapark geworden, den Stockmann, wundervoll altväterisch und bigott verkörpert von Gerhard Palder, in höchsten Tönen als Grundlage des allgemeinen Wohlstands preist. Sein Bruder, der Badearzt, den er anschließend aufsucht, hat inzwischen die Meinung über die Bäderanlage, die er auf dem Werbespot geschäftsmäßig anpreist, geändert. Eben ist das Gutachten der Universität eingetroffen, aus dem hervorgeht, dass das Badewasser hochgradig giftig ist und eine Reihe von Krankheiten verursacht.

Jenseits der Sensationsgier

Dr. Thomas Stockmann wird von Günter Baumann gespielt, der viel Leidenschaft und Impulsivität in die Rolle legt und glaubwürdig zu vermitteln vermag, wie der Künder einer unbequemen und enorme Kosten verursachenden Wahrheit allmählich zum Volksfeind wird, weil er sich jedem opportunistischen Kompromiss verschließt und die Chuzpe hat, nebst dem ökologischen Skandal auch den Sumpf der heimlichen Seilschaften und der unheilvollen Verstrickung von politischer Macht, Kapital und Presse aufzeigen zu wollen.

Eindrücklich die Konfrontation der beiden verfeindeten Brüder, die fast bis zu Tätlichkeiten eskaliert; für die modernen Medien hochgradig entlarvend die diversen Auftritte des Zeitungsverlegers Aslaksen (René-Philippe Meyer), der Journalisten Hovstad (Matthias Schoch) und Anne Billing (Barbara Grimm). Wie ein Idyll hebt sich das Leben des Badearztes, der über Kopfhörer Bach-Oratorien hört, im Pullover herumgeht und sich mit seiner jungen Frau (Katja Tippelt) zärtlich im Tanze dreht, von der Welt der sensationsgierigen Journalisten und des korrupten, machtversessenen Stadtpräsidenten ab.

Der vierte Akt, Ibsens Bürgerversammlung, ist zu einer Fernseh-Talk-Show mutiert, an der auch ins Publikum verstreute Schauspieler teilnehmen und wo sich der Badearzt nicht nur mit vier Vertretern von Presse und Behörden, sondern auch mit dem Fernsehpublikum auseinandersetzen muss, das telephonisch zugeschaltet ist und das sich in einem Votum mit erdrückender Mehrheit gegen ihn und seine alarmierenden Befunde ausspricht.

Fanal für die Schweizer Politik

Und hier ist es denn auch, wo das Stück unversehens eine brennende Aktualität bekommt und auf Momente hinaus zu nichts weniger als zu einem Fanal auf die prekäre Pattsituation wird, in der gegenwärtig in der Schweiz die Verfechter einer absoluten direkten Demokratie jenen Kräften gegenüberstehen, die nach einer Einschränkung der direkten Demokratie im Sinne des Völkerrechts und der Menschenrechte rufen.

Nur wenige Striche und Ergänzungen sind nötig, um aus Sätzen wie "Die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit – das ist die kompakte Majorität" oder "Das Recht befindet sich nie auf Seiten der Mehrheit, niemals!" einen Frontalangriff auf die Konstellation zu machen, die sich bei zwei kürzlichen Schweizer Volksabstimmungen ergeben hat. In maßlosem Zorn von einem Unterlegenen artikuliert, wirken die Sätze wie elektrisierend auf das Publikum, und es dürften an diesem Theaterabend mehr Leute für eine skeptische Betrachtung der schweizerischen politischen Realitäten gewonnen worden sein als in jeder noch so brillant geleiteten Parteiversammlung.

Der Rest ist Melancholie. Katharina Rupp gewährt ihrem Badearzt keinen Ausweg aus dem Dilemma. Nochmals hätte er Gelegenheit zu einem Kompromiss, als sein Schwiegervater (Raoul Serda) die Aktien des Aquaparks aus dem Erbe seiner Tochter kauft und eine Distanzierung von den Vergiftungsthesen seiner eigenen Familie zugute kommen würde. Aber Dr. Stockmann bleibt dabei, lässt es zu, dass er von allen isoliert wird und tröstet sich am Ende, mehr irritiert als überzeugt, mit der Erkenntnis, der stärkste Mann sei der, der ganz für sich allein stehe.

