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Das Sofa als Wille und Vorstellung

von Guido Rademachers

Köln, 11. Februar 2011. Solche Müdigkeit steckt an. Im Schlussbild lässt Regisseur Alvis Hermanis – so viel Regieeinfall muss am Ende schon sein – Oblomows hyperaktiven Gegenpart Stolz sich in dessen Bett verkriechen. Um dann das Licht auf der Bühne aus- und im Zuschauerraum anzudrehen. Der Hinweis auf den Oblomow in uns allen wäre gar nicht nötig gewesen. Denn während der dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer war der Kampf gegen das Einnicken unschwer erkennbares Thema im Publikum.

Im Grunde ist gleich zu Beginn auch schon das Wesentliche erzählt. Spärliches Morgenlicht fällt auf die in die Halle Kalk verfrachtete naturalistische Guckkastenbühne mit Muschelbandrahmen. Nicht die Vier-Zimmer-Stadtwohnung des Romans wird gezeigt, in der Gutsbesitzer Oblomow wenigstens den Anschein von Stand wahrt, sondern eine Bruchbude, in der der Diener nur von Spinnweben und einem gusseisernen Kohleofen getrennt neben seinem Herrn pennt.

In dieser, komplizierte Auftritte ersparenden Einheits-Patentbühne ist dafür von der Rautenmustertapete bis zur unter der Stuckrosette glühenden Gaslampe alles originalgetreu in die Romanzeit, also die Mitte 19. Jahrhundert, entrückt. Eine Wanduhr tickt, und vergraben unter Federdecken auf einem, schon beim Ansehen für Verspannungen sorgenden, kleinen aber pittoresken Sofa schnarcht Oblomow. Es hört sich an wie leises Jammern. Zu diesem Bild will die Inszenierung immer wieder zurück. Und wenn es mit Oblomow nicht mehr geht, weil der an einem Schlaganfall gestorben ist, dann eben mit dessen hinterbliebenem Freund Stolz.

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Hier schnarcht Herr Oblomow (Gundars Abolins)
©Hermann und Clärchen Baus

Jammern unter Federdecken

Die Kölner Bühnenfassung von Gontscharows "Oblomow" geht das Textproblem pragmatisch an und versucht schlicht, das Viertel Dialog des Romans als eigenständiges Drama herauszulösen. Am Anfang noch recht ausführlich, gegen Ende immer lückenhafter. Umzug, Heirat Oblomows und Geburt des Sohnes fehlen völlig. Ebenso wie praktisch alle rein erzählerischen Passagen. Das zentrale Kapitel "Oblomows Traum", immerhin etwa 60 Seiten lang, schnurrt zur Kurzerzählung zusammen – ohne Punkt, Komma und Betonung als kaum zu verstehendes Einerlei heruntergelesen von einem Jungen im Grundschulalter.

Martin Reinkes mit eigenen Worten und noch eigenerer Charakter-Quetschstimme animprovisierte Lebensgeschichte des von ihm gespielten Stolz erinnert an vorangegangene biografisch-theatrale Arbeiten Hermanis' in Köln. Von deren Besonderheit ist diesmal wenig zu spüren. Durch konventionelle, manchmal auch nur roh wirkende Arrangements jammert und seufzt sich mit leichtem Akzent und schwer herabhängenden Backen der Lette Gundars Abolins als Oblomow. Seine Stimme hat er auf leise und hoch getunt, an seiner Seite krächzt Albert Kitzl als Diener Sachar mit ausgestopften Groteskhintern. Beiden gemeinsam ist ein in Hermanis' Sedierungs-Setting nicht wirklich auslebbarer Hang zum Boulevard.

