Der Goldrausch von Hundseck

von Esther Boldt

Mannheim, 15. Januar 2010. Die Generation Praktikum hat die Schnauze voll: Sie will kein 13. Praktikum, sondern ihr Stück vom Kuchen. Will nine-to-five bei anständiger Bezahlung, ein Auto, sonntags Tatort und vielleicht ein Reihenhaus. Wie er das erreicht, hat der studierte Geologe Friedrich von den Spekulanten an der Börse gelernt: Werte imaginieren, wo keine sind – und diese meistbietend vermarkten. So zeichnet der Dauerpraktikant auf einer Karte des Schwarzwalds rasch ein paar Goldadern ein, überzeugt mit dem Ausdruck seinen letzten Chef, ins Geschäft einzusteigen und fertig ist der Goldrausch von Hundseck.

Stets schlägt sich der ebenso junge wie erfolgreiche Autor Philipp Löhle in seinen kapitalismuskritischen Stücken auf die Seite derer, die eine eigene Fantasie entwickeln wollen und einmal selbst handeln, aber kläglich scheitern. In seinem neuen Stück hat er episodenhaft eine Reihe von Existenzen ineinander verstrickt, die charmant, verzweifelt oder auch zornig versuchen, sich einen (Handlungs-)Spielraum zu erstreiten: Friedrich, seine Mutter Emma und die drei Bauern Wolf, Michl und Henning.

Die Schicksalspuppen tanzen lassen

Doch in der Überkomplexität der globalisierten Gegenwart, ihren kapitalen Verflechtungen und Verschiebungen haben die fünf wenig auszurichten: "Um uns ging's doch nie", befindet Wolf am Schluss, "egal, wie wir uns verhalten." In Löhles bitterböser Komödie geht der harten Währung Gold der Saft aus, was bleibt, ist der Tod.

Bei der Uraufführung am Nationaltheater Mannheim springt Regisseurin Cilli Drexel auf die Leichtigkeit des Textes auf: Im monochrom schlammfarbenen Bühnenbild mit zwei Türen, allerlei Mobiliar, Topfpflanzen und einem Hydranten lässt sie die Schicksalspuppen tanzen. In drei Teilen rollt "supernova" die zentrale Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven auf: Emma, ihr Freund Wolf und Sohn Friedrich haben einen Klumpen Gold im Schwarzwald gefunden. Doch was tun damit? Zur Bank kann man ihn ja schlecht bringen. Flugs erfindet Friedrich das Goldvorkommen, das ihnen allen zu einem besseren Leben verhelfen soll.

Der Schauspieler Thorsten Danner macht aus dem findigen Burschen einen hysterischen Knaben im blauen Anzug, dem zusehends die Zügel aus der Hand gleiten: Sein Chef Berry verkauft das erste Gold als Termingeschäft, lange bevor es geborgen ist, seine Freundin Laura investiert in eine teure Wohnung am Park.

Der angebliche Wert des Goldes

Aus dem Nichts werden Werte geschöpft, zur blanken Panik von Hochstapler Friedrich, der abwechselnd bäuchlings über den Boden rutscht oder einfach umfällt. Währenddessen trifft die 49-jährige Krankenschwester Emma plötzlich der Gedanke vom Tod. Sie kündigt ihre Stelle, beginnt, Regionalgeschichte zu studieren und mustert ihre cremefarbene Kleidung aus. Zart, aber entschieden arbeitet sich Anke Schuberts Emma in ein neues Leben hinein und beginnt, im Revolutionsjahr 1848 zu forschen, die eigene Sterblichkeit im Augenwinkel.

Während die Revolutionäre für Demokratie und Gerechtigkeit Verbündete suchten, zerstört über 160 Jahre später der angeblich ewige Wert des Goldes nachhaltig das Schwarzwaldidyll: Wolf verkauft seinen Hof und zieht in die Stadt, Henning fackelt seinen Hof ab, weil den kein Spekulant kaufen wollte – er liegt am falschen Hang –, und Michl sitzt auf einem Sägewerk ohne Bäume. Denn der Schwarzwald wurde kurzerhand nach Mecklenburg-Vorpommern verpflanzt, weil Umweltschützer gegen das zum Goldabbau notwendige Fällen der Bäume protestierten.

Klug, witzig, bitter

Wie in einer Supernova leuchten die Protagonisten alle noch einmal lichterloh auf, bevor sie sternengleich verglühen. Per Lynchjustiz ermächtigt sich schließlich die Machtlosen, wobei sie Friedrich zum symbolischen Sündenbock wählen. Wolf, Michl und Henning bringen ihn um und verscharren ihn im Wald. Zufrieden schieben die drei ihre Cowboyhüte in den Nacken, während es unter dem Bühnenboden goldgelb glimmt: "Wir wollten einmal wirklich entscheiden, was passiert."