Der Solothurner "Volksfeind" ist beileibe kein wortgetreuer Ibsen. Aber die spannungsgeladene, mit unerbittlicher Konsequenz wie am Schnürchen ablaufende Inszenierung von Katharina Rupp schafft durchaus, was eigentlich jede Inszenierung eines über 100jährigen Stücks leisten müsste: die Geschichte, wie Ibsen sie vorgibt, anhand von unzähligen Einzelheiten in unsere Zeit zu transferieren, den darin offenbar werdenden Konflikt aber so herauszuschälen und nachvollziehbar zu machen, dass die Wirkung sehr viel größer und eindringlicher ist, als wenn das Stück einfach textgetreu wiederaufgeführt worden wäre.


Ein Volksfeind
von Henrik Ibsen
Deutsch von Christian Morgenstern, Fassung von Katharina Rupp
Regie: Katharina Rupp, Bühne und Kostüme: Cornelia Brunn, Dramaturgie: Silvie von Känel.
Mit: Günter Baumann, Katja Tippelt, Gerhard Palder, Raoul Serda, Barbara Grimm, Matthias Schoch, René-Philippe Meyer.

www.theater-solothurn.ch


Im toten Winkel der großen Schweizer Medien, nicht aber im toten Winkel von nachtkritik.de: Am Theater Biel Solothurn sahen wir zuletzt Fünf Mal Gott von Jonas Hassen Khemiri, Don Quichote von Körber-Preisträger Daniel Pfluger und Top Kids. Die Verteidigung der Freiheit von Marianne Freidig.

 

Kritikenrundschau

Im Bund (17.1.2011) aus Bern fügt Charles Linsmayer seiner Nachtkritik noch folgende Bemerkung hinzu : " ... Das wäre allerdings bloßer moderne Schnickschnack, wenn sich die Inszenierung nicht auf ein Ensemble verlassen könnte, das den Figuren auf imponierende Weise Kontur verleiht und auf den dramatischen Höhepunkten immer wieder spontanen Szenenapplaus erntet."

Angelica Schorre schreibt in der Aargauer Zeitung Der Sonntag (16.1.2011): Katharina Rupp sei mit ihrem Team einmal mehr eine "intensive, temporeiche Inszenierung gelungen". Subtil seien die verschiedenen Lebenswelten der beiden Stockmann-Brüder angedeutet, "unterstützt von einem in seinem Minimalismus überzeugenden und erfrischenden Bühnenbild". Hervorragend die "facettenreiche Darstellung" Günter Baumanns als Thomas Stockmann, Gerhard Palder interpretiere den Peter Stockmann "brilliant" als "rhetorisch versierten, autistisch wirkenden Hagestolz", auch das übrige Team überzeuge. Begeisterter Applaus mit "vollem Recht".

Katharina Rupp habe, schreibt Christophe Pochon, im Bieler Tagblatt (10.2.2011) ihre Stückfassung "mediengerecht" gestaltet, womit sie der "hochpolitischen Grundaussage" des Stücks "sehr wirksam Rechnung" trage und sie "topaktuell" gestalte. Es handele sich um eine "fulminante Arbeit". Ein Höhepunkt: ein Schlagabtausch der Protagonisten in der Sendung "Standpunkte" im Lokalfernsehen. Eine "Parade an Eloquenz, an vielsagenden Gesten und Bewegungen", welche die Schauspieler böten. "Die zur Schau gestellten Figuren provozieren die Zuschauer und die ertappen sich dabei, dass sie am liebsten lautstark Partei ergreifen und Äußerungen der Wut und des Beifalls von sich geben möchten." Eine andere Sternstunde der Aufführung sei der "heftig ausgetragene Bruderzwist" der Stockmanns. "Welch ein Können. Gerhard Balder und Günter Baumann, auch sonst in jeder Szene unangefochtene Spitze," ließen die Welten der "schieren Macht" und "des unbestechlichen Rechts" zusammenprallen. Und am Ende seiner Kritik schreibt Christophe Pochon noch einen wundervoll optimistischen Satz: "Tröstlich ist, dass ein Kämpfer fürs Recht wie Thomas Stockmann heute nicht mehr so einfach ausgegrenzt werden könnte. Wer für eine intakte gesunde Umwelt eintritt, wird nicht allein gelassen."

 

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