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Melodram im Freefall-Tower

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 22. Januar 2011. Warum sie sich nicht eine sichere Nummer heiraten würde? Einen, der einer geregelten Arbeit nachgeht und ihr Sicherheit zu geben vermag, fragt Julie ihre Freundin Marie in einer der Schlüsselszenen dieses Abends. Einen vielleicht, wie den in dieser Inszenierung omnipräsenten Friseur, der beharrlich um ihre Hand anhält und bereit ist, ihr eine solche sichere Existenz zu garantieren. Ja, warum nur, warum liebt Julie Liliom?

Karussellausrufer der Herzen

Die Sympathie des Produktionsteams für den Antihelden Liliom ist groß, das spürt man vom ersten bis zum letzten Augenblick. Schauspieler und Braunschweiger Publikum lieben den Karussellausrufer, der sie nicht im Budapester Stadtwäldchen, sondern im Freefall-Tower des Hamburger Doms oder der Braunschweiger Masch zu einem kollektiven "Freien Fall" empfängt. In Sven Hönigs Interpretation fliegen ihm die Herzen der Zuschauer zu. Diesem Liliom, der anders ist, der sich nicht einfügen will und kann in ein System, in dem die wichtigste Frage "Was machst du beruflich?" lautet. Der sich hinreißend freut, Vater zu werden, ohne sich Gedanken zu machen über die Zukunft – er selbst bleibt ein ewiges Kind.

Dass er auch eine dunkle Seite hat und aus Sprachlosigkeit seine große Liebe Julie immer wieder schlägt, steht in Ferenc Molnàrs Stück. Auf der Bühne in Braunschweig allerdings bleibt dieser Teil der Beziehung konsequent und beinah provokativ ausgespart. Stattdessen konzentriert sich die Inszenierung auf das melodramatische Liebesdreieck, auf die zwei Frauen, zwischen denen Liliom steht und die ihn jede auf ihre Weise begehren.

Leidenschaft zwischen Luftballons

Da ist zum einen die Besitzerin des Freefall-Towers Muskat, die hinter ihrer laut prollenden, Schimpfwörter rotzenden Fassade ihren Ausrufer Liliom mindestens genauso innig liebt wie ihre Widersacherin Julie, deren Gefahr für ihr eigenes Glück sie instinktiv spürt, bevor diese auch nur ein Wort mit Liliom gesprochen hat. Nientje Schwabe spielt sie absolut überzeugend, in einer so zupackenden, pragmatischen Art, dass man sich fragt, ob nicht tatsächlich sie genau die Richtige für diesen Kerl ist.

Und da ist die von Theresa Langer mit filmischer Authentizität gespielte Julie, die sich von Leidenschaft überwältigt noch zwischen den Luftballons "knallen" lässt. Die trotz allem Zureden nicht den von Moritz Dürr fast dämonisch verkörperten Friseur heiraten will, den sie sogar noch zurückweist, als sie, schwanger, mit der Leiche des Liliom alleine an der Bühnenrampe zurück bleibt. Sie droht an dieser Liebe zu vergehen und bricht, in einem der eindringlichsten Momente dieses Abends, vor Verzweiflung in Tränen aus – darüber, dass sie eben nicht bereit ist, einen langweiligen, aber berechenbaren Mann wie den pickeligen BWL-Studenten Wolf (David Kosel) toll zu finden, der mit ihrer unerfahrenen, aber, was Männer betrifft, mit einem gesunden Instinkt ausgestatteten Freundin Marie (Rika Weniger) zum Ehefoto antritt.

Panoptikum der Lebensentwürfe

Wie in einem Panoptikum der Lebensentwürfe befinden sich alle diese Figuren in Braunschweig den ganzen Abend über auf der Bühne (Claudia Kalinski), wo die Luftballons zerplatzen wie der Traum vom Kleine-Leute-Glück. Das hat den großen Vorteil, dass die Figuren auch dann miteinander kommunizieren können, wenn sie nur übereinander sprechen oder den jeweils Anderen buchstäblich im Rücken fühlen. Dadurch ergeben sich einige äußerst spannungsreiche Momente, etwa wenn Liliom zwischen den Blicken der Muskat und Julie hin- und hergetrieben wird, um sich schließlich – wie einst Nicolas Cage in David Lynchs "Wild at Heart" – von Hanno Koffler als skrupellosem Ficsur zu einem Raubüberfall anstiften zu lassen, der ihn letztlich das Leben kostet.

Ganz zum Schluss gönnt Molnár seinem Karussellausrufer dann noch einen Moment des Wiedersehens: Für einen Tag darf der tote Liliom aus dem Himmel auf die Erde zurück. In der Textvorlage versemmelt er auch diese letzte Chance. In Braunschweig erkennt sich das liebende Paar wieder, keine Schläge, nur ein tiefer Blick in die Augen: "Ich bin's". Das ist großes Kino, mitreißend und in dieser kompromisslosen Interpretation extrem berührend. Das Publikum dankt’s mit langem, von vielen Bravos durchsetzten Applaus für Schauspieler und Regieteam. Man fragt sich bloß: Ist der Antiheld Liliom hier nicht doch ein bisschen zu gut weg gekommen?

 

Liliom
von Franz Molnár
Inszenierung: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabine Thoss, Dramaturgie: Christine Besier.
Mit: Moritz Dürr, Sven Hönig, Hanno Koffler, David Kosel, Theresa Langer, Nientje Schwabe, Rika Weniger.

www.staatstheater-braunschweig.de

 

Kritikenrundschau

Sven Hönig sei als Liliom "ein Animateur der Spitzenklasse, frech, erotisch, bedrohlich lockt er die Rummelplatzbesucher in die neueste Attraktion, den Freefall", schreibt Andreas Berger in der Braunschweiger Zeitung (24.1.2011). Vorzüglich treffe Hönig "den Ton des Draufgängers, der um seine sexuelle Dominanz weiß." Und bis zur Pause gelinge Daniela Löffner auch eine "packend-phantasievolle Inszenierung", auch wenn es "einige Manieriertheiten" gebe, "wo Löffner einfach nicht auf ihre exzellente Sprachregie traut, sondern sich an Nebensächlichkeiten festhält". Danach aber befinde sich die Aufführung " im freien Fall". Löffner lasse "circa 20 Minuten die Bühne säubern. Mit Handfeger und Fön statt Bahnsteigbesen und Laubbläser, bis auch der letzte zerplatzte Luftballon beseitigt ist. Das hat auch nichts von reinigender Kontemplation, nichts von Trauerarbeit über den Verschiedenen, das ist schlichtweg langweilig." Dann sei "die Luft raus. Angesichts des grandiosen Starts, der energischen Schauspieler, der klugen Anlage extrem schade."

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