Schläfrig sein, schläfig machen

Immerhin kommt etwas Drive mit dem Erscheinen von Ojlga, gespielt von Dagmar Sachse, auf. Abolins trippelt und springt neben seiner Kurzzeitgeliebten herum und streichelt seinen angeschnallten Kunst-Wanst, soweit die Hände reichen. Sachse kichert neben ihm, dass die roten Korkenzieherlöckchen nur so wackeln, und lässt schon mal die Hausmatrone in spe durchblicken. Beide sitzen auf einer Bank, dahinter ist eine Leinwand aufgespannt mit aufgemalter Parklandschaft in Sepia. Die für ein Foto aufgebaute Kulisse, mit dem Hermanis die Spielorte des Romans in Oblomows Zimmer holt. Der Fotoapparat wird zum technischen Antipoden Oblomows: den Moment festhalten, anstelle ihn loslassen.

Solche inszenatorischen Lichtblicke sind selten. Es bleibt der Eindruck von einem Schmalspur-Oblomow. Ein nicht unsympathischer Kauz ohne Fallhöhe und Bedeutung. Der schläfrig ist und schläfrig macht.

 

Oblomow
von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow
Regie: Alvis Hermanis, Bühne und Kostüme: Kristine Jurjane, Dramaturgie: Götz Leineweber. Mit: Gundars Abolins, Albert Kitzl, Dagmar Sachse, Martin Reinke, Robert Dölle, Torsten Peter Schnick.

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr zu Alvis Hermanis gibt es im nachtkritik-Archiv. Der Schauspieler Gundars Abolins gehört zu Hermanis' Stammensemble und schlüpfte zum Beispiel in Sonja in die Rolle einer Frau im Leningrad der 30er Jahre.

 

Kritikenrundschau

Von eimnem "grandios trübsinnigen Kölner Oblomow" spricht Marion Ammicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (13. Februar 2011). Hermanis erzähle in der Kölner Halle Kalk "klug gekürzt in fabelhaft altmodischen Bildern" von Stillstand und Weltverweigerung. Im Zentrum des Abends "Oblomow alias Gundars Abolins mit lettisch-russischem Akzent und Schaumstoffbauch, rotblond mit glasigem, erregt nach innen gerichtetem Weltverweigerungsblick." Das Bühnenportal sei einem alten Foto gleich gerahmt, meterhohe Fliederstrauchbouquets würden zur Tür hereingefahren, Leinwände mit Landschaftsillusionsmalerei mitten in der Stube entrollt. "Streicher blähen sich unheilsschwanger, und irgendwo bleibt eine Platte hängen, auf der Bellinis Casta-Diva-Arie in Endlosschleife läuft. Die Uhr in der Stube tickt. Und es fühlt sich an, als hätte Hermanis uns gleich mit auf die Couch gelegt."

Nicht zufrieden zeigt sich Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (Kultur heute, 12.2.2011). Mit seiner pittoresken Bebilderung des verstaubten bleiernen Russland fünfzig Jahre vor der Oktoberrevolution ist Alvis Hermanis aus ihrer Sicht zwar formal zu seinen frühen triumphalen Wurzeln zurückgekehrt. Die Kritikerin fühlt sich an diesem Abend vor allem an dessen "Revisor" erinnert. Doch so sehr man auch immer wieder von wundervoll absurden Momenten dieses Abends zehre, so deutlich sehe man Hermanis diesmal auch mit den Stoffmassen des Romans und den Gegebenheiten der Kölner Halle Kalk kämpfen. Nicht alle szenischen Lösungen und Stoffstraffungen leuchten der Kritikerin ein. Auch findet sie den Gesamtbefund des aufwändigen Abends eher unbefriedigend.

