altVerlassen und verlassen werden

von Ute Grundmann

Magdeburg, 4. Februar 2011. Caro übt an zwei Holzstücken, was sie ihren beiden kleinen Söhnen sagen will. Doch erst mal kommen nur verdrehte Sprichwörter aus ihrem Mund – "Hochmut fängt den Wurm" -, was sie ihnen wirklich sagen will, muss warten. Wie sie die beiden Holzklötze dann anblafft, "und jetzt geht euer Wege, aber leise" macht schon deutlich, dass da keine rundum glückliche Mutter nette Neuigkeiten für ihre Kinder hat.

Solche meist leisen Szenen mit gemeinen Widerhaken finden sich viele im neuen Stück von Kai Ivo Baulitz "An kalten Tagen bitte Türen schließen", das jetzt im Schauspielhaus Magdeburg uraufgeführt wurde. Die Szenenfolge ist ein Auftragswerk des Magdeburger Theaters, für das Autor, Schauspieler und Inszenierungsteam sich im Sommer 2010 zu einem dreiwöchigen Workshop trafen. Zuhause, Fortgehen und Heimkommen waren die Themen, die eigenen Biografien wurden ebenso eingebracht wie Geschichten von Menschen, die Magdeburg verlassen haben.

Verletzungen und Verlogenheiten

Daraus entwickelte Kai Ivo Baulitz sein Stück, für das Doris Dziersk einen deutschen Wald der besonderen Art auf die Bühne des Studios hat bauen lassen. Die kleinen und großen Tannen, die da stehen, sind aus hellen Holzlatten zusammengesetzt, sperrig, spröde. Zwischen ihnen kann man sich verstecken, anschleichen, in Deckung gehen. Man kann sie aber auch durch Schütteln ins Wanken bringen, wenn die eigene Welt ins Schwanken gerät.

Das passiert im Laufe des Stücks auch Jerome (Bastian Reiber), ein Pianist, dessen Konzertreisen "nur noch bis Kaiserslautern" führen. Zusammen mit seiner Frau Caro (Julia Schubert) besuchen sie deren Mutter Betty (Isolde Kühn) auf einer kleinen Ostseeinsel, die sie zum erstenmal für eine Flugreise verlassen will. Mühsam bahnen sich die beiden mit Koffern den Weg durch die Holztannen, streitend. Er redet von den "Parametern deiner Herkunft, du warst sieben, als die Mauer fiel", sie antwortet mit einem bösen "Menschen wie du werden irgendwann erschossen". So, wie die beiden da an der Ostsee ankommen, ist klar, dass es kein Insel-Idyll werden wird.

Aber Regisseur Enrico Stolzenburg lässt diesen (offenbar schon lange dauernden) Streit nicht auftrumpfend spielen, sondern leise, wie nebenbei und umso verletzender. Das Stück, das sie mit vorbereiteten, passt den Schauspielern wie ein Maßanzug – auch Mutter Betty, genannt Tante Betz (Isolde Kühn). Ihr Mann hat sich mit dem Schlauchboot in den Westen abgesetzt, schrieb seitdem nur Postkarten mit seltsamen Schilder-Aufschriften (wie auch der Titel eine ist). Doch er floh wohl mehr vor ihr als vor dem Staat, muss sie irgendwann zugeben, in diesem Stück, in dem auf engstem (Strand-)Raum die Verletzungen und Verlogenheiten aufbrechen.

Zwischen Komik und Tragik souverän ausbalanciert

Wenn die Mutter die Tochter anraunzt, "Dein Zimmer wirst du ja wohl noch finden", wird klar, wie lange Caro nicht da war. Doch Stück und Inszenierung walzen solche Hiebe nicht aus, stellen sie nicht aus, sie kommen ganz beiläufig und damit umso schmerzhafter. Auch für den Inselarzt (Sebastian Reck), nach vielem Reisen endlich angekommen, ist die Ostsee keine schmerzfreie Heimat. Immer wieder erinnert er (sich) an die kleine Caro, die er lange nicht gesehen hat, "nur ihre Röntgenbilder". Dass da auch noch eine schwere Krankheit ins Spiel kommt (Caro soll an Hirnerweichung leiden, ob das stimmt, bleibt ungewiss), könnte das Fass zum Sentimentalen ins Überlaufen bringen.

Dass das nicht passiert, liegt an allen Beteiligten dieser sehr überzeugenden Uraufführung. Am Autor, dem Chiffren ("es gab ja nichts") und kurze, wie abgeschossene Sätze ("Die Ehe ist kein Cluburlaub") genügen, um aus der Idylle eine leise Katastrophe werden zu lassen. Am Regisseur, der immer wieder eindrückliche Szenen findet – Caro und Jerome tauschen Rolle, Kostüm und Text und sagen sich, was sie vom anderen immer schon hören wollten.

Die Inszenierung hält souverän die Waage zwischen Komik und Tragik, zwischen Erinnerungen und schwierigem Heute. Und die Schauspieler überzeugen in dieser falschen Idylle zwischen Lichterkette und Holztanne, in die Maria Hinze als Musiklehrerin mit Klavier und Maultrommel kleine, feine Akzente setzt. Nach 90 Minuten langer Beifall für Team und Autor.

 

An kalten Tagen bitte Türen schließen (UA)
von Kai Ivo Baulitz
Regie: Enrico Stolzenburg, Bühne/ Kostüme: Doris Dziersk, Musik: Maria Hinze, Dramaturgie: Dag Kemser.
Mit: Isolde Kühn, Julia Schubert, Bastian Reiber, Sebastian Reck, Maria Hinze.

www.theater-magdeburg.de

 

Kritikenrundschau

"Zu wenig Klarheit, zu viel Unausgegorenes, in der Summe zu viel aufgesetzt wirkende Dramatik" bemängelt Claudia Klupsch in der Magdeburger Volksstimme (7.2.2011) an dieser Uraufführung. "Figuren und Konflikte bleiben rätselhaft." Die Partylaune des Anfangs schwinde schnell: Eine "fröhliche Party sieht anders aus. Es gilt, harte Kost zu verdauen. Damit es nicht zu quälend wird, ist Komisches in Text und Szenen gestreut. Lustiges Feiern geht über in dramatischen Ehestreit. Ein harmloses Liedchen wird abgelöst von emotionalen Ausbrüchen."

 

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