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Liebe Gäste, begreift doch!

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 5. Februar 2011. Am Anfang ist die Ankunft der Fremden noch recht amüsant. Angezogen wie Safari-Touristen und bewaffnet mit Wurfzelten, Klappstühlen und Mini-Fernseher fallen die Griechen in Kolchis ein. Angesprochen werden sie auf Türkisch, beschimpft als Interessenvertreter und eingelullt mit Bauchtanz. Auch Jasons Eintreffen im Land der Barbaren spielt sich eher auf der Ebene bunter Bühnenzauber denn hoher Tragödienton ab. Auf klobigen Kothurnen wankend, veralbert der Argonautenführer die erste Liebesszene zwischen ihm und Medea mit Seifenblasen, Konfetti und Gitarrenklängen.

Im zweiten Teil des Abends aber wird es ernst. Da wird Fremdsein nicht bloß als bittere Erfahrung der Zauberin Medea im zivilisierten Griechenland verhandelt, sondern vor allem zum Beitrag der Migrationsthematik aktualisiert.

Helden, Handel, Heutigkeit

Autor Kai Schubert hat Grillparzers Trilogie "Das goldene Vlies" als Zweiteiler "Kolchis" und "Medea" für das Wuppertaler Schauspiel neu verfasst. Vom Netz aus Handelskontakten ist da die Rede, und vom Volk mit dem Heldenkomplex. Die Kolcher fürchten die Globalisierung, Medea prostituiert sich für die Freiheit. Grillparzers psychologisierte Tragödie der Argonauten-Sage wird zum Integrationsdrama, sein Humanitätsideal durch Kosten-Nutzen-Rechnung in Frage gestellt.

Authentizitätscharakter bekommt Jenke Nordalms Inszenierung durch die Zusammenarbeit mit der türkischen Theatergruppe Elele Tiyatrosu (Theater Hand in Hand). Deren Schauspieler sprechen mal türkisch, mal deutsch (die Verse gibt es in der jeweils anderen Sprache als Übertitel) und – klugerweise – meistens im Chor. Sie sind die weißgewandeten, gut gelaunten Kolcher, die freundlich ins Publikum winken, und die die Fremden auffordern, ihre Schuhe auszuziehen, bevor sie einkehren. Später sind sie mit der Königstochter Medea nach Griechenland Ausgewanderte, tragen dann Anzug oder Özil-Trikot und verdammen als Vielfach-Gora Medeas Mord an deren Kindern.

Vor allem aber sind sie Angeklagte und stumme Ankläger einer Sarrazin-gemäßen Ansprache des Kreon. Martin Molitor gibt überzeugend blasiert den vermeintlich diplomatischen Geschäftsmann unter den Fremdenfeinden. Der rechnet ab, indem er vorrechnet. Provoziert, indem er abschwächt: "Liebe Gäste, begreift doch: / Ihr habt schlichtweg keinen Nutzen für unser Leben hier / Wie soll ich meinem Volk erklären / Dass ich euch durchfüttere / Und allen geht's schlechter hier?" Dafür bekommt er sogar den Bambi verliehen.

Hexen, Hotpants, Haltlosigkeit

Und Medea? Maresa Lühle durchläuft an diesem Abend mehrere Gemütszustände. Von der mystisch-steifen Hexentochter bis zur verzweifelt liebhassenden Mutter. Ihre Medea hat Grillparzers Leier gegen den Laufsteg ausgetauscht. Zur besseren Integration und um Jason zu gefallen, versucht sie sich am sexy Gang in Hotpants und High-Heels.

Und trotzdem: In Jenke Nordalms Inszenierung ist Medea zu einer Metapher herabgeschrumpft. Raum für eine Psychologisierung ihrer Figur bleibt der Schauspielerin kaum. Schuberts Text ist um viele Szenen und Verse gekürzt, andere werden als Botenbericht von einem Erzähler gesprochen. Es ist nicht die große Tragödie, die hier gespielt wird. Auf Medeas Schultern lastet kein Vlies, sondern die Migrationsdebatte.