Peter Michalzik gesteht in der Frankfurter Rundschau (14.2.2011), während der Aufführung geschlafen zu haben. Doch dem Geständnis folgt die Einsicht: "Es geht um die Sache selbst, sozusagen das richtige Rezeptionsverhalten. Denn wer sich hier - wo Oblomow fast eine Stunde mit seinem Diener Sachar herumdämmert, um dann, nach einem emotionalen Zwischenhoch, am Ende wieder im schwerelosen Grau des Tagschlafs zu versinken - erfolgreich gegen den Schlaf wehrt, der ihn im Dunkel des Zuschauerraums selbstverständlich anfällt, dem ist nicht zu helfen. Der kann diesen Oblomow wahrscheinlich nicht verstehen." Theatral sei die Aufführung dann aber doch "irgendwie unergiebig, ein bisschen lustig, sonst aber eindimensional und absehbar. Will Alvis Hermanis tatsächlich dem Altmeister Dieter Dorn frühvergreiste Konkurrenz machen?" Hermanis entwerfe mit "einen merkwürdig überflüssigen Theatertraum. Niemand glaubt, dass man die Ästhetik des 19. Jahrhunderts zurückholen kann oder soll. Der Regisseur versucht es trotzdem. Er versucht sich damit sozusagen an der Klamotte als höherer Kunstform."

Während Gontscharows episches Werk von seiner lyrischen Eleganz lebt und die Sicht auf den 'Helden' zwischen Sympathie und Ironie schillert, tritt die szenische Fassung trotz boulevardesker Einsprengsel mehr oder minder auf der Stelle", schreibt Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (14.2.2011). Zudem sei Hermanis' "Reader's Digest-Version" nicht immer glücklich gekürzt. "Immerhin, mit Dagmar Sachses lebenspraller Olga bekommt der zweite Teil einen willkommenen Stromstoß. Oblomows Achterbahnfahrt zwischen amouröser Verzückung und bangem Skrupel scheint auch die Regie kurz aus ihrer kunstgewerblichen Milieu-Malerei zu erlösen." Doch insgesamt sei "diese Inszenierung so sorgfältig geklöppelt wie Brüsseler Spitze - und ebenso antiquiert."

"Iwan Alexandrowitsch Gontscharow hätte seinen großartigen Roman, einen der schönsten der Weltliteratur, nicht zu schreiben brauchen, wenn es darin nur um das Porträt eines Sonderlings ginge", verkündet Martin Krumbolz (Süddeutsche Zeitung, 15.2.2011). In jedem Menschen stecke, "wenigstens in Spurenelementen", ein Oblomow, "jemand, den es lebenslang zu bekämpfen gilt, will man nicht im Sumpf der Behaglichkeit und Schwerfälligkeit versinken". Die Inszenierung von Alvis Hermanis beginne beeindruckend. Aber "so pastos Hermanis den ersten Teil des Romans ausgepinselt hat, so hastig durchquert er den zweiten und dritten Teil". Manch hübsches Detail falle dem Regisseur ein, doch da "die Figurenkonstellation aus der Balance gerät, da also die maßgeblichen Gegengewichte nicht scharf genug berechnet sind, rutscht die Temperatur der Aufführung nach und nach fast unmerklich in den sublimen Kitsch". Auf "achtbarem Niveau" sei dies ein "misslungener Abend".

"Es ist eine vergangene, versunkene Welt, die Ausstatterin Kristine Jurjane in vielen Farben braun heraufbeschwört: Oblomows Petersburger Wohnung atmet das Russland des neunzehnten Jahrhunderts", schreibt Andreas Rossmann (FAZ, 15.2.2011). Zu erleben sei hier ein Oblomow, dem alles zu viel ist: "Nichts bringt er auf die Reihe. Was ansteht, verschiebt er. Ein Sitzfleischberg und Ausweichei." Die Trägheit sei, "und das macht diesen Oblomow auch sympathisch", kein "dumpfes Phlegma, sondern die Abwehr einer Lebensangst, die ihn, einen passiven, zartbesaiteten, empfindsam reflektierenden Weltverbesserer, zur Lethargie verurteilt". Die Frage, für wen dieser Oblomow steht, lasse die Inszenierung dabei offen. "Demonstrativ verweigert sich Alvis Hermanis, ein Oblomow der Regiekunst, allen Aktualisierungstendenzen und verteidigt ein Theater, das sich mit der Gegenwart nicht gemein macht."

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