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Oh, Kinderschreck!

von Andreas Wilink

Bochum, 28. Januar 2011. Es sei dies ein Stück "so vielschichtig wie Shakespeares 'Sommernachtstraum'", schreibt Golo Mann in seinen Lebenserinnerungen über "Die Ratten" anlässlich einer Aufführung zu Ehren von Gerhart Hauptmann zu dessen 70. Geburtstag. Nun würde man David Bösch nicht unbedingt für einen Leser dieses Historikers europäischer Geschichte halten wollen (eher schon die Dramaturgie am Haus von Anselm Weber) – allein, Bösch, der seine Regiearbeit in Essen zu Webers Start 2005 am Grillotheater mit eben diesem Shakespeare begonnen hatte, lässt nun am Bochumer Schauspielhaus in Webers erster Saison "Die Ratten" folgen.

Doch bei Bösch wird die Verbindung zwischen beiden Dramen höchstens gestiftet über Teen-Horror, Splatter-Movie und Fantasy-Anleihen. Und ein Esel ist auch da. Zumindest dessen Kopf, der wie ein Riesen-Zettel-Steifftier von der Decke baumelt und den Fundus von Theaterdirektor Harro Hassenreuter befüllt.

Das neue Theater muss...

Womit wir auch schon beim Vorspiel auf dem Theater wären. Denn "Wenn ich mir was wünschen dürfte" (Friedrich Holländers wehmütiges Chanson gibt die Leitmelodie des Abends vor), so würde sich der protestantische Kandidat und Liebhaber Erich Spitta wünschen, zum Theater zu gehen und Schauspieler zu werden. Hier nun, in den Kammerspielen des Schauspiels Bochums, musste er wohl eine Art Absolvent des Instituts für angewandte theologische Theater-Theorie sein und Vehikel für selbstreferenzielle, wenn nicht gar selbstironische Späße gegenüber dem eigenen Berufsstand.

Als es nämlich darum geht, das neue (soziale und demokratische) gegen das alte Theater (der verstaubten Ideale Hassenreuters, der bei Manfred Böll als eine Art unakademischer Prof. Unrat chargiert) zu propagieren, kommt Spitta über ein "muss..." nicht hinaus. Der alberne Kunststürmer-Possenreißer (Matthias Eberle) stammelt Leerformeln wie Loriots Politiker-Karikaturen und stößt die Namen der Bochumer Intendanten von Saladin Schmitt aufwärts bis Anselm Weber hervor. Zur flauen Nullnummernrevue rieselt malerisch Kalk aus dem Gebälk. Das aber ist nur die eine Geschichte.

Trauerspiel und Mörderkrimi

Die 1911 uraufgeführte "Berliner Tragikomödie" spielt auf zwei Etagen und Stufen: in der Mietskasernen-Wohnung der Frau John, die ihr eigenes Kindeken verloren hat und sich das Neugeborene der Dienstmagd Pauline Piperkarcka unterschiebt, bis die wahre Mutter Radau macht, woraufhin sie von Johns Bruder Bruno getötet wird. Weiter oben, sozusagen im Klassisch-Humanistischen, das kurioserweise auf dem Dachboden seinen Ort hat, gibt der abgehalfterte Theaterdirektor Hassenreuter Schauspielunterricht. Das Stück ist neben dem proletarischen Trauerspiel und dem Mörderkrimi gewissermaßen auch ein Treppenwitz, auf dem die Moral, Staat, Kaiser, Reich und Vaterland sowie die hehre Kunst ins Rutschen geraten.

Von Bösch auf quälend lange drei Stunden mit Pause ausbuchstabiert, wird der eine Teil (Spitta und Co.) hingekaspert, der andere (John und Nachbarschaft) hingebarmt. Elendsattrappen geistern über die wie abgebrannte, ausgebombte und verkohlte Bühne (Patrick Bannwart) mit kariösem Mauerwerk, sperrigem Gut und Mülltonnen, in die die Leichen entsorgt werden, was vermutlich an den Fall Kevin in Bremen erinnern soll, aber sonst weiter keinen Gedanken zulässt.