In dieser Fokussierung funktioniert der Abend dennoch. Über Gastrecht und Fremdsein muss heute gesprochen werden, und man kann es mit Grillparzer (und Schubert) – und auch in Türkisch. Auf Birgit Stoessels Bühne bewegen sich die Darsteller auf einer halbrunden Kugel. Die bietet so wenig Standfestigkeit wie eine unbekannte Welt.

Kein Halt. Nirgends.

Das goldene Vlies
von Franz Grillparzer und Kai Schubert
Koproduktion mit dem Elele Tiyatrosu (Theater Hand in Hand) Wuppertal
Regie: Jenke Nordalm, Bühne und Kostüme: Birgit Stoessel, Chorleitung: Peter Wallgram, Dramaturgie: Oliver Held.
Mit: Göhkan Duruduygu, Seval Güngör, Veysel Karadon, Nilüfer Karadon-Özkandemir, Gül Koral, Holger Kraft, Maresa Lühle, Martin Molitor, Esra Özcan, Juliane Pempelfort, Gülcin Tuncer, Ali Ünal, Marco Wohlwend, Kinder: Efekan Kizilkaya/Yalcin Mehni/Timur Yuval Reinhardt/Yilmaz Seyfi.

www.wuppertaler-buehnen.de

 

Mehr goldene Vliese: Karin Beier inszenierte das Grillparzer-Drama 2008 am Schauspiel Köln, David Bösch 2009 am Deutschen Theater Berlin. Von Jenke Nordalm besprachen wir ihre Inszenierung von A. L. Kennedys Paradies im September 2009 in Tübingen und Heute werde ich nicht alt im Februar 2009 in Aachen.


Kritikenrundschau

Auf der Wuppertaler Bühne inszeniere Jenke Nordalm die "Ankömmlinge wie unbedarfte Touristen", sagt Christiane Enkeler in der Sendung Mosaik auf WDR 3 (7.2.2011). "Dass die Kolcher so strahlend hell auftreten, bürstet dabei wohltuend die scharfe Grillparzer'sche Lichtmetaphorik gegen den Strich, in der das wilde Land und seine Bewohner von dunkler Düsternis geradezu durchdrungen sind." In Schuberts Neubearbeitung rückten die Themen Kapitalismus und Globalisierung in den Vordergrund. "Entsprechend treten die Griechen auf wie europäische Kolonialisten, dermaßen plakativ, dass man schon bald nicht mehr daran denkt, dass hier Ensemble-Schauspieler neben schauspielernden Migranten der wievielten Generation auch immer auf der Bühne stehen." Der Text von Kai Schubert sei "klar, gemein und manchmal lustig." Das Plakative der Inszenierung lasse "Tiefe und Text aber leider manchmal in den Hintergrund treten." Fazit: "Eine brillante Inszenierung ist die Wuppertaler nicht, aber ein Versuch auf dem langen Weg, das Theater zu öffnen."

Vor der Premiere fragte sich die Rezensentin der Westdeutschen Zeitung (6.2.2011) Martina Thöne: "Werden die Zuschauer der ohnehin komplexen Handlung folgen können, wenn sie auch noch zweisprachig erzählt wird? Ist es eine gute Idee, Profis und Laien gemeinsam ins Rampenlicht zu stellen? Kann am Ende überhaupt eine homogene Inszenierung entstehen? Die Antwort ist ein dreifaches 'Ja'." Einschränkungen macht die Kritikerin in ihrem Lob dennoch: Die Koproduktion mit der türkischen Truppe Elele Tiyatrosu setze "kein Ausrufezeichen, das man nie wieder vergessen dürfte". Dem Autor der Neubearbeitung Kai Schubert gelängen zwar "wichtige Akzente", wenn er Grillparzer vor dem Hintergrund der aktuellen "Migrations-Debatte" neu arrangiere; sein Text überzeuge "durch verbale Spitzfindigkeiten und zeitgemäße Seitenhiebe, hat jedoch den Nachteil, dass sich der pädagogische Zeigefinger mitunter zu ambitioniert erhebt."

 

 
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