Klug, witzig und bitter erzählt Löhle von den fruchtlosen, aber höchst engagierten Kämpfen der Don Quichottes gegen die Windmühlen. Doch ihre Freiräume entpuppen sich als Sackgassen, niemand macht ihnen den Weg frei. Drexels kurzweilige und temporeiche Inszenierung kostet diesen Witz aus, ohne ihm die Bitterkeit zu nehmen. Allein die Mehrfachbesetzung führt zu albernen Resultaten, wenn Sven Fricke als Freundin Laura und Ralf Dittrich als Emmas Freundin im schlechten Sinne der Komödie unbeholfen-tuntig spielen und die Figuren so entkräften.

 

supernova (wie gold entsteht) UA
von Philipp Löhle
Regie: Cilli Drexel. Bühne: Christina Mrosek. Kostüme: Julia Borchert. Video: Marc Reisner, Regina Hess. Licht: Robby Schumann. Dramaturgie: Ewald Palmetshofer, Ingoh Brux.
Mit: Klaus Rodewald, Ralf Dittrich, Sven Fricke, Thorsten Danner, Anke Schubert.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Zwar sehe es "so aus, als habe Philipp Löhle mit 'supernova (wie gold entsteht)' das erste Wutbürger-Drama geschrieben, ein deutsches 'Erhebt euch!'" geschrieben, doch das Stück sei leider "vollkommen überfrachtet", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (17.1.2011). Löhle verschachtele "seine an sich simple Handlung so kompliziert in drei Teile, dass die Zuschauer und der Autor damit ausgelastet sind, die Erzählfäden nicht aus dem Auge zu verlieren. Für Gegenwart, Sprache, Figuren, Moral oder andere Dinge dramatischen Interesses bleibt da kein Platz mehr. So erzählt 'supernova' vor allem die traurige Geschichte, wie ein sehr begabter Autor den Versuchungen des gefräßigen Theaterbetriebs erliegt und sich an ein Stück nach dem anderen verkauft." Was dem Stück fehle, sei "die feine ironische Sensibilität, über die Löhle eigentlich verfügt." Erstaunlicherweise entstehe in Mannheim "trotzdem so etwas wie gelassene Heiterkeit", was an der "gutgelaunten und sehr stilsicheren Regie von Cilli Drexel" liege.

Volker Oesterreich freut sich in der Rhein-Neckar-Zeitung (17.1.2011) über den Mannheimer Mut, neue Dramatik auf die große Bühne zu holen: "Sogar das Publikum zieht mit und beschert der Sparte exzellente Quoten." Der Plot von Löhles "supernova" klinge dann allerdings "nach einem Kolportage-Potpourri, ist es natürlich auch, aber wenn solch ein furioser Szenen-Cocktail erst von einem Könner wie Philipp Löhle angerührt wird (...) und wenn dieser Stoff dann auch noch von der so phantasievollen wie detailverliebten Mannheimer Hausregisseurin Cilli Drexel serviert wird, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Doch, es könnte, wäre da nicht dieses verteufelt gut aufeinander eingespielte Quintett auf der Bühne."

Supernova sei ein typisches Löhle-Stück, "die dramaturgische Konstruktion ist nachlässig, der kritische Tenor lässig entspannt", so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.1.2011). Cilli Drexel mache aus Löhles Goldrausch-Farce einen Schwarzwälder Western. "Ralf Dittrich, Klaus Rodewald und Sven Fricke sorgen mit breitbeinigem John-Wayne-Slapstick für einige Heiterkeit (...) Alles in allem aber scheinen die betrogenen Betrüger doch eher einer derben Heimatkomödie als zeitgenössischer Bühnenkunst entsprungen." Löhles Humor mag golden sein, aber mit der handwerklichen Sorgfalt nehme er es nicht so genau. "Cilli Drexel hat das mit kurzen, schnellen Schnitten und gutgelauntem Klamauk glattzuhobeln versucht, aber am Ende geht auch ihr die Luft aus." Im dritten Akt sei das Bauerntrio nur noch damit beschäftigt, den wirren Plot einigermaßen abzuwickeln.

Löhle, der Theaterautor für "komische und gleichzeitig ironische Texte", habe sein Drama dieses Mal in zwei Teile zerfallen lassen, analysiert Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (20.1.2011): in einen Goldgräberbluff als "Schwarzwald-Groteske" und einen "Geschichts-Exkurs", bei dem in Kauf genommen werde, "dass unter der Hand eine ganz neue Bühnenerzählung entsteht". Die Unverbundenheit beider Teile habe zur Folge, dass Drexels Uraufführung, die "leichthändig" anhebt, "als sei Christina Mroseks schlammgraue Bühne ein Paradies für lässige Suizidkomiker", bald "immer schleppender vorankommt."


 
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