Kurzschluß im Gesellschaftssystem

David Bösch ist als Regisseur von Hause aus eher weichlich sentimental, statt analytisch gehärtet. Unklare Verhältnisse. Diffus die örtliche und zeitliche Situierung, bleibt die Inszenierung auch einer sozialen Wirklichkeit alles schuldig. Übertreibung und Überzeichnung schaffen ein Phantom-Milieu, in dem Hausmeister (Raiko Küster), Bruno Mechelke (Daniel Stock) und die Knobbes – verdreckt, verludert, angeschmiert – als Kinderschreck, Unhold und Spukwesen auftreten.

Mutter John (Katharina Linder) dagegen liefert, voller Inbrunst und aufgetakelt wie eine etwas billige Southern Belle des Tennessee Williams, das volle emotionale Programm, während die polnische Pauline (Maja Beckmann) eifrig an ihrem Akzent arbeitet und der Polier Paul John gerade und gut arbeiterbewegt unter der Schiebermütze die Schultern rollt. Zweimal fährt – Hauptmanns Symbolik quasi elektrifizierend – ein Blitze zuckender Kurzschluss in die Leitung und ins Gesellschaftssystem: bei Niederkunft des Piperkarcka-Babys und beim Tod des Knobbeschen Unglückswurms.

Es sind dies ein Energieverlust und eine Kraftverschwendung, die David Böschs Aufführung insgesamt recht genau beschreiben.

 

Die Ratten
von Gerhart Hauptmann
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Meentje Nielsen, Dramaturgie: Sabine Reich.
Mit: Maja Beckmann, Manfred Böll, Matthias Eberle, Bettina Engelhardt, Jürgen Hartmann, Raiko Küster, Katharina Linder, Kristina-Maria Peters, Xenia Snagowski, Daniel Stock, Anke Zillich.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Ratloses Schmähen der Tradition, mangelnde ästhetische Reflexion." So charakterisiert Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (31.1.2011) einen Auftritt Spittas, beides lasse sich aber auch der "Ratten"-Inszenierung von David Bösch im Ganzen bescheinigen. "Grell und durchaus eigenwillig werden die Figuren ausgestellt (...). Ihre Beziehungen aber werden schon äußerlich gekappt". Ein Sehnsuchts-Chanson von Friedrich Holländer durchziehe "die Aufführung und bleibt doch nur akustische Duftnote. Das Gegeneinander von Dachboden und Wohnung, dramatischem Unterricht und sozialer Not wird eingeebnet". Die "armen Schlucker", die Bösch zeige, seien "Verlorene und Verstörte, die mit Puppen und Stofftieren genauso umgehen wie mit Kindern, sie erst liebevoll im Arm wiegen und später brutal in die Tonne klopfen. Doch wo die Verrohung herrührt, bleibt so offen wie Ort und Zeit: Wofür die 'Ratten' stehen, wird nicht konkret, Hauptmann fährt Geisterbahn, und sein detailreich ausgepinseltes Stück verliert sich im Unverbindlichen."

"David Bösch und sein Bühnenbildner Patrick Bannwart siedeln das Stück in einem dreckig-düsteren Mauerloch an", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (31.1.2011). "Aber Bösch wäre nicht Bösch, wenn das Elend nicht schon wieder so pittoresk wäre, dass es schön anzusehen ist. Es ist ein Theaterelend. Eines, das einen in Ruhe lässt." Und der Dialekt, "das Hauptmann'sche Berlinschlesisch, schafft an einem Ort wie Bochum, der ja sein eigenes Kleine-Leute-Idiom hätte, unweigerlich Distanz. Dazu verhält sich Bösch nicht."

Die "'kleinen Leute' liegen Regisseur David Bösch offenbar ganz sentimental am Herzen", meint Dina Netz auf Deutschlandfunk (29.1.2011): "Die Figuren von Frau Johns Bruder Bruno und des Hausmeisters Emil wertet er sogar deutlich auf. Gestrichen wird bei Familie Hassenreuter und ihrem Umfeld. Bösch reduziert Theaterdirektor Hassenreuter und seinen Studenten Spitta darauf, den bei Hauptmann vollkommen ernsthaften Diskurs über die Erneuerung des Theaters in die Karikatur zu überführen." Es sei "konsequent, die Theater- und die Milieu-Ebene der 'Ratten', die schon bei Hauptmann wenig Berührungspunkte haben, völlig zu trennen. Im ersten Teil der Inszenierung findet David Bösch allerdings keine rechte Balance, keinen Ton." Im zweiten Teil verzichte Bösch dann "weitgehend auf seine gewohnten Regie-Mätzchen, sodass die von Patrick Bannwart gebaute Bühnen-Höhle oder Bühnen-Hölle viel besser zur Geltung kommt."

