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Wenn junge Männer in den Krieg ziehen

von Harald Raab

Heidelberg, 27. Januar 2011. Was machen Kriegserfahrungen aus jungen Menschen? Wie verändern ihre Traumata eine Gesellschaft? Und kann dieses Thema überhaupt glaubwürdig auf der Bühne dargestellt werden? Mit Kämpfen und Sterben deutscher Soldaten in Afghanistan werden solche Fragestellungen auch hierzulande immer aktueller. In Israel, dem seit seiner Gründung 1948 permanent bedrohten Land, ist das eine alltägliche Herausforderung.

Krönung, Königreich und Entthronung

Der israelische Autor Yaron Edelstein (unter Mitarbeit von Dalit Milshtein) gibt in seinem Stück "Berg" Einblick in die physische und psychische Destruktion unmittelbarer Erlebnisse im Kriegseinsatz: Kein Heldenepos, aber auch kein vordergründig plakatives Antikriegsstück. Nur ein Ecce Homo – und deshalb stark: Junge Männer, die noch nicht ihre Angst vor dem Mythos Weib überwunden haben und deshalb mit ihren sexuellen Eroberungsabenteuern zotig prahlen, in der Extremsituation, töten zu müssen, und in der Gefahr, selbst getötet zu werden.

Drei Kampfeinsätze einer kleinen Truppe. Drei parabelhafte Episoden mit den Kodenamen "Krönung", "Königreich" und "Entthronung" verweisen auf drei Phasen der israelischen Geschichte, die aufgezwungen und aneinandergereiht einen Sechzigjährigen Krieg ergeben – mit Zuversicht beim Unabhängigkeitskrieg (1948–1949), mit stolzer Selbstbehauptung beim Jom-Kippur-Krieg (1973) und mit routiniertem Fatalismus beim Libanonkrieg (2006). Entsprechend erodiert ist der Glaube an die Sinnhaftigkeit eines Kampfs auf Leben und Tod.

Ein Fels, viel Brandung

Der Krieg kann keine Individuen gebrauchen. Tötungsmaschinen haben keine menschlichen Namen, nur Bezeichnungen. Die vier Jungen der Truppe heißen einfach "Augen", "Fleisch", "Ausbrüche" und "Schmunzeln". Und doch sind diese Typen Charaktere. "Augen" (Natanael Lienhard) ein sensibler Softy, der in schier homoerotischer Hingabe dem Kommandanten hörig ist. "Fleisch" (Klaus Cofalka-Adami) ist der Angepasste, einer der mit seinem Überlebensinstinkt überall durchkommt. "Schmunzeln" (Simon Bauer) ist der brauchbare Rambo, der seinen Vorteil zu wahren weiß. Und "Ausbrüche" (Matthias Rott) der Schwächling, der mit Angeberei seine Defizite kompensiert.

Nur ihr Anführer, die Inkarnation der Staatsdoktrin, hat einen Namen. Er heißt "Berg" (Paul Grill), ein smarter Aufsteiger, Führungstyp mit Charisma, der dem Haudegen Ariel Sharon nachempfunden ist. Ariel der Fels – schließlich braucht es ein Idol, einen Fixpunkt für den kollektiven Selbstbetrug, wenn der höchste Einsatz im Spiel ist: das Leben.

Moderne Schlachtfelder

Ansonsten spielt die Folie der nahöstlichen Realität in der phantasievollen Heidelberger Produktion keine weitere Rolle. Regisseur Timo Krstins stellt nicht Militärszenarien nach, lässt nicht waffenbehangen über die Bühne marschieren oder herumrobben. All das wäre nur lächerlich. Schlachtfeld sind die Kampfzonen der Leistungsgesellschaft mit Golfklub und Grillparty und überall dort, wo sich der Nachwuchs zu bewähren hat. In Freizeitkleidung und Business-Anzug auf in den Krieg. Es gilt, die inneren Kämpfe sichtbar zu machen, die Rituale, die zum national verordneten Zivilisationsbruch individuell und als Massenphänomen zwangsläufig dazu gehören. Tapferkeit und moralisch saubere Kriegsführung sind die eingeplanten strategischen Lügen, ohne die das Spiel vom Töten und Getötetwerden nicht in Gang zu bringen wäre.

Fünf Männer ziehen mit Golfschlägern und Golfbällen vor einem Gefechtsstand, der eher einer gestylten Gartenlaube ähnelt, in den Einsatz (Bühne und Kostüme: Flurin Borg Madsen). Sie pinkeln noch mal und machen sich Mut mit Angeberei, wie sie ihre Mädchen "gepflügt" haben. Erster Auftrag: die nächtliche Sprengung einiger angeblich unbewohnter Häuser am Rand eines Dorfes. Doch die Behausungen sind nicht leer. Soll man die Familien durch Schüsse in die Luft aufschrecken und zur Flucht veranlassen? Die Lage wird brenzlig. Die Sprengsätze müssen vorher gezündet werden.

