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In Satzgewittern

von Steffen Becker

München, 23. Januar 2011. Das wird schwierig mit der bewährten Form einer Theaterrezension. Vom kritischen Dreisprung – Gestaltung der Bühne, Rolleninterpretation der Schauspieler, Reize von Stück und Inszenierung – ist bei dieser Umsetzung von Rainald Goetz' "Jeff Koons" nur der Absprung leicht zu bewältigen. Bert Neumann und Alexandra Süßmilch lassen im ganz in blau gehaltenen Werkraum der Münchener Kammerspiele das Feeling eines Großstadtclubs aufkommen. Das Publikum rückt in die Rolle der verzagten Cola-Nippler, die am Rand sitzen. Die Schauspieler werfen sich auf der Tanzfläche/Bühne zu Elektroklängen ekstatisch in den Kampf um Aufmerksamkeit.

Es geht um Reden, Bilder, Melodien

Bei den anderen beiden Punkten kommt man als Kritiker schon ins Schleudern. Es gibt Schauspieler, aber keine Rollen für sie. Sie machen Theater, aber sie zeigen kein Stück. "Es geht um Reden, Bilder, Melodien. Es geht um Menschen, die was sagen wollen, tun. Es geht nicht sehr um Handlungen. Es geht um Harmonie. Halt, Stop, Lüge, falsch, im Gegenteil, es geht um das Nie der Harmonie", rezitiert ein Schauspieler. Nur um den Namensgeber Jeff Koons, DEN Pop-Künstler der 1980er (und der Gegenwart), um den geht es meistens nicht. Aber das in einem Sprach- und Gedankentempo, das vom hämmernden Beat aus dem Off ziemlich gut getragen wird.

An die Inszenierung stellt das besondere Herausforderungen. Denn wenn es überhaupt eine Regieanweisung gibt, dann jene, dass der Autor laut Goetz der "letzte Dreck" sei und es auch sein solle. Vielleicht stopft deshalb ein Müllmann die vom Leib gerissenen Kleider in einen Sack mit der Aufschrift "Abfall für alle" als Anspielung auf ein weiteres Goetz-Werk. Wo der Autor entsorgt wird, muss die Regie dem Material "ihr eigenes Ding" entgegen setzen, heißt es. Und Christiane Pohle tut es. Im Remix der Textsample über Ficken, Türsteher, Tanzen, Drogen, Medien "und so Zeug" deutet sie einen roten Faden an, oder genauer: eine orangene Trainingsjacke. Diese schlackert um Peter Faschings Schultern, verpasst ihm einen "bemüht coolen, aber leider doch daneben" Look. Sie hebt ihn ab von seinen souverän gestylten Mitspielern, deren Auf- und Abgänge er fassungslos begutachtet. Nur er bleibt permanent präsent, wird manchmal gemobbt, manchmal dreht er durch. Er ist der visuelle Anker für uns Zuschauer im Bilder- und Satzgewitter.

They get the party started

Man muss sich auch erst daran gewöhnen, dass es bei Goetz auf den Inhalt der Worte nicht ankommt. Selbst beim Lesen rauschen sie vorbei, man vergisst sie sofort. Was hängen bleibt, ist ihr Sound. In München klingt er nach dem Lebensgefühl der jungen Aufsteiger: auf Speed, auch ohne es zu nehmen, maßlos aus Angst, etwas zu verpassen. Mit den Schauspielern der Otto-Falckenberg-Schule fühlt man sich dabei ganz im Heute und nicht Ende der 1990er, als Goetz das Stück schrieb. Sie sind Partygänger par excellence, modern, trendsicher. Im rollenlosen Zusammenspiel beweisen sie Teamqualitäten.

Kurze Solos gibt es erst gegen Ende, als es dann doch ein bisschen um Jeff Koons geht. Lea Sophie Salfeld gibt das wirre Interview eines Kunstkapitalisten, der sich verliert – die Essenz des Scheiterns von Jeff Koons' Lebenskunstwerk einer Ehe mit Cicciolina, einer italienischen Pornodarstellerin und Politikerin. Oliver Konietzny hält eine Galeristenansprache, die in ihrem Wahnwitz authentisch und Parodie zugleich ist. Beide Auftritte sind Höhepunkte einer an unterhaltsamen Einfällen ohnehin reichen Inszenierung. Sie schließt mit einer formvollendeten Small-Talk-Gesichtsübung von Peter Fasching, der seine Lifestyle-Lektion gelernt hat. Müsste man nicht über die Schwierigkeiten eines Kritikdreisprungs schreiben, sollte man ausgehen und schauen, ob das auch auf einen selbst zutrifft.


Jeff Koons
von Rainald Goetz
Inszenierung: Christiane Pohle, Raum: Bert Neumann, Bühne/Kostüme: Alexandra Süßmilch. Musik: Rainer Süßmilch, Licht: Jürgen Tulzer. Video: Jonas Spriestersbach. Dramaturgie: Malte Ubenauf
Mit: Elinor Eidt, Maximilian Engelhardt, Peter Fasching, Alexander Fuchs, Florian Innerebner, Oliver Konietzny, Johannes Meier, Clara-Marie Pazzini, Hanna Plaß, Lea Sophie Salfeld, Anja Thiemann, Matthias Zera.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Man könne verstehen, warum Christiane Pohle diesen Text inszeniert habe, meint Petra Hallmayer (Süddeutsche Zeitung, 25.1.2011): "Dieser nach allen Seiten hin offene Text bietet sich als Spielwiese und Übungsmaterial für junge Akteure an." Es gehe um "Glanz und Elend des Künstlers, den Rausch des Nachtlebens, die Kinderseligkeiten der Liebe." Nur schade, "dass sich die Aufführung mitunter in Aktionismus und sinnfreier Tempoerhöhung verliert. Da werden Textpassagen herausgebrüllt und heruntergerattert. Sicher muss man Goetz" assoziative Gedankensprünge nicht feierlich ernst zelebrieren, so aber rauschen sie bloß vorüber, entsteht langweilender, lärmender Leerlauf." Daneben aber gebe es "starke, witzige Momente." Höhepunkt sei "eine Parodie auf den Kunst-Party-Zirkus und das Galeristen-Gebabbel mit einer herrlich komischen Ausstellungseröffnungs-Rede".

"Ein Schocker" sei dieses Stück "zweifellos, der gutbürgerliches Publikum nicht gerade ins Theater lockt, aber der den Irrsinn exzessiver Selbstdarstellung aufgrund Minderwertigkeitsgefühle kongenial eingefangen hat", schreibt Hannes S. Macher (Donaukurier, 25.1.2011). Und es sei eine "ideale Vorlage (...) für Schauspielschüler". Der Abend zeige "ein wüstes, faszinierendes Gemisch aus wirren Monologen, hysterischen Anfällen, Gewaltorgien und zwanghafter Rituale dieser (...) im 'Ich-Körper' gefangenen Jugendlichen." Auch einige "ungemein melancholische Passagen weist diese Aufführung zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen realen Albträumen und Horrorszenarien auf".