David Bösch stehe Gerhart Hauptmanns "Ratten" "relativ unentschlossen gegenüber, vieles kommt einem auch bekannt vor", schreibt Arnold Hohmann auf dem Internet-Zeitungsportal Der Westen (31.1.2011). Das höhlenartige Bühnenbild von Patrick Bannwart gemahne stark an Böschs "Woyzeck"; und "dass hier Schreckenskreaturen aus dem Dunkel kriechen", erinnere an seinen Essener "Sommernachtstraum". "So dreckig, schmierig und trunksüchtig, wie das niedere Volk hier auftritt, scheint Bösch die Zeichenstudien eines Zille noch potenzieren zu wollen." Trotzdem bleibe "alles zeitlich seltsam unverortet, wohnt man einer Sozialstudie bei, die im Nirgendwo zu spielen scheint und schon gar nicht den Kontakt zum Heute sucht."

Das Bochumer Ensemble agiere in Böschs "Ratten" "derart deftig und derbe, dass es die Tragik der Figuren verstellt", meint Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (31.1.2011). "Und der Witz des als Tragikomödie angelegten Stücks bleibt im Halse stecken, weil er aus so viel schreiendem Elend und mit brutaler Energie gewürzt ist." Wirklich zu Herzen gehe erst "der zweite Teil, wenn Bösch einfällt, dass es ja auch noch eine vielstrangige Geschichte zu erzählen gibt. Die lebt dann von vielen Momenten des bis in die Nebenrollen exzellenten Ensembles".

Funkelnd wie ein dunkles Märchen komme Böschs Inszenierung daher, schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (2.2.2011). "Bösch lässt sich Zeit, die vielen Wendungen des Dramas, das sich immer tiefer in Richtung Katastrophe schraubt, auszuerzählen - und man bleibt dran, staunend vor dieser Häufung von Morphinisten, Dieben und Mördern, die sich alle an recht bescheidenen Wünschen den Schädel einrennen." Er werfe keinen historisch oder sozial analytischen Blick auf den Stoff, wolle die Figuren nicht als Produkt der Verhältnisse erklären oder entschuldigen. "Theater bleibt bei ihm Theater, ein Stück Literatur und Vergangenheit, das seine Herkunft nicht leugnen will. Nicht um uns die Welt zu erklären, wird es wieder zur Gegenwart gemacht, sondern um die Widersprüche der Empathie zu erfahren." Anders als Thalheimers "Weber"-Expressionismus zeichne Bösch impressionistische Weichheit.

David Bösch, "einer der mitfühlendsten Regisseure des Gegenwartstheaters", könne mit dem theatertheoretischen Teil des Stücks, den Hauptmann auch zur Verteidigung seiner neuen, naturalistischen Dramatik schrieb, wenig anfangen, findet Stefan Keim in der Welt (2.2.2011). "Am Ende führt Bösch die beiden Sphären des Theaters und des schreienden Elends in einer Berliner Mietskaserne noch nicht einmal zusammen wie im Stück und zeigt damit, wie entbehrlich die ganze Handlung um den Ex-Intendanten ist." Aber die Geschichte des Kampfes verzweifelter Frauen um Kinder inszeniere Bösch zunehmend packender: "Vor allem überzeugen die stummen Szenen, in denen Blicke und Berührungen ins Innere der Menschen schauen lassen. Bösch verzichtet dabei diesmal meist auf Musikuntermalung, was die Intensität dieser Momente steigert."

"Nein, Scheu vor Emotionen und, wenn’s sein muss, vor Sentimentalität hat dieser Regisseur nicht", meint Gerhard Jörder in der Zeit (3.2.2011). Begeistert schildert er die detailreiche Bühne, deutet das Sammelsurium und kommt zu dem Schluss: "Das Spielerische ist das Pfund, mit dem Bösch wuchert – doch kann Leichtigkeit immer auch in Leichtgewichtigkeit umschlagen. In ihrem ersten Teil wirkt die Aufführung nur beliebig und umtriebig, sie verzettelt sich in Scherzen und Stimmungen. Erst in ihrer dritten Stunde gewinnt sie, dann aber mächtig, an Intensität; im Schlussbild wird Hauptmanns ganzes Personal abgeräumt und alle Konzentration auf das Schicksal der beiden Johns gelenkt."

 

 
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