Schattenspiele, Trauerreden

Das Kampfgeschehen findet wie im chinesischen Schattenspiel hinter angestrahlten transparenten Stellwänden statt. Der Jüngste der Truppe wird von herannahenden Gegnern schwer verletzt. Gefährdet man den Rückzug der Truppe, in dem man den Verwundeten mitschleppt? Der Anführer löst das Problem. Er tötet den Kameraden mit einem Hieb seines Golfschlägers. Ein Opfer fürs Vaterland.

Zweiter Einsatz, irgendwo auf dem Sinai in der Nähe des Suez-Kanals. "Berg", alias Sharon, hat ihn bereits überquert. Die ebenfalls weit vor geschickte Truppe sieht sich plötzlich vor einem zahlenmäßig übermächtigen Feind im Artilleriebeschuss. Ein Feuergefecht. Wieder wird einer verwundet. Die Munition geht aus. Man müsste zurück. Doch über Funk kommt der Befehl: Bleiben und Widerstand leisten! Elendig verreckt sind sie wohl alle – schon wieder fürs Vaterland. Nur "Berg, der Anführer, ist der Heros der Nation. Und hält vorab gleich einmal eine Heldengedenkrede. "Ich hatte einen Kameraden..."

Was ist die Voraussetzung für Frieden?

Die letzte Szene ist vollends eine Farce aufs Kriegshandwerk. Die Truppe übt schon mal gegenseitiges Umlegen bei einer Gartenparty mit Würstchenbraten und Sekt im Glas. Die Mörder sind immer die anderen, denen man am besten ein Loch in den Kopf verpasst. Wer in Todesangst tötet, braucht diese archaischen Rituale. Als Berg/Sharon sich in den ewigen Schlaf verabschiedet, bleibt nichts als Leere zurück: die Sinnlosigkeit jeglichen Krieges. Die Entfesselung der bestialischen Instinkte lassen nicht so ohne weiteres ins bürgerliche Leben zurückfinden. Die Furien der Erinnerung machen alle, die dabei gewesen und davongekommen sind, zu Gezeichneten fürs Leben.

Eines befördert diese intensiv gespielte und so beeindruckend intelligente Inszenierung, Gott sei Dank, nicht: Sie leistet nicht dem europaweiten Trend Vorschub, die Israelis an den Pranger zu stellen. Es geht um die Fragwürdigkeit des Krieges überall. Und irgendwie um die furchtbare Paradoxie, dass in dieser Welt Krieg auch die Voraussetzung von Frieden sein kann – oder zumindest dafür ausgegeben wird.


Berg (Europäische Erstaufführung)
von Yaron Edelstein, Mitarbeit: Dalit Milshtein
Regie: Timo Krstin, Bühne und Kostüme: Flurin Borg Madsen, Dramaturgie: Nina Steinhilber.
Mit: Simon Bauer, Klaus Cofalka-Adami, Paul Grill, Natanael Lienhard, Matthias Rott.

www.theater-heidelberg.de

 

Yaron Edelstein, Dramatiker und Regisseur, wurde 1979 in Israel geboren. An der Theaterakademie Seminar Hakibutzim in Tel Aviv absolvierte er bis 2008 eine Regieausbildung. Er gründete ein Ensemble für satirisches Theater und gab Theater-Workshops für jüdische und arabische Jugendliche.

 

Kritikenrundschau

Von einer beklemmenden wie fesselnde Inszenierung spricht Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (29.1.2011). Der Abend zeige und warne zugleich davor, wie rasch aus Normalität und Spiel kriegerische Lebensvernichtung werden könnten, nicht nur in Israel. Denn das israelische Kriegsthema fand der Kritiker auch auf deutsche Afghanistan-Erfahrungen übertragbar, für ihn ein weiterer Pluspunkt dieses Abends. Bereits die Ausstattung der Inszenierung löse die konreten Konturen des Geschehens weitgehend auf, "alles ist nur schemenhaft skizziert und verschwimmt, hebt die dargestellte Problematik so ins Allgemeine," schreibt Heribert Vogt. Lediglich die
Figur des Anführers, der Arien Scharton nachempfundene Titelheld Berg, stelle ihn als deutschen Betrachter vor ein Identifikationsproblem, da Kriegshelden "Führerfiguren" hierzulande schon lange nicht mehr angesagt seien.

Yaron Edelsteins Bühnenerstling sei keine leichte Kost, schreibt Alfred Huber im Mannheimer Morgen (29.1.2011). Regisseur Timo Krstins aber habe seine europäische Erstaufführung in ein "nicht allzu beklemmendes Szenarium verwandelt". In Heidelberg sei der Krieg "kein entgrenzender Ausnahmezustand, nicht die Summe monströser Einzelheiten". Denn der Regisseur halte den Zuschauern "die Schrecken, die Ausweglosigkeiten auf angenehme Weise vom Leib". Auf den Kritiker wirkt die Inszenierung daher über weite Strecken "kühl, karg, fast nüchtern". Wenn Krstin überhaupt emotionale Emphase zulasse, "dann in ironischer Übertreibung". Doch so werde "aus plausibler Zurückhaltung Bildarmut, und aus Worten, die am Rande des Nichts" gesprochen werden, würden am Ende Floskeln